Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Wind, die wir gestern hatten, wie?« – »Eine Hand voll Wind nennst du das?« erwiederte
ich; »es war ein gräßlicher Sturm.« – »Ein Sturm? Narr, der du bist; hältst
du das für einen Sturm? Gib uns ein gutes Schiff und offene See, so fragen wir
den Teufel was nach einer solchen elenden Brise. Aber du bist nur ein Süßwassersegler;
komm, laß uns eine Bowle Punsch machen, und du wirst bald nicht mehr an die
Affaire denken. Schau, was ein prächtiges Wetter wir haben!«
Um es kurz zu machen, wir thaten nach Seemannsbrauch. Der Punsch wurde gebraut
und ich gehörig angetrunken. Der Leichtsinn dieses einen Abends ersäufte alle
meine Reue, all meine Gedanken über das Vergangene, alle meine Vorsätze für
die Zukunft. Wie die See, als der Sturm sich gelegt, wieder ihre glatte Miene
und friedliche Stille angenommen hatte, so war auch der Aufruhr in meiner Seele
vorüber. Meine Befürchtungen, von den Wogen verschlungen zu werden, hatte ich
vergessen, meine alten Wünsche kehrten zurück, und die Gelübde und Verheißungen,
die ich in meinem Jammer gethan, waren mir aus dem Sinn. Hin und wieder stellten
sich indessen meine Bedenken wiederum ein, und ernsthafte Besorgnisse kehrten
von Zeit zu Zeit in meine Seele zurück. Jedoch ich schüttelte sie ab und machte
mich davon los gleich als von einer Krankheit, hielt mich ans Trinken und an
die lustige Gesellschaft und wurde so Herr über diese »Anfälle«, wie ich sie
nannte. Nach fünf oder sechs Tagen war ich so vollkommen Sieger über mein Gewissen,
wie es ein junger Mensch, der entschlossen ist, sich nicht davon beunruhigen
zu lassen, nur sein kann.
Aber ich sollte noch eine neue Probe bestehen. Die Vorsehung hatte, wie in solchen
Fällen gewöhnlich, es so geordnet, daß mir keine Entschuldigung bleiben konnte.
Denn wenn ich das erste Mal mich nicht für gerettet ansehen wollte, so war die
nächste Gelegenheit so beschaffen, daß der gottloseste und verhärtetste Bösewicht
sowohl die Größe der Gefahr, als die der göttlichen Barmherzigkeit dabei hätte
anerkennen müssen.
Am sechsten Tage unserer Fahrt gelangten wir auf die Rhede von Yarmouth. Der
Wind war uns entgegen und das Wetter ruhig gewesen, und so hatten wir nach dem
Sturm nur eine geringe Strecke zurückgelegt. Dort sahen wir uns genöthigt, vor
Anker zu gehen, und lagen, weil der Wind ungünstig, nämlich aus Südwest blies,
sieben oder acht Tage daselbst, während welcher Zeit viele andere Schiffe von
New-Castle her aus eben dieser Rhede, welche den gemeinsamen Hafen für die guten
Wind die Themse hinauf erwartenden Schiffe abgab, vor Anker gingen.
Wir wären jedoch nicht so lange hier geblieben, sondern mit der Flut allmählich
stromaufwärts gegangen, hätte der Wind nicht zu heftig geweht. Nach dem vierten
oder fünften Tag blies er besonders scharf. Da aber die Rhede für einen guten
Hafen galt, der Ankergrund gut und unser Ankertau sehr stark war, machten unsre
Leute sich Nichts daraus, sondern verbrachten ohne die geringste Furcht die
Zeit nach Seemannsart mit Schlafen und Zechen. Den achten Tag aber ward des
Morgens der Wind stärker, und wir hatten alle Hände voll zu thun, die Topmasten
einzuziehn und Alles zu dichten und festzumachen, daß das Schiff so ruhig wie
möglich vor Anker liegen könnte. Um Mittag ging die See sehr hoch. Es schlugen
große Wellen über das Deck, und ein- oder zweimal meinten wir, der Anker sei
losgewichen, worauf unser Kapitän sogleich den Nothanker loszumachen befahl,
so daß wir nun von zwei Ankern gehalten wurden.
Unterdessen erhob sich ein wahrhaft fürchterlicher Sturm, und jetzt sah ich
zum ersten Mal Angst und Bestürzung auch in den Mienen unsrer Seeleute. Ich
hörte den Kapitän, der mit aller Aufmerksamkeit auf die Erhaltung des Schiffes
bedacht war, mehrmals, während er neben mir zu seiner Kajüte hinein- und herausging,
leise vor sich hinsagen: »Gott sei uns gnädig, wir sind Alle verloren« und dergleichen
Aeußerungen mehr.
Während der ersten Verwirrung lag ich ganz still in meiner Koje, die sich im
Zwischendeck befand, und war in einer unbeschreiblichen Stimmung. Es war mir
nicht möglich, die vorigen reuigen Gedanken, die ich so offenbar von mir gestoßen
hatte, wieder aufzunehmen. Ich hatte geglaubt die Todesgefahr überstanden zu
haben, und gemeint, es würde jetzt nicht so schlimm werden wie das erste Mal.
Jedoch als der Kapitän in meine Nähe kam und die erwähnten Worte sprach, erschrak
ich fürchterlich. Ich ging aus meiner Kajüte und sah mich um. Niemals hatte
ich einen so furchtbaren Anblick gehabt. Das Meer ging bergehoch und überschüttete
uns alle drei bis vier Minuten. Wenn ich überhaupt Etwas sehen konnte, nahm
ich Nichts als Jammer und Noth ringsum wahr. Zwei Schiffe, die nahe vor uns
vor Anker lagen, hatten, weil sie zu schwer beladen waren, ihre Mastbäume kappen
und über Bord werfen müssen, und unsre Leute riefen einander zu, daß ein Schiff,
welches etwa eine halbe Stunde von uns ankerte, gesunken sei. Zwei andere Schiffe,
deren Anker nachgegeben hatten, waren von der Rhede auf die See getrieben und,
aller Masten beraubt, jeder Gefahr preisgegeben. Die leichten Fahrzeuge waren
am besten daran, da sie der See nicht so vielen Widerstand entgegensetzen konnten;
aber zwei oder drei trieben auch von ihnen hinter uns her und wurden vom Winde,
dem sie nur das Sprietsegel boten, hin und her gejagt.
Gegen Abend fragten der Steuermann und der Hochbootsmann den Kapitän, ob sie
den Fockmast kappen dürften. Er wollte anfangs nicht daran, als aber der Hochbootsmann
ihm entgegen hielt, daß, wenn es nicht geschähe, das Schiff sinken würde, willigte
er ein. Als man den vorderen Mast beseitigt hatte, stand der Hauptmast so lose
und erschütterte das Schiff dermaßen, daß die Mannschaft genöthigt war, auch
ihn zu kappen und das Deck frei zu machen.
Jedermann kann sich denken, in welchem Zustand bei diesem Allen ich, als Neuling
zur See, und nachdem ich so kurz vorher eine solche Angst ausgestanden, mich
befand. Doch wenn ich jetzt die Gedanken, die ich damals hatte, noch richtig
anzugeben vermag, so war mein Gemüth zehnmal mehr in Trauer darüber, daß ich
meine früheren Absichten aufgegeben und wieder zu den vorhergefaßten Plänen
zurückgekehrt war, als über den Gedanken an den Tod selbst. Diese Gefühle, im
Verein mit dem Schreck vor dem Sturm, versetzten mich in eine Gemüthslage, die
ich mit Worten nicht beschreiben kann. Das Schlimmste aber sollte noch kommen!

Der Sturm wüthete dermaßen fort, daß die Matrosen selbst bekannten, sie hätten
niemals einen schlimmern erlebt. Unser Schiff war zwar gut, doch hatte es zu
schwer geladen und schwankte so stark, daß die Matrosen wiederholt riefen, es
werde umschlagen. In gewisser Hinsicht war es gut für mich, daß ich die Bedeutung
dieses Worts nicht kannte, bis ich später danach fragte.
Mittlerweile wurde der Sturm so heftig, daß ich sah, was man nicht oft zu sehen
bekommt, nämlich wie der Kapitän, der Hochbootsmann und etliche Andere, die
nicht ganz gefühllos waren, zum Gebet ihre Zuflucht nahmen. Sie erwarteten nämlich
jeden Augenblick, das Schiff untergehen zu sehen. Mitten in der Nacht schrie,
um unsre Noth vollzumachen, ein Matrose, dem aufgetragen war darauf ein Augenmerk
zu haben, aus dem Schiffsraum, das Schiff sei leck und habe schon vier Fuß Wasser
geschöpft. Alsbald wurde Jedermann an die Pumpen gerufen. Bei diesem Ruf glaubte
ich das Herz in der Brust erstarren zu fühlen. Ich fiel rücklings neben mein
Bett, auf dem ich in der Kajüte saß, die Bootsleute aber rüttelten mich auf
und sagten, wenn ich auch sonst zu Nichts nütze sei, so tauge ich doch zum Pumpen
so gut wie jeder Andere. Da raffte ich mich auf, eilte zur Pumpe und arbeitete
mich rechtschaffen ab.
Inzwischen hatte der Kapitän bemerkt, wie einige leichtbeladene Kohlenschiffe,
weil sie den Sturm vor Anker nicht auszuhalten vermochten, in die freie See
stachen und sich uns näherten. Daher befahl er ein Geschütz zu lösen und dadurch

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