Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

Bei näherer Betrachtung aber erwog ich, daß ich jetzt auf der Seeseite wohnte,
wo mindestens die Möglichkeit vorhanden war, daß sich ein erwünschtes Unheil
ereignen und ein gleiches Mißgeschick wie das meinige auch andere Unglückliche
dort ans Land gerathen lassen könnte. Wie unwahrscheinlich das auch bedünken
mochte, so hieß doch, mich in den Hügeln und Wäldern inmitten der Insel anzusiedeln
auf meine Erlösung geradezu Verzicht leisten, und so kam ich denn auch zur Einsicht,
daß ich deshalb auf keinen Fall meine Wohnung verändern dürfe. Da ich aber förmlich
verliebt in jene Gegend war, brachte ich einen großen Theil meiner Zeit während
des Restes des Monats Juli dort zu. Ich baute mir eine Art von kleiner Laube,
die ich in einiger Entfernung mit einem starken Zaun, so hoch als ich mit den
Armen reichen konnte, umgab. Dort schlief ich zuweilen mehre Nächte hinter einander
ganz ruhig, indem ich den Zaun wie den um meine alte Wohnung mit einer Leiter
überkletterte. So konnte ich mir denn einbilden, jetzt ein Landhaus und ein
Haus an der Küste zu besitzen.
Jene Arbeiten nahmen mich bis zu Anfang des August in Anspruch. Kaum hatte ich
die Einfriedigung vollendet und fing an mich der Früchte meiner Arbeit zu erfreuen,
als die Regenzeit mich fest in meiner zuerstgewählten Behausung einschloß. Denn
wiewohl ich in der zweiten mir von einem Stück eines Segels gleichfalls ein
Zelt errichtet hatte, fehlte mir dort doch der Schutz eines Hügels, um die Stürme
abzuhalten, sowie auch eine Höhle, um darin bei ungewöhnlich starkem Regen Schutz
zu suchen.
Am 3. August schienen mir die aufgehängten Trauben hinlänglich trocken; sie
waren auch wirklich zu trefflichen Rosinen geworden. Ich fing an, sie von den
Bäumen abzunehmen und das war gut, denn der Regen würde sie außerdem bald verdorben
und mich um den besten Theil meines Winterunterhalts gebracht haben. Nachdem
ich nämlich über zweihundert große Trauben eingeheimst und in meine Höhle geschafft
hatte, begann der Regen und dauerte vom 14. August bis zur Mitte des Oktober
fort. Einige Male war er so heftig, daß ich mehre Tage hindurch meine Höhle
keinmal verlassen konnte.
Während dieser Zeit wurde ich durch einen Familienzuwachs sehr überrascht. Ich
hatte eine Weile in Sorgen um eine meiner Katzen gelebt, die verschwunden gewesen
war, so daß ich geglaubt hatte, sie sei umgekommen. Nachdem sie geraume Zeit
nichts von sich hatte sehen und hören lassen, kam sie plötzlich gegen Ende des
August mit drei Jungen heim. Dies befremdete mich sehr. Zwar hatte ich einmal
eine wilde Katze geschossen, aber, wie mir schien, war dieselbe von der europäischen
Art völlig verschieden gewesen, und ich hatte daher geglaubt, die hier einheimische
Art würde sich mit jener nicht paaren. Die Kätzchen glichen aber ganz der Mutter,
und da meine beiden Katzen Weibchen waren, fand ich das sehr seltsam. Durch
diese drei Katzen wurde ich später so mit Katzen überschwemmt, daß ich sie wie
Ungeziefer oder wilde Thiere tödten und mit aller Anstrengung von meiner Wohnung
verscheuchen mußte.
Vom 14. bis zum 26. August fortwährender Regen. Ich konnte nicht ausgehen und
suchte mich nur möglichst vor der Nässe zu schützen. In dieser Eingeschlossenheit
ging mir die Nahrung auf die Neige; ich wagte mich daher zweimal hinaus, schoß
den einen Tag eine Ziege und fand am andern eine große Schildkröte, die mir
einen wahren Leckerbissen bot. Meine Mahlzeiten hatte ich jetzt folgendermaßen
geregelt: zum Frühstück genoß ich einige Rosinen, als Mittagsessen ein Stück
gedörrtes Ziegenfleisch oder etwas geröstete Schildkröte (denn um zu kochen
mangelte mir zu meinem großen Bedauern ein taugliches Gefäß). Mein Abendessen
bestand regelmäßig aus einigen Schildkröteneiern.
Während jener durch den Regen bewirkten Gefangenschaft arbeitete ich täglich
mehre Stunden daran, meine Höhle zu erweitern. Ich gelangte dabei bis zur entgegengesetzten
Außenseite des Hügels und legte mir auf dieser eine Thür an, durch die ich nun
ein- und ausgehen konnte. Es war mir zwar nicht ganz wohl zu Muthe bei dem Gedanken,
so offen und frei dazuliegen. Früher war ich vollkommen abgeschlossen gewesen,
während jetzt Alles, was Lust hatte, zu mir gelangen konnte. Jedoch hatte ich
bis dahin kein lebendes Wesen auf der Insel bemerkt, das ich zu fürchten brauchte;
denn die größten Thiere, die ich bisher hier gesehen, waren die Ziegen gewesen.

Den 30. September. Es war jetzt ein Jahr seit meiner Ankunft vergangen, wenigstens
fand ich beim Zusammenzählen der Einschnitte an meinem Pfahl, daß ich bereits
365 Tage auf der Insel gelebt hatte. Ich fastete diesen Jahrestag über und verwendete
ihn zu frommen Uebungen. Ich warf mich nieder in aufrichtiger Demuth, bekannte
meine Sünden vor Gott, erkannte sie an als gerechtes Gericht über mich und flehte
zu ihm, er möge um Jesu Christi willen mir gnädig sein. Nachdem ich zwölf Stunden
ohne die geringste Erfrischung geblieben war, verzehrte ich nach Sonnenuntergang
ein Stück Zwieback und eine Traube mit getrockneten Beeren und legte mich dann
zu Bett, nachdem ich den Tag mit einem Gebete, wie ich ihn begonnen, auch beschlossen
hatte. Bisher war nicht ein einziger Sonntag von mir gefeiert worden, da ich
anfangs aus Mangel an religiöser Stimmung unterlassen hatte, die Wochen zu bezeichnen,
und daher später die Tage nicht mehr zu unterscheiden vermochte. Nun aber theilte
ich bei der Berechnung der Tage nachträglich das verflossene Jahr in Wochen
und zeichnete den siebenten Tag als Sonntag aus. Bald darauf nahm ich wahr,
daß meine Tinte auf die Neige ging, und ich setzte mir daher vor, von nun an
nur noch die bemerkenswertesten Ereignisse meines einsamen Lebens aufzuzeichnen.

Jetzt, wo ich allmählich die Regelmäßigkeit im Eintreten der trockenen und nassen
Jahreszeit erkannt hatte, war ich auch im Stande, für jede die richtigen Vorkehrungen
zu treffen. Wie ich jedoch all meine Erfahrungen theuer erkaufen mußte, war
es auch mit derjenigen der Fall, von welcher ich jetzt berichten will, ja sie
war eine der entmuthigendsten unter allen.
Wie erwähnt, hatte ich die wenigen so wunderbar aufgesprossenen Gersten- und
Reisähren aufbewahrt. Es waren, wenn ich nicht irre, dreißig Reis- und etwa
zwanzig Gerstenhalme. Weil ich glaubte, es sei jetzt nach dem Regen, als die
Sonne sich südlich von mir entfernte, Zeit, die Körner zu säen, grub ich, so
gut es mit meinem hölzernen Spaten gehen wollte, ein Stück Land um und streute
das Korn in zwei Abtheilungen darauf. Wegen meiner nicht völligen Sicherheit
darüber, ob es die geeignete Zeit sei, verbrauchte ich zunächst nur zwei Drittel
des Korns und behielt etwa eine Handvoll von jeder Art zurück. Das gereichte
mir später zu großem Trost; denn nicht ein einziges Korn ging auf, da die trockenen
Monate folgten, und die Erde des Regens entbehrte, auch kein Düngmittel das
Wachsthum unterstützte. Erst in der feuchten Jahreszeit entwickelte sich meine
Aussaat, wie wenn sie erst kurz zuvor geschehen sei. Als ich mein Korn nicht
wachsen sah, suchte ich eine feuchtere Stelle des Bodens auf, um einen weiteren
Versuch zu machen. Ich grub ein Stück Landes in der Nähe meiner Laube um und
säete den Rest meines Korns dort im Februar kurz vor dem Frühlingsäquinoctium
aus. Da die regnerischen Monate März und April folgten, ging es denn dort auch
üppig auf und gab reichlichen Ertrag. Weil ich aber nur wenig Korn gehabt hatte,
betrug meine ganze Ernte auch nur eine halbe englische Metze von jeder Art.
Doch war ich durch diese Erfahrung gewitzigt, kannte jetzt die zur Aussaat geeigneten
Zeiten und wußte, daß ich jährlich zweimal säen und ernten konnte.
Während mein Korn wuchs, machte ich eine kleine Entdeckung, die mir später nützlich
wurde. Sobald der Regen vorüber war und das Wetter sich aufheiterte, was gegen
den November hin geschah, besuchte ich nämlich meine Laube nach monatelanger
Anwesenheit einmal wieder. Ich fand Alles dort, wie ich es verlassen. Die von

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