Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
und 20. April, verwendete ich auf die Nachforschung nach einem Platz, wohin
ich meine Wohnung verlegen sollte. Die Furcht, verschüttet zu werden, ließ mich
nicht ruhig schlafen. Fast ebenso stark aber war auch die Angst davor, im Freien,
ohne irgend eine Schutzwehr, zu schlafen, und als ich mich umschaute und bemerkte,
wie Alles um mich wieder in bester Ordnung war, und wie wohl verborgen und sicher
ich jetzt wohnte, kam mich doch eine große Abneigung an, meinen Aufenthalt zu
wechseln.
Ich bedachte daneben auch, wie viel Zeit mich dieser Wechsel kosten würde, und
daß ich einstweilen, bis ich mir einen neuen Zufluchtsort verschafft hätte,
ja doch auf gut Glück bleiben müsse, wo ich war. Mit dieser Erwägung suchte
ich mich vorläufig zu beruhigen und beschloß nur, mit möglichster Eile mir eine
neue Umhegung anzulegen und dann mein Zelt dahineinzubringen, vorläufig aber
zu bleiben, wo ich mich befand.
Den 22. April. Am nächsten Morgen überlegte ich, wie ich meinen Vorsatz ausführen
sollte. Es mangelte mir jetzt sehr am nöthigen Werkzeug. Ich hatte zwar drei
große Aexte und eine Menge kleiner Beile (die wir an Bord gehabt hatten, um
sie den Wilden zu verkaufen), aber durch das Behauen des vielen harten Holzes
waren diese voll Scharten und stumpf geworden. Nun besaß ich wohl auch den Schleifstein,
aber ich vermochte ihn nicht ordentlich in Bewegung zu setzen. Diese Sache kostete
mich so viel Nachdenken, als ein Staatsmann nur auf eine wichtige politische
Angelegenheit oder ein Richter auf Abfassung eines Urtheils über Leben und Tod
verwenden kann. Endlich brachte ich denn auch ein Schleifrad fertig, das ich
vermittels einer Schnur durch Treten bewegen und dabei die Hände frei behalten
konnte.
Anmerkung. Ich hatte in England nie ein solches Ding gesehen oder mich wenigstens
nicht darum gekümmert, wie es gemacht wird; wiewohl ich später sah, daß man
dergleichen dort sehr häufig benutzt. Meine Maschine nahm daher bis zu ihrer
Vollendung eine volle Woche Arbeitszeit in Anspruch.
Den 28. und 29. April. Diese beiden Tage verwendete ich gänzlich dazu, meine
Werkzeuge zu schärfen, wobei sich meine Schleifmaschine bestens bewährte.
Den 30. April. Da ich schon seit einiger Zeit bemerkt hatte, daß mein Brod stark
auf die Neige gehe, schränkte ich mich, wennschon mit sehr schwerem Herzen,
von jetzt an auf ein einziges Stück Zwieback für jeden Tag ein.
Den 1. Mai. Als ich Morgens während der Ebbe das Meer überschaute, sah ich am
Strande etwas ungewöhnlich Hervorragendes, das wie eine Tonne aussah. Als ich
näher kam, fand ich ein Fäßchen und einige Stücke von dem Schiffswrack, die
während des letzten Sturms an das Land getrieben waren. Indem ich nach dem Schiffsrumpf
selbst hinüberblickte, schien mir dieser höher aus dem Wasser hervorzuragen
als früher. Bei der Untersuchung des Fäßchens fand ich, daß es Pulver enthielt,
das aber naß gewesen und dann steinhart zusammengebacken war. Ich rollte das
Faß vorläufig höher ans Ufer und ging dann auf dem Sande so nah als möglich
an das Wrack, um zu untersuchen, ob etwa von demselben noch mehr zu holen sei.
Hier sah ich nun, daß das Schiff auffallend seine Lage verändert hatte. Das
Vordertheil, das früher vom Sand verschüttet gewesen war, hatte sich sechs Fuß
in die Höhe gehoben, und der Stern, der bald nachdem ich ihn das letzte Mal
durchstöbert, durch die Gewalt der Wellen zertrümmert und von dem übrigen losgerissen
war, lag nun umgestürzt auf der Seite. Da jetzt ein Sandhügel an der Stelle
aufgethürmt war, wo ich früher eine Viertelmeile zu schwimmen gehabt hatte,
um an das Wrack zu kommen, vermochte ich nun während der Ebbe trockenen Fußes
bis zu demselben zu gelangen. Anfangs befremdete mich diese Wahrnehmung, bald
aber erkannte ich, daß die Veränderung durch das Erdbeben bewirkt sein müsse.
Durch dessen Gewalt war auch das Schiff noch mehr als früher zertrümmert worden,
so daß täglich allerlei Dinge von der See abgelöst und, durch Wind und Wellen
allmählich fortgeschwemmt, ans Land getrieben wurden.
Diese Dinge zogen meine Gedanken von dem Plane, meine Wohnung zu verändern,
wieder ab, und ich beschäftigte mich eifrig, besonders an diesem Tage, mit der
Erwägung, auf welche Weise ich in das Schiff einzudringen vermöchte. Ich fand
jedoch anfangs kein Mittel, da die ganze Innenseite desselben von Sand bedeckt
war. Da ich aber schon gelernt hatte, an Nichts zu verzweifelt, beschloß ich,
was ich nur vom Schiffe lostrennen könne, mir zu holen, weil ich überzeugt war,
es in der einen oder andern Weise verwerthen zu können.
Den 3. Mai. Zunächst durchschnitt ich mit meiner Säge einen Balken, der, wie
es mir schien, einen Theil des Quarterdecks zusammenhielt. Als ich ihn in Stücke
gesägt, beseitigte ich von dem höchstgelegenen Theil, so gut es gehen wollte,
den Sand, wurde aber durch die steigende Flut genöthigt, meine Arbeit für diesmal
zu unterbrechen.
Den 4. Mai. Ich fischte heute mit der Angel, erbeutete aber keinen eßbaren Fisch.
Schon war ich der Beschäftigung müde und stand im Begriff heimzukehren, als
ich einen jungen Delphin fing. Ich hatte mir nämlich aus Taugarn eine lange
Schnur gemacht und damit, wiewohl ich keinen Angelhaken besaß, zu andern Zeiten
Fische genug gefangen, wenigstens so viel für meine Mahlzeit nöthig waren. Um
sie verspeisen zu können, pflegte ich sie an der Sonne zu trocknen.
Den 5. Mai. Am Wrack gearbeitet. Ich sägte noch einen andern Balken ab, machte
drei große Fichtenbretter vom Deck los, band sie zusammen und ließ sie durch
die Flut an den Strand treiben.
Den 6. Mai. Ich arbeitete abermals am Schiffsrumpf, zog mehre eiserne Bolzen
und anderes Eisenwerk heraus, kam aber so ermüdet von der schweren Arbeit zurück,
daß ich beschloß die Sache aufzugeben.
Den 7. Mai. Wiederum war ich zum Wrack gegangen, doch nicht in der Absicht,
daran zu arbeiten. Ich fand, daß es durch sein eignes Gewicht auseinandergebrochen
war, nachdem ich die Querbalken herausgesägt hatte. Es lagen jetzt mehre Stücke
des Rumpfes abgerissen umher, und ich vermochte nun in das Innere des Schiffs
zu sehen, das aber fast ganz mit Wasser und Sand angefüllt war.
Den 8. Mai. Ich ging wiederum zu dem Schiffe und nahm diesmal ein Brecheisen
mit, um das Deck aufzubrechen, das jetzt ganz frei von Wasser und Sand dalag.
Zwei Planken, die ich losgerissen, wurden durch die Flut gleichfalls ans Ufer
geschwemmt. Das Brecheisen ließ ich für den nächsten Tag im Wrack zurück.
Den 9. Mai. Auch heute begab ich mich zu dem Schiffsrumpf und brach nun mit
dem Eisen einen Weg in denselben, wobei ich auf mehre Tonnen stieß, die ich
frei machte, ohne sie jedoch öffnen zu können. Auch fand ich eine Rolle englischen
Blei’s, die aber zu schwer war, als daß ich vermocht hätte, sie fortzuschaffen.
Den 10. bis 14. Mai. An allen diesen Tagen ging ich zu dem Wrack und holte mir
nach und nach eine große Menge Bretter und Balkenwerk sowie etwa zwei Centner
Eisen.
Den 15. Mai. Ich hatte zwei Beile mitgenommen, um zu versuchen, ob ich nicht
ein Stück von der Bleirolle abtrennen könne, indem ich die Schneide des einen
auf dieselbe setzte und sie mit dem Gewicht des andern hineintrieb. Da das Blei
jedoch anderthalb Fuß tief im Wasser lag, gelang es mir nicht.
Den 16. Mai. Während der Nacht hatte es stark gewindet, und das Wrack schien
am Morgen durch die Gewalt der Wellen noch mehr zertrümmert als vorher. Ich
hatte mich an diesem Tage lange in den Wäldern herumgetrieben, um mir eine Taubenmahlzeit
zu verschaffen, da die steigende Flut mich hinderte, an das Wrack zu gehen.
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt