Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
warteten. Deshalb that ich, als ob ich mich entfernen wollte, und kaum war ich
ihnen aus dem Gesicht gekommen, als sie auch schon, einer nach dem andern, wieder
ins Korn fielen. Das reizte mich so, daß ich nicht Geduld hatte zu warten, bis
sich noch mehre eingefunden haben würden. Ich wußte, daß jedes Korn, das sie
jetzt fraßen, mich sozusagen um eine zukünftige Metze bringe. Daher schlich
ich mich an die Hecke und tödtete diesmal drei. Das war auch für meinen Zweck
vorläufig genug. Ich machte es mit den Erlegten, wie man es in England mit ausgezeichneten
Dieben macht: ich hing sie nämlich, zum abschreckenden Exempel für die anderen,
auf. Man sollte kaum denken, daß dies eine solche Wirkung hätte haben können,
wie es in der That der Fall war. Denn die Vögel blieben von nun an nicht nur
von meinem Korn weg, sondern zogen sich auch sehr bald ganz aus dieser Gegend
der Insel weg, und ich habe, so lange die Vogelscheuchen hingen, niemals wieder
einen der gefiederten Diebe in der Nähe meines Feldes bemerkt. Wie man denken
kann, war ich sehr erfreut darüber; gegen Ende des December, in der zweiten
Herbstzeit des Jahres, heimste ich dann mein Korn ein.
Da mir bei dieser Arbeit der Mangel einer Sense oder Sichel sehr fühlbar wurde,
blieb mir nichts Anderes übrig, als mir, so gut es ging, eine solche aus einem
der breiten Säbel, die ich unter den Waffen aus dem Schiffe gerettet hatte,
anzufertigen. Uebrigens war meine erste Ernte nur mäßig, und das Schneiden derselben
machte mir daher keine große Mühe. Ich vollzog es auf meine besondere Weise,
indem ich nur die Aehren abschnitt und sie in einem großen Korb, den ich mir
geflochten, heimbrachte. Dann entkörnte ich sie mit den Händen und gewann dabei
nach meinem Ueberschlag (denn ich mußte nach dem bloßen Auge schätzen, da ich
kein Maß hatte) nur etwa zwei Scheffel Reis und über zwei und einen halben Scheffel
Gerste.
Trotzdem diente diese Ernte mir zu großer Ermuthigung, da ich hoffte, mir nun
mit Gottes Hülfe in Zukunft auch Brod verschaffen zu können. Dabei zeigten sich
aber neue Schwierigkeiten. Ich wußte nämlich weder, wie ich das Korn zerquetschen
und Mehl daraus bereiten, noch wie ich dieses von der Kleie reinigen solle,
und ebensowenig wie ich dann aus dem Mehl Brodteig gewinnen und diesen backen
könne. Diese Zweifel vereint mit dem Wunsche, einen reichlichen Vorrath zu besitzen,
um für meinen künftigen Unterhalt Sorge zu tragen, veranlagten mich, die jetzige
Ernte noch nicht anzugreifen, sondern sie abermals ganz zur Aussaat aufzubewahren.
Inzwischen nahm ich mir vor, all mein Nachdenken und meine ganze Thätigkeit
auf das große Werk der Brodbereitung zu verwenden.
Jetzt konnte ich mit Wahrheit sagen, daß ich für mein tägliches Brod arbeite.
Es ist fast wundersam, und wenige Menschen haben wohl je darüber nachgedacht,
wie viel Dinge nothwendig sind, um nur den einen Artikel Brod bis zur Vollendung
zu bringen. Mir aber, der ich im nackten Zustand der Natur lebte, kam dies,
seit ich die erste Handvoll Korn gewonnen, in entmutigender Weise zu täglich
klarerem Bewußtsein.
Zunächst hatte ich weder einen Pflug, die Erde zu ackern, noch einen Spaten,
sie umzugraben. Diesem Mangel half ich jedoch, wie erzählt, ab, indem ich mir
einen hölzernen Spaten machte. Allein mit diesem ging die Arbeit eben auch nur
in hölzerner Manier von Statten, und wiewohl seine Anfertigung mich manchen
Tag gekostet hatte, nutzte er sich, weil er keinen eisernen Beschlag hatte,
rasch ab, und ich brachte die Arbeit mit ihm auch nur ungenügend zu Stande.
Indeß schickte ich mich auch hierein mit Geduld.
Sodann, als das Korn gesäet war, fehlte es mir an einer Egge. Ich half mir,
indem ich, über das Land gehend, einen großen und schweren Baumzweig darüber
schleifte und die Erde also mehr kratzte als eggte. Dann brauchte ich, sobald
das Korn hervorgewachsen war, gleichfalls, wie schon erwähnt ist, eine Menge
von Dingen, um es einzuzäunen, zu schneiden, zu trocknen, einzubringen, zu dreschen,
von der Spreu zu trennen und es dann aufzubewahren Ferner hätte ich auch eine
Mühle nöthig gehabt, es zu mahlen, Siebe, um das Mehl zu reinigen, Hefe und
Salz, um Brod daraus zu machen, und einen Ofen, um es zu backen. Trotzdem ich
alle diese Dinge entbehrte, war mir das Korn doch von unschätzbarem Vortheil.
Die Mühsamkeit und Langwierigkeit der Arbeit hatte, abgesehen davon, daß sie
eben nicht zu äudern war, insofern für mich keine Bedeutung, als ich ja mit
meiner Zeit nicht so sparsam zu sein brauchte. Ich hatte einen Theil des Tages
für jene Arbeiten ein und für allemal bestimmt, und da ich Willens war, vorläufig
Nichts von dem Korn für Brod zu verwenden, so konnte ich während der nächsten
sechs Monate meine ganze Thätigkeit und Erfindungsgabe zur Beschaffung von Gerätschaften
benutzen, welche für die spätere Verwerthung meines Getreides nöthig waren.
Da ich jetzt Samen genug besaß, um mehr als einen Morgen Land damit zu bestellen,
mußte ich mir zunächst ein größeres Stück Erde bearbeiten. Vorher brauchte ich
über eine Woche zur Anfertigung eines Spatens, der aber, wie gesagt, doch nur
ein trauriger Nothbehelf wurde und doppelte Anstrengung bei der Arbeit nöthig
machte. Nachdem ich auch damit zu Stande gekommen, streute ich meinen Samen
in zwei große, flache Landstücke, die meinem Hause zunächst gelegen waren und
mir tauglich schienen. Ich umgab sie mit einer dichten Hecke von demselben Strauchwerk,
das ich schon früher angepflanzt hatte, und das, wie ich wußte, von raschem
Wachsthum war, so daß ich binnen Jahresfrist auf eine starke lebendige Hecke
rechnen konnte, die nur geringer Ausbesserung bedurfte. Ich brauchte zu dieser
Arbeit nicht weniger als drei volle Monate, weil der größte Theil dieser Zeit
in die Regenperiode fiel, in der ich nicht oft ausgehen konnte.
Während des Regens unterhielt ich mich zu Hause bei der Arbeit damit, daß ich
meinen Papagei sprechen lehrte. Es gelang mir bald, ihm seinen eigenen Namen
beizubringen, so daß er ihn zuletzt ganz deutlich aussprach. Pol war das erste
Wort, was ich auf der Insel aus einem andern als meinem eignen Munde hörte.
Daneben verwendete ich meine Hauptthätigkeit auf ein neues großes Unternehmen.
Längst hatte ich nämlich auf Mittel und Wege gesonnen, mich mit einigen irdenen
Gefäßen zu versehen, die ich schmerzlich entbehrte. Ich war überzeugt, daß ich,
sobald sich nur eine einigermaßen geeignete Art Thon finden ließe, daraus Töpfe
formen könnte, die, in der Sonne des heißen Klimas getrocknet, hart und stark
genug zur Benutzung und namentlich zur Aufbewahrung trocken zu haltender Sachen
sein würden. Da ich sie vor Allem um Korn, Mehl und dergleichen zu bereiten
brauchte, so beschloß ich jetzt einige solche möglichst große Gefäße im Voraus
anzufertigen, an die ich weiter keine Ansprüche machte, als daß sie wie Krüge
aufrecht stehen und was ich hinein thäte wohl verwahren könnten.
Der Leser würde mich bedauern, oder wahrscheinlicher auslachen, wenn ich ihm
erzählte, wie viel ungeschickte Versuche ich hierbei unternahm, was für wunderliche,
plumpe, häßliche Dinger ich zu Stande brachte, wie viele davon zusammen oder
auseinander fielen, weil der Thon nicht steif genug war, die Form zu halten;
wie viele ferner in der starken Sonnenhitze sprangen und wie viele vom bloßen
Anfassen entzwei gingen. Nachdem ich mit großer Mühe den Thon gefunden, ihn
ausgegraben, angefeuchtet nach Hause getragen und verarbeitet hatte, gelang
es mir, binnen ungefähr zwei Monaten nicht mehr als zwei große häßliche Dinger
(Krüge darf ich sie nicht nennen) fertig zu bringen.
Als die Sonne diese hart und trocken gebrannt hatte, flocht ich sie in Körbe,
damit sie nicht zerbrechen sollten. Den kleinen Raum zwischen den Töpfen und
dem Geflecht füllte ich mit Reis- und Gerstenstroh aus und hoffte nun, diese
Gefäße würden Korn und Mehl aufbewahren können.
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