Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

auch meine volle Kraft und Gesundheit zurück. Ich entschloß mich, mir Alles,
was ich bedurfte, durch Arbeit zu verschaffen, und von nun an ein möglichst
regelmäßiges Leben zu führen.
Vom 4. bis 14. Juli verwendete ich meine Zeit zu neuen ausgedehnteren Gängen
mit meinem Gewehr. Es ist kaum zu glauben, wie sehr herunter und schwach ich
mich anfangs dabei fühlte. Die Heilmittel, die ich gebraucht hatte, waren gewiß
niemals vorher von Jemandem gegen das Fieber angewendet worden, und ich kann
das Experiment auch Niemandem empfehlen. Denn wiewohl es mich von dem Fieber
befreit hatte, war ich doch auch wieder dadurch sehr geschwächt worden und litt
noch geraume Zeit hindurch in Folge desselben an Nervenzucken und Zittern. Ich
erkannte jetzt auch, daß es meiner Gesundheit sehr nachtheilig sei, während
der Regenzeit auszugehen, besonders wenn der Regen von Wind und Sturm begleitet
war. Sodann bemerkte ich, daß der im September und Oktober fallende Regen bei
stürmischem Wetter mir viel gefährlicher war, als Sturm und Regen, wenn sie
in der trockenen Zeit auftraten.
Ich befand mich jetzt schon über zehn Monate auf meiner einsamen Insel. Eine
Möglichkeit, aus meiner trostlosen Lage befreit zu werden, schien mir nicht
mehr vorhanden, weil ich fest glaubte, es habe noch nie ein menschliches Wesen
außer mir einen Fuß auf diese Erde gesetzt.
Da ich jetzt meine Behausung hinlänglich gesichert zu haben meinte, spürte ich
lebhaftes Verlangen, die Insel genauer kennen zu lernen und zu untersuchen,
was für mir noch unbekannte Erzeugnisse darauf zu finden seien.
Ich begann diese Nachforschung am 15. Juli. Zunächst begab ich mich nach der
kleinen Bucht, in die ich meine Flöße gesteuert hatte. Nachdem ich von dort
aus den Fluß etwa zwei Meilen stromaufwärts verfolgt hatte, bemerkte ich, daß
hier die Flut nicht weiter ging, und daß die Bucht sich in einem kleinen reißenden
Bach von sehr frischem und klarem Wasser fortsetzte. Da es aber gerade die trockene
Jahreszeit war, fand sich an einigen Stellen fast gar kein Wasser, oder es fehlte
wenigstens eine sichtbare Strömung. An den Ufern des Baches traf ich auf liebliche
grasreiche Wiesen, und an den höher gelegenen Uferstellen, welche das Wasser
vermutlich nie erreichte, grünten zahlreiche Tabaksblätter auf starken und hohen
Stengeln. Auch andere, mir aber unbekannte Pflanzen, die vielleicht, ohne daß
ich es wußte, besondere gute Eigenschaften besaßen, fanden sich dort. Ich suchte
vor Allem nach der Maniokpflanze, welche den Indianern in diesen Erdgegenden
überall statt des Brodes dient, aber es war keine zu sehen. Dagegen bemerkte
ich große Aloëstauden und etwas wildes, aus Mangel an Pflege verkümmertes Zuckerrohr.

Für diesmal begnügte ich mich mit diesen Entdeckungen und kehrte heim, indem
ich bei mir überlegte, auf welche Art es mir gelingen könnte, die etwaige Trefflichkeit
einer oder der andern Pflanzenfrucht zu entdecken. Mein Nachdenken war jedoch
fruchtlos. Ich hatte mich während meines Aufenthalts in Brasilien zu wenig mit
der Beobachtung der Pflanzenwelt abgegeben, um aus dieser jetzt irgend welchen
Nutzen ziehen zu können.
Am nächsten Tag, den 16. Juli, schlug ich wieder denselben Weg ein. Etwas weiter
als früher vorgedrungen, stieß ich auf das Ende des Baches und der Wiesen und
die Gegend fing an waldiger zu werden. Hier fand ich verschiedene Früchte, besonders
eine Menge Melonen und Weintrauben. Die Reben rankten sich von Baum zu Baum,
und die Beeren waren gerade in voller Reife. Diese überraschende Entdeckung
erfreute mich sehr; doch warnte mich vor zu reichlichem Genuß die Erinnerung
daran, daß während meines Aufenthalts an der Barbarenküste einige englische
Sklaven in Folge übermäßigen Weintraubenessens an der Ruhr und dem Fieber gestorben
waren. Gleichwohl machte ich mir die Trauben vortrefflich zu Nutze. Ich hob
sie nämlich in der Sonne getrocknet als Rosinen auf, die mir für die Zeit, wenn
es keine Trauben mehr geben würde, als eine angenehme Speise dienen sollten.

Da ich den ganzen Abend an jenem Platze verweilt hatte, konnte ich nicht mehr
zu meiner Behausung zurückkehren. Zum ersten Mal schlief ich sozusagen außer
dem Hause; das heißt ich erstieg wieder, wie in der ersten Nacht nach meiner
Ankunft auf der Insel, einen Baum und ruhete dort vortrefflich. Am andern Morgen
setzte ich meinen Weg fort, und zwar nach meiner Berechnung etwa vier Meilen
das Thal entlang, das sich zwischen zwei Hügelreihen nordwärts erstreckte. Am
Ende meiner Wanderung kam ich zu einer Lichtung, von der aus die Gegend sich
westlich auszudehnen schien. Ein frischer Quell, der seitwärts von mir an einer
Anhöhe entsprang, nahm seinen Weg nach Osten hin. Die Landschaft bot einen üppig
blühenden, saftgrünen Anblick und erschien wie ein wohlgepflegter Garten. Ich
stieg ein wenig an der Seite dieses lieblichen Thals herab und überblickte es
mit einer Art wehmüthiger Freude in dem Gedanken, daß dies Alles mir gehöre,
daß ich unbestreitbarer Herr und König dieses Landes sei und daß, wenn ich es
in bewohnte Gegend versetzen könnte, es ein Erbe so groß, wie nur irgend ein
Lord in England es besitzen mag, repräsentiren würde.
Rings umher standen Cocusnußbäume in Menge, auch Orangen-, Limonen- und Citronenbäume,
aber alle wild und gegenwärtig nur mit wenigen Früchten behangen. Indeß schmeckten
die grünen Limonen, die ich brach, nicht nur vortrefflich, sondern später verschaffte
mir der Saft, den ich mit Wasser mischte, auch ein sehr gesundes kühles und
labendes Getränke. Ich hatte nun alle Hände voll zu thun, um Früchte zu sammeln
und heim zu bringen, da ich beabsichtigte, mir einen Vorrath von Trauben, Limonen
und Citronen für die Regenzeit, die ich nahe wußte, zu sammeln. Zu diesem Zweck
häufte ich eine große Menge von Trauben auf, sammelte eine kleinere an einem
anderen Platze und einen guten Theil Limonen in einem dritten Haufen. Einige
der Früchte nahm ich sogleich mit nach Hause, den Rest gedachte ich in einem
Beutel oder Sack später zu holen. Nach dreitägiger Entfernung zu meiner Wohnung
zurückgelangt, fand ich, daß die Trauben, die ich bei mir trug, unterwegs verdorben
waren; ihre eigne Schwere hatte die Beeren zerdrückt, während die wenigen Limonen,
die ich mitgenommen, sich unversehrt erhalten hatten.
Am nächsten Tage, den 19., ging ich mit zwei kleinen Säcken versehen aus, um
meine Ernte zu holen. Aber wie erstaunte ich, als ich zu meinen aufgehäuften
Trauben, die, während ich sie gepflückt hatte, so voll und schön gewesen waren,
kam, sie zerstreut, zerrissen, zertreten und zum Theil verzehrt fand. Ich schloß
daraus, daß das Unheil von wilden, mir unbekannten Thieren angerichtet sei.
Da ich somit die Unmöglichkeit einsah, die Trauben hier aufgehäuft liegen zu
lassen, und da ich sie auch nicht in meinen Säcken mitnehmen konnte, weil sie
in jenem Fall gefressen, in diesem verdorben sein würden, verfiel ich auf ein
anderes Auskunftsmittel: nachdem ich nämlich eine große Menge Trauben gesammelt
hatte, hing ich sie an Baumzweigen auf, um sie in Sicherheit von der Sonne trocknen
zu lassen. Von den Citronen und Limonen nahm ich dagegen so viel mit, als ich
nur zu tragen vermochte.
Auf dem Heimweg betrachtete ich mit großer Freude die Fruchtbarkeit des Thals
und die Lieblichkeit der Gegend, die auch vor Stürmen geschützt und mit Wasser
und Holz reichlich versehen war. Jetzt machte ich mir Vorwürfe, daß ich meine
Behausung thörichter Weise an einer Stelle angeschlagen hatte, die in bei weitem
der ungünstigsten Gegend der Insel gelegen sei, und begann ernstlich an eine
Wohnungsveränderung zu denken und mich nach einem Obdach, das gleiche Sicherheit
wie mein jetziges biete, in diesem reizenden fruchtbaren Theil des Landes umzusehen.

Dieser Gedanke ging mir sehr im Kopfe herum und reizte mich eine Weile außerordentlich.

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