Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

mir angelegte Doppelhecke war nicht nur fest und unversehrt, sondern es waren
auch die Pfähle, die ich von benachbarten Bäumen abgehauen hatte, ausgeschlagen
und hatten hohe Zweige getrieben, wie es die Weidenbäume im ersten Jahre, nachdem
sie geköpft sind, zu thun pflegen. Die Baumart, von der ich die Pfähle genommen,
konnte ich nicht nennen. Ich war sehr angenehm überrascht, die jungen Stämme
grünen zu sehen, beschnitt sie und suchte sie zu möglichst gleichmäßiger Höhe
zu gestalten. Es ist kaum glaublich, wie schön sie binnen drei Jahren heranwuchsen.
Denn wiewohl der Kreis, den sie beschrieben, gegen fünfundzwanzig Ellen im Durchmesser
hielt, bedeckten sie ihn doch vollständig und gewährten so viel Schatten, daß
ich fast die ganze trockene Jahreszeit hindurch mich unter demselben aufzuhalten
pflegte.
Dies veranlaßte mich, weitere Pfähle zu fällen und mir eine ähnliche Umfriedigung
auch um meine erste Wohnung anzulegen. Ich schlug die Palissaden etwa acht Ellen
entfernt von der früher angelegten Einzäunung und in einer Doppelreihe ein,
sie wuchsen prächtig heran und gewährten meiner Wohnung nicht nur Schatten,
sondern dienten, wie ich seiner Zeit erzählen werde, mir später auch zur Vertheidigung.

Ich beobachtete, daß das Jahr hier nicht, wie in Europa, in Sommer und Winter,
sondern in regnerische und trockene Zeiten zerfiel. Das Verhältniß stellte sich
so: die Hälfte des Februar, der März und der halbe April gehörten zur Regenzeit,
da dann die Sonne der Tag- und Nachtgleiche nahe war. Der halbe April, der Mai,
Juni, Juli und der halbe August, wenn die Sonne nördlich vom Aequator stand,
waren trocken. Die zweite Hälfte des August, der September und der halbe Oktober
gehörten wieder zur Regenzeit, dagegen zählte zur trockenen Periode: der Rest
des Oktober, der November, December, Januar und die erste Hälfte des Februar,
wenn die Sonne südlich vom Aequator stand.
Zuweilen dauerte die Regenzeit länger oder kürzer, je nachdem der Wind wehete.
Nachdem ich die üblen Wirkungen meiner Ausgänge in der nassen Periode erkannt
hatte, trug ich Sorge dafür, mich stets mit den nöthigen Vorräthen zu versehen,
um während der regnerischen Monate zu Hause bleiben zu können. Diese Zeit verwendete
ich sehr zweckmäßig, um mich mit allerlei Dingen auszurüsten, deren Herstellung
nur durch schwere und langwierige Arbeit zu bewirken war. So machte ich namentlich
verschiedene Versuche, einen Korb zu Stande zu bringen. Alle Zweige aber, mit
denen ich es probirte, waren unbrauchbar wegen ihrer großen Sprödigkeit. Jetzt
gereichte es mir sehr zum Vortheil, daß ich als Knabe in meiner Vaterstadt oft
mit großem Vergnügen dem Hantieren eines Korbmachers zugeschaut hatte. Ich war
damals, wie Jungen pflegen, sehr dienstfertig gewesen, dem Korbflechter zu helfen,
und hatte mir daher vollkommene Kenntniß seiner Methode angeeignet, so daß mir
jetzt nur das Material fehlte. Da fiel es mir ein, daß die Zweige des Baumes,
von welchem ich meine Pfähle geholt, vielleicht so geschmeidig seien wie in
England die Weidenruthen. Daher begab ich mich sogleich am nächsten Tag zu meinem
sogenannten Landhaus, schnitt einige dünnere Zweige ab und fand sie zu meinem
Zweck so geeignet, als ich es nur wünschen konnte. Ich holte mir daher am folgenden
Tage, mit dem Beil versehen, eine große Menge derselben, legte sie zum Trocknen
innerhalb meiner Einfriedigung nieder und brachte sie, als sie brauchbar waren,
in meine Höhle. Hier fertigte ich mir während der nächsten Regenzeit eine Menge
von Körben, theils um Erde oder Anderes darin zu tragen, theils um Allerlei
darin aufzubewahren. Meine Arbeit gerieth zwar nicht sehr schön, aber ihre Resultate
waren doch vollkommen zweckentsprechend. Später trug ich Sorge, immer einen
Vorrath von Körben zu haben, und fertigte mir, sobald die früheren abgenutzt
waren, eine Anzahl neue. Dabei kam es mir besonders darauf an, die Körbe möglichst
stark und tief zu machen, um darin, statt in Säcken, mein Korn aufbewahren zu
können, wenn ich davon einmal einen großen Vorrath haben würde.
Nachdem ich diese eine schwierige Aufgabe mit unendlichem Zeitaufwand glücklich
gelöst hatte, dachte ich daran, mich mit zwei anderen nöthigen Gegenständen,
wenn möglich, zu versehen. Ich besaß nämlich kein Gefäß, um Flüssigkeiten darin
aufzubewahren, außer zwei, beinahe noch ganz mit Rum angefüllten Fäßchen und
einigen Glasflaschen, die theils die gewöhnliche Form hatten, theils viereckig
waren. Zur Benutzung beim Kochen hatte ich nichts als einen aus dem Schiff geretteten
großen Kessel, der zur Bereitung von Bouillon und zum Kochen kleiner Stückchen
Fleisch zu umfangreich war. Das Zweite, wonach ich großes Verlangen trug, war
eine Tabakspfeife. Obschon mir anfangs die Verfertigung einer solchen ganz unmöglich
schien, gelang es mir endlich doch, eine zu erfinden. Die Anlegung meiner Doppelreihe
von Pfählen und die Korbmacherarbeit beschäftigten mich den ganzen Sommer, das
heißt die ganze trockene Jahreszeit hindurch.
Ich sprach schon von meiner großen Lust, die ganze Insel kennen zu lernen, und
daß ich schon früher an dem Bache herauf bis an die Stelle, wo ich meine Laube
angelegt, und weiterhin, wo ich den Ausblick nach der See auf der anderen Seite
der Insel hatte, gekommen war. Jetzt beschloß ich, einmal meinen Weg längs der
Seeküste auf jener Seite hin zu nehmen, und machte mich denn auch mit meiner
Flinte, einem Beil, meinem Hund und mit einer größeren Quantität von Pulver
und Blei als gewöhnlich, sowie mit zwei Zwiebacken und einem großen Bündel Rosinen
in meinem Beutel auf die Wanderung. Nachdem ich das Ende des Thals, in welchem
sich meine Laube befand, passirt hatte, bekam ich bald das Meer in Sicht. Da
es ein außerordentlich heller Tag war, entdeckte ich plötzlich in der Ferne
Land, konnte aber nicht unterscheiden, ob es eine Insel oder Festland sei. Es
lag hoch und streckte sich von Westen nach Westsüdwesten in langer Ausdehnung
hin. Nach meiner Berechnung mußte es mindestens fünfzehn bis zwanzig Meilen
von meiner Insel entfernt sein.
Es war mir unbekannt,. was für ein Stück Erde das sein mochte, nur so viel glaubte
ich zu wissen, daß es zu Amerika gehöre und allen meinen Beobachtungen nach
in der Nähe der spanischen Besitzungen liegen müsse. Vielleicht mochte es von
Wilden bewohnt sein, und wenn ich dort ans Land gerathen wäre, hätte ich mich
wohl noch in schlimmerer Lage befunden als hier. Dieser Gedanke söhnte mich
noch mehr aus mit der Fügung der Vorsehung, die, wie ich jetzt einzusehen begann,
Alles aufs Beste ordnet. Meine Seele wurde nun ruhiger und ich quälte mich nicht
mehr mit fruchtlosen Wünschen, anderswo zu leben.
Uebrigens sagte ich mir, daß, wenn jenes Land wirklich zur spanischen Küste
gehöre, sich früher oder später sicherlich in der Nähe desselben ein Schiff
zeigen werde. War das Erstere aber nicht der Fall, so konnte jene Küste nur
von den zwischen den spanischen Kolonien und Brasilien hausenden Wilden bewohnt
sein, welche die schlimmsten von Allen, nämlich Cannibalen oder Menschenfresser
sind und alle menschlichen Geschöpfe, die in ihre Hände fallen, ermorden und
verzehren.
Unter solchen Gedanken schritt ich gemächlich weiter. Wie ich bemerkte, war
die Inselseite, auf der ich mich jetzt befand, weit anmuthiger als die meinige.
Es gab hier blumengeschmückte Savannen oder Wiesen und schönes Gehölz fand sich
in Menge. – Ich erblickte eine große Anzahl von Papageien, und es überkam mich
stark die Lust, mir einen zu fangen, um ihn zu zähmen und sprechen zu lehren.
Nach mehren vergeblichen Versuchen gelang es mir auch, eines jungen Thieres
dieser Vogelart habhaft zu werden, das ich mit einem Stock vom Baume schlug
und, nachdem es sich erholt hatte, nach Hause trug. Es währte mehre Jahre, bis
dieser Papagei sprechen lernte, endlich aber hatte er gelernt, mich ganz verständlich
bei meinem Namen zu rufen. Ein Vorfall, der sich hieran knüpfte, soll, obwohl
er an sich unbedeutend ist, später zum Ergötzen des Lesers mitgetheilt werden.

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