Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
vor zwei Jahren gesucht hatte.
Sonst, wenn ich umher gewandert war, auf der Jagd, oder um das Land kennen zu
lernen, hatte oft eine plötzliche Angst meine Seele überfallen und mir das Herz
beklemmt. Der Gedanke an die Wälder, die Berge, die Einöde, die mich umgab,
und wie ich eingeschlossen sei durch die ewigen Riegel und Schlösser des Oceans,
in einer öden Wildniß, ohne Hoffnung auf Erlösung, hatte mich da oft niedergebeugt.
Mitten in der ruhigsten Stimmung war es oft wie ein Sturmwind über mein Gemüth
gekommen, und mit gerungenen Händen hatte ich oft wie ein Kind weinen müssen.
Zuweilen hatte mich’s mitten in der Arbeit überfallen, dann hatte ich mich sofort
niedergesetzt und stundenlang seufzend auf die Erde geblickt. Und gerade dieser
Zustand war der schlimmste, denn wenn mein Kummer sich in Thränen oder Worten
Luft machen konnte, pflegte er sich bald zu mildern.
Jetzt aber fing ich an, mich in anderen Stimmungen zu ergehen. Ich las täglich
in Gottes Wort und wendete seine Tröstungen auf meine gegenwärtige Lage an.
Eines Morgens, da ich sehr traurig war, fiel mir die Bibelstelle in die Augen:
»Ich will dich nicht verlassen noch versäumen«. Sofort fiel mir auf, daß diese
Worte wie für mich geschrieben seien. Weshalb wären sie auch sonst wohl gerade
in dem Augenblick mir aufgestoßen, als ich mich über meine Lage grämte und klagte,
daß ich ein von Gott und Menschen Verlassener sei? »Nun denn«, sagte ich mir
jetzt, »wenn Gott dich nicht verlassen will, was kann dir dann geschehen, und
was liegt daran, wenn auch die ganze Welt dich verläßt, da du doch siehst, daß,
wenn du die ganze Welt gewännest und solltest Gottes Gnade und Segen dafür entbehren,
dein Schade unvergleichlich größer sein würde!«
Von diesem Augenblick an kam ich zu der Erkenntniß, daß ich in dieser Einsamkeit
seliger zu sein vermochte, als ich vermuthlich in irgend einer andern Lebenslage
gewesen wäre. Nun dankte ich Gott sogar dafür, daß er mich hierher gebracht
hatte. Aber ich weiß nicht, wie es kam, daß ich bei diesem Gedanken erschrak
und ihm nicht Worte zu geben wagte. »Wie kannst du so heucheln«, sagte ich laut
vor mich hin, »und dich stellen, als ob du Gott für eine Lage dankbar seiest,
in der zufrieden zu sein du zwar dir Mühe gibst, aus der du aber doch mit herzlichem
Dank dich befreien lassen würdest.« Wenn ich nun auch in solcher Weise mit meinem
Danke inne hielt, so sprach ich ihn doch um so aufrichtiger dafür aus, daß mir
Gott die Augen geöffnet und mich mein früheres Leben im richtigen Lichte hatte
sehen, betrauern und bereuen lassen. Niemals öffnete oder schloß ich die Bibel,
ohne Gott für die segensreiche Fügung zu danken, der meinen Freund in England.
ohne daß ich ihm Auftrag dazu gegeben, veranlaßt hatte, sie unter meine Habe
zu packen, und der mir beigestanden, daß ich sie später aus dem Schiffswrack
hatte retten können.
In solcher Gemüthsstimmung begann ich mein drittes Jahr. Wenn ich aus dem Verlaufe
des zweiten bezüglich meiner Arbeiten den Leser auch nicht mit dem Bericht über
so viel Einzelnheiten ermüdet habe wie in der Erzählung von dem ersten, so wird
man doch im Allgemeinen bemerkt haben, daß ich selten müßig gewesen war. Ich
hatte meine Zeit regelmäßig eingetheilt und für gewisse tägliche Beschäftigungen
fest bestimmt. Dazu gehörten vor Allem mein Gottesdienst und das Bibellesen,
das ich eine Zeitlang täglich dreimal vornahm; zweitens, mein Ausgang mit dem
Gewehr nach Lebensmitteln, der mich gewöhnlich drei Morgenstunden in Anspruch
nahm, wenn es nicht gerade regnete; drittens die Eintheilung und Zubereitung
dessen, was ich erlegt oder gefangen hatte. Auch darüber ging ein großer Theil
des Tages hin. Es ist dabei übrigens nicht zu vergessen, daß um Mittag, wenn
die Sonne im Zenith stand, das Uebermaß der Hitze mich am Ausgehen hinderte,
so daß ich nur etwa vier Abendstunden für jene Arbeit verwenden konnte. Zuweilen
vertauschte ich auch die Zeit der verschiedenen Geschäfte, arbeitete am Morgen
und ging dafür am Nachmittag auf die Jagd.
Neben der Kürze der Zeit, die ich auf die Arbeit verwenden konnte, muß man die
ungemeine Mühseligkeit der letzteren in Anschlag bringen und bedenken, wie viele
Stunden durch Mangel an Werkzeug, an Hülfe, an Geschick bei Allem, was ich in
Angriff nahm, verloren ging. So brachte ich zum Beispiel volle zweiundvierzig
Tage damit zu, ein Brett für ein langes Gestell herzurichten, das ich für meine
Höhle brauchte. Zwei Zimmerleute mit dem gehörigen Werkzeug und einem Sägebock
hätten in einem halben Tag aus demselben Baum sechs solcher Bretter schneiden
können.
Das Verfahren, was ich bei jener Arbeit einschlug, war folgendes: Zunächst war
ich genöthigt einen großen Baum zu fällen, da mein Brett eine ansehnliche Breite
haben mußte. Damit hatte ich drei Tage zu thun, und zwei weitere nahmen die
Entfernung der Zweige und die Gestaltung des Stammes zu einem einzigen Block
in Anspruch. Mit unglaublicher Arbeit hackte und hämmerte ich an den beiden
Seiten des Baumes, bis er begann sich leicht genug bewegen zu lassen. Hierauf
machte ich ihn auf der einen Seite von einem Ende bis zum andern eben und glatt
und nahm dann dieselbe Arbeit auf der anderen Seite vor, bis das Brett etwa
drei Zoll dick war. Jedermann kann sich vorstellen, wie viel Mühe diese Thätigkeit
erforderte, aber Fleiß und Geduld ließen mich dieses, wie viele andere Dinge,
endlich doch fertig bringen.
Es waren jetzt die Monate November und December herangekommen, und ich hoffte
bald eine Ernte von meinem Reis und Korn zu gewinnen. Das Feld, das ich damit
besäet, war nicht groß, da, wie bemerkt, meine Aussaat von jeder Kornart, weil
ich die frühere ganze Ernte eingebüßt, nicht mehr als eine halbe englische Metze
betragen hatte. Diesmal aber versprach der Ertrag reichlich zu werden. Da aber
sah ich plötzlich mein Getreidefeld von allerlei Feinden bedroht, die ich nur
mit Mühe von ihm fern halten konnte. Vor Allem durch die Ziegen und die hasenähnlichen
Thiere, welche Geschmack an den Halmen gefunden hatten und Tag und Nacht daran
fraßen, so daß viele Halme nicht zu Aehren aufgehen konnten.
Hierfür sah ich kein anderes Mittel der Abhülfe, als daß ich mit großer Arbeit
und Eile eine Einfriedigung um das Stück Land zog. Innerhalb drei Wochen war
das kleine Feldstück vollkommen eingehegt, und da ich bei Tage mehrmals einige
von den Thieren schoß, und des Nachts meinen Hund, den ich an einen der Pfähle
band, wo er die ganze Nacht hindurch bellte, zum Wächter setzte, so zogen sich
die Feinde binnen kurzer Zeit weg, und das Korn wuchs hoch heran, stand gut
und begann zusehends zu reifen.
Wie mir aber früher die vierfüßigen Thiere Schaden gethan hatten, so lange das
Korn grün war, so drohten ihm jetzt, als es Aehren trug, die Vögel. Als ich
das Feld besuchte, um zu wissen, wie es gedeihe, fand ich eine Menge gefiedertes
Volk ringsherum, das nur auf den Augenblick zu warten schien, bis ich mich entfernt
habe. Sofort gab ich, da ich mein Gewehr bei mir trug, Feuer unter den Schwarm,
und alsbald erhob sich mitten aus dem Korn eine Wolke von Vögeln, die ich vorher
gar nicht gesehen hatte.
Dies verdroß mich sehr, denn ich sah voraus, daß binnen wenigen Tagen meine
ganze Hoffnung zu nichte sein, sowie daß ich es niemals bis zu einer ordentlichen
Ernte bringen und später in Mangel gerathen würde. Daher beschloß ich mein Korn,
wenn möglich, zu retten, und wenn ich es auch Tag und Nacht bewachen sollte.
Zuerst untersuchte ich den schon angerichteten Schaden und fand, daß die Vögel
eine Menge Körner bereits gefressen hatten. Da diese aber noch zu grün waren,
belief sich der Verlust nicht sehr hoch, und wenn ich den Rest rettete, so konnte
die Ernte wohl immer noch eine gute werden.
Während ich bei dieser Gelegenheit, neben dem Feld stehend, mein Gewehr lud,
sah ich die Diebe rings auf allen Bäumen sitzen, als ob sie nur auf mein Weggehen
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt