Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
und unfertigem Zustand befindliches aufbewahrte.
Die Erinnerung hieran, die mir ohne Zweifel der Himmel selbst eingegeben, trieb
mich zu jener Kiste, in der ich ein Labsal für Leib und Seele fand. Ich öffnete
sie, nahm den Tabak und, da die wenigen Bücher, die ich gerettet, auch dort
lagen, auch eine der erwähnten Bibeln heraus, in welcher zu lesen ich früher
weder Zeit noch Lust gehabt hatte. Beides legte ich auf meinen Tisch.
Da ich nicht wußte, wie der Tabak anzuwenden sei, machte ich verschiedene Versuche,
um zu sehen, ob er mir auf eine oder die andere Weise helfen könne. Zunächst
kaute ich ein Stück eines Blattes, fühlte mich aber davon, da der Tabak noch
grün und kräftig und ich nicht daran gewöhnt war, wie betäubt. Außerdem weichte
ich einige Stückchen etliche Stunden in Rum auf, in der Absicht, davon einen
Schluck beim Schlafengehen zu nehmen. Endlich verbrannte ich eine Portion auf
Kohlen und hielt meine Nase in den Dampf, so lange ich es aushalten konnte.
In den Pausen dieser Beschäftigung griff ich nach der Bibel und fing an, darin
zu lesen. Doch war mir der Kopf von dem Tabaksrauch zu verwirrt, um lange dabei
zu bleiben. Als ich das Buch aufs Gerathewohl geöffnet, fiel mir die Stelle
zuerst ins Auge: »Rufe mich an in der Noth, so will ich dich erretten, und du
sollst mich preisen«.
Diese Worte paßten so sehr für meine Lage, daß sie einen gewissen Eindruck auf
mich hervorbrachten, jedoch war dieser für jetzt noch nicht so tief als der,
den dieselben Worte später in mir hervorriefen. Denn das Wort Errettung schien
mir noch, sozusagen, ohne Sinn für mich; die Erlösung aus meiner Einsamkeit
dünkte mich so fern und so unmöglich, daß ich, gleich den Kindern Israel, die,
als ihnen Fleisch verheißen wurde, sprachen: »Kann Gott uns einen Tisch in der
Wüste decken?« sagte: »Vermag auch Gott selbst mich wohl zu erretten aus dieser
Oede?« Da die folgenden Jahre hindurch sich auch wirklich kein Hoffnungsschimmer
in dieser Hinsicht zeigte, so kehrte jener Gedanke noch oft in mir wieder. Gleichwohl
aber gaben mir jene Worte von jetzt an Veranlassung zu häufigem Nachdenken.
Weil es inzwischen spät geworden war und die Betäubung durch den Tabak mich
schläfrig gemacht hatte, ging ich, nachdem ich meine Lampe hatte brennen lassen,
zu Bett. Ehe ich mich aber niederlegte, that ich, was ich in meinem ganzen Leben
nicht gethan hatte. Ich kniete nieder und betete zu Gott, daß er seine Verheißung
an mir erfüllen und mich erretten möge, wenn ich ihn anriefe in der Noth.
Hierauf trank ich den Rum, in den ich den Tabak getaucht hatte, der Trank war
jedoch so scharf und bitter, daß ich ihn fast nicht hinunterzubringen vermochte.
Kaum zu Bette gestiegen, fiel ich in einen tiefen Schlaf und erwachte erst gegen
drei Uhr des folgenden Nachmittags. Ja, zuweilen bilde ich mir noch bis auf
den heutigen Tag ein, damals auch den ganzen andern Tag und die nächste Nacht
hindurch geschlafen zu haben. Denn, wie sich einige Jahre später zeigte, fehlte
mir ein Tag in meiner Zeitrechnung, ohne daß ich wußte, wohin er gekommen war.
Sei dem aber wie ihm wolle, ich fühlte mich beim Erwachen ungemein erfrischt
und meinen Lebensmuth heiter gekräftigt. Als ich aufgestanden war, konnte ich
besser gehen als früher und spürte Hunger. Auch blieb ich am nächsten Tag (den
29. Juni) vom Fieber frei und erholte mich von da an allmählich ganz.
Den 30. Juni hatte ich gleichfalls einen fieberfreien Tag und ging daher mit
dem Gewehr aus, entfernte mich jedoch absichtlich nicht weit. Ich schoß einige
Seevögel von der Art der Baumgänse und brachte sie heim. Da ich jedoch keine
große Lust verspürte, sie zu verzehren, begnügte ich mich wieder mit einigen
Schildkröteneiern, die mir trefflich mundeten. Am Abend wiederholte ich das
Mittel, das mir am vorigen Tage gut bekommen zu sein schien. Ich nahm wieder
etwas von dem Rum, in welchem ich Tabak erweicht hatte, jedoch weniger als daß
erste Mal, und unterließ auch, den Tabak zu kauen und den Rauch einzuathmen.
Doch fühlte ich mich am andern Morgen (es war der 1. Juli) nicht so wohl, als
ich gehofft, hatte auch einen neuen Fieberanfall, doch war er nicht stark.
Den 2. Juli. An diesem Tage wandte ich den Tabak wieder auf die drei erwähnten
verschiedenen Arten an und betäubte mich wie früher, indem ich diesmal die Menge
des Aufgusses verdoppelte.
Den 3. Juli. Das Fieber kehrte von jetzt an nicht wieder, obwohl ich erst nach
mehren Wochen ganz wieder zu Kräften kam. Während ich mich erholte, kehrten
meine Gedanken immer wieder zu den Worten der Schrift zurück: »So will ich dich
erretten«. Die Unmöglichkeit meiner Befreiung bedrückte mir das Gemüth schwer,
wiewohl ich doch immer wieder auf eine solche harrte. Da aber fiel mir plötzlich
ein, daß ich ja über diese große Betrübniß die mir wirklich schon zu Theil gewordene
Rettung vergessen hätte. Ich fragte mich: Bist du nicht wie durch ein Wunder
von deiner Krankheit erlöst, aus der trostlosesten Lage, in der Jemand sein
kann? Und hast du dafür deinen schuldigen Dank gezollt? Gott hat dich gerettet,
und du hast ihn nicht dafür gepriesen. Wie darfst du auf eine größere Errettung
hoffen? Dies bewegte mir das Herz so sehr, daß ich alsbald niederkniete und
Gott laut für meine Genesung dankte.
Den 4. Juli. Am Morgen nahm ich die Bibel und fing an, aufmerksam im neuen Testamente
zu lesen. Ich machte mir zur Vorschrift, von jetzt an jeden Abend und Morgen
eine Weile darin zu lesen, ohne mich jedoch dabei an eine bestimmte Kapitelzahl
zu binden, sondern nur so lange, als meine Gedanken dabei haften würden. Nicht
lange, nachdem ich diese Thätigkeit begonnen, fühlte ich eine tiefe und aufrichtige
Betrübniß über die Verworfenheit meines vergangenen Lebens. Mein Traum wurde
wieder in mir lebendig und die Worte: »Alles dieses hat dich nicht zur Buße
geführt«, traten mir vor die Seele. Ich hatte Gott ernstlich angefleht, daß
er mir Reue ins Herz gebe, als ich zufällig an demselben Tag auf die Schriftstelle
stieß: »Den hat Gott durch seine rechte Hand erhöhet zu einem Fürsten und Heiland,
zu geben Israel Buße und Vergebung der Sünden«. Ich legte das Buch fort, und
Herz und Hand in einer Art freudigen Entzückens zum Himmel erhebend, rief ich
laut: »Jesus, du Sohn Davids, Jesus, du erhöheter Fürst und Heiland, gib mir
ein bußfertiges Herz!«
Das war das erste Mal im Leben, daß ich mit Wahrheit behaupten konnte, gebetet
zu haben. Denn ich hatte aus dem tiefsten Gefühle meiner Lage und in einer Hoffnung
zu Gott gerufen, die auf seine Verheißung gegründet war, und von jetzt an faßte
ich auch den Glauben, daß Gott mich erhören würde.
Ich verstand jetzt die früher erwähnten Worte: »Rufe mich an in der Noth, so
will ich dich erretten« in einem andern Sinn als damals, wo ich dabei nur an
meine Erlösung aus der Gefangenschaft dachte (denn wie groß auch die Insel war,
auf der ich lebte, so war sie doch für mich ein Gefängniß im schlimmsten Sinne
des Wortes). Nun aber, jene Stelle anders verstehend, suchte ich, in Furcht
und Schrecken über die Sünden meiner vorigen Tage, nur Befreiung von dem Gewicht
der Schuld, die auf meiner Seele lag. Mein einsames Leben bekümmerte mich nun
nicht mehr. Ich bat nicht um und dachte nicht an Erlösung aus demselben; es
schien mir Nichts im Vergleich zu jenem Elend. Und dies sei für alle meine Leser
gesagt: daß, wenn sie zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen sind, sie die Erlösung
von der Sünde als einen viel größeren Segen empfinden werden als die Befreiung
aus der Trübsal.
Doch ich wende mich nun wieder zu meinem Tagebuch. Meine Lage war zwar jetzt
so elend als früher, aber sie bedrückte meine Seele weit weniger. Meine Gedanken
richteten sich durch Gebet und Lesen in der Schrift auf Dinge höherer Art. Ich
fühlte einen Trost in mir, wie ich ihn vorher nie empfunden, und jetzt kehrte
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