Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
von der Vorsehung hierhergebracht, indem ich vielmehr überzeugt war, daß dergleichen
noch mehr sich hier befinde, suchte ich auf dem ganzen mir bekannten Theil der
Insel, in allen Ecken und unter jedem Felsen nach weiteren Aehren, aber ich
entdeckte keine. Endlich fiel mir ein, daß ich ja den Sack mit dem Hühnerfutter
an jener Stelle ausgeschüttet hatte, und nun begann die Sache ihr Wunderbares
zu verlieren. Ich muß bekennen, auch meine Dankbarkeit für die göttliche Fügung
fing an, durch die Entdeckung, daß das Ganze ein gewöhnliches Ereigniß sei,
sich zu mindern; wiewohl ich für ein Ereigniß, das ja gerade so seltsam und
unerwartet wie ein Wunder war, nicht minder hätte dankbar sein sollen. War es
denn nicht wirklich ein Werk der Vorsehung, daß zehn oder zwölf Getreidekörner
unversehrt blieben, als die Ratten alles Uebrige vernichteten; wie auch das,
daß ich diese Körner gerade an der bestimmten Stelle ausschütten mußte, wo sie
in dem Schatten des Felsens sofort aufgingen, während sie, hätte ich sie irgend
anderswo ausgestreut, in dieser heißen Jahreszeit hätten verdorren und umkommen
müssen?
Wie man sich denken kann, bewahrte ich die Aehren, sobald sie reif geworden
(es geschah gegen Ende des Juni), sorgfältig auf. Ich beschloß, die darin enthaltenen
Körner wieder auszusäen, und hoffte dadurch bald eine hinreichende Menge Frucht
zu erhalten, um Brod daraus bereiten zu können. Jedoch durfte ich erst im vierten
Jahre mir erlauben, von diesem Korn zu essen, und selbst dann nur sparsam, wie
ich seiner Zeit berichten werde. Ich verlor nämlich die ganze erste Aussaat,
weil ich nicht die geeignete Zeit beobachtet und sie unmittelbar vor den trockenen
Monaten ausgestreut hatte, so daß sie nicht aufkam, oder wenigstens nicht in
erwünschter Menge Frucht trug.
Außer der Gerste fand ich, wie erwähnt, auch zwanzig bis dreißig Reishalme,
die ich mit gleicher Sorgfalt aufhob und in gleicher Weise benutzte. Ich entdeckte
nämlich eine Methode, die Körner zu kochen, statt das Mehl davon zu backen,
wiewohl mir auch das Letztere später gelang. – Doch ich will jetzt wieder zu
meinem Tagebuch zurückkehren.
Diese drei oder vier Monate hindurch arbeitete ich überaus angestrengt, um meine
Einzäunung fertig zu bekommen. Am 14. April vollendete ich sie. Um in dieselbe
zu gelangen, bediente ich mich nicht einer Thüre, sondern stieg mittels einer
Leiter über die Einfriedigung, damit man von der Außenseite meiner Behausung
Nichts von dieser gewahr werden sollte.
Den 16. April. Heute wurde ich mit der Leiter fertig. So oft ich diese benutzt
hatte, zog ich sie mir nach und legte sie im Innern der Umfriedigung nieder,
so daß ich, wenn ich mich in meiner Wohnung befand, gegen Außen gänzlich abgeschlossen
war.
Schon am nächsten Tage aber, nachdem ich die Einfriedigung vollendet, wäre fast
meine ganze Arbeit über den Haufen geworfen worden und ich selbst beinahe umgekommen.
Die Sache verhielt sich so. Ich war hinter meinem Zelte gerade am Eingang in
die Höhle beschäftigt, als mich ein unerwartetes Ereigniß furchtbar erschreckte.
Ich sah nämlich die Erde, welche die Decke meiner Höhle bildete, mit Einem Mal
sich loslösen und von dem Gipfel des Hügels über mir herabstürzen. Zwei der
Pfähle, mit denen ich die Wölbung meiner Höhle gestützt hatte, krachten mit
fürchterlichem Lärm zusammen. Ich war aufs Aeußerste bestürzt, hatte jedoch
keine Ahnung von der wirklichen Ursache, indem ich glaubte, meine Höhlendecke
stürze wieder in derselben Weise ein, wie es mit einem Theil derselben schon
einmal geschehen war. Aus Furcht, lebendig begraben zu werden, rannte ich nach
meiner Leiter und glaubte mich nicht eher im Sichern und vor den herabstürzenden
Felsen geschützt, als bis ich über meine Palissadirung geklettert war.
Kaum hatte ich den Fuß auf den Boden gesetzt, als ich erkannte, daß ein schreckliches
Erdbeben die Ursache der Erschütterung war. Der Erdboden, auf dem ich stand,
wurde nämlich dreimal in Zwischenräumen von je etwa acht Minuten durch solche
Stöße erschüttert, daß sie das festeste Gebäude umgeworfen haben würden. Ein
großes Stück der Felsspitze, die ungefähr eine halbe Meile von mir entfernt
über das Ufer ragte, stürzte mit einem so entsetzlichen Getöse, wie ich es im
Leben nicht gehört, in das Meer. Auch dieses befand sich in heftiger Bewegung,
und wie mir schien, waren die Stöße unter dem Wasser noch stärker als die auf
der Insel.
Ich erschrak so sehr, denn ich hatte dergleichen nie erlebt und auch niemals
nur davon erzählen gehört, daß ich wie todt vor Bestürzung war. Die Erderschütterung
machte mir übel, als ob ich seekrank sei. Erst der Lärm des herabstürzenden
Felsens erweckte mich wieder aus meiner Betäubung und ich glaubte jetzt nichts
Anderes, als der Hügel werde zusammensinken und mein Zelt nebst meiner ganzen
Habe begraben, ein Gedanke, der mir abermals das Herz erbeben machte.
Nachdem aber der dritte Stoß vorüber war und ich einige Zeit hindurch Nichts
verspürte, begann ich wieder Muth zu schöpfen. Dennoch wagte ich noch nicht
wieder über meine Einzäunung zu steigen, aus Furcht verschüttet zu werden. Ich
saß still und trostlos auf der Erde, ohne zu wissen, was ich anfangen sollte.
Diese ganze Zeit über kam mir nicht der geringste religiöse Gedanke in den Sinn.
Nur das gewöhnliche »Gott sei mir gnädig« ging über meine Lippen, und auch das
wiederholte ich nicht mehr, sobald das Ereigniß vorüber war.
Während ich so saß, sah ich, wie der Himmel sich mit Wolken überzog, als ob
ein Regen drohe. Nach und nach erhob sich der Wind, und in weniger als einer
halben Stunde tobte ein fürchterlicher Sturm. Die See war plötzlich mit Schaum
bedeckt, die Braudung tobte am Ufer, starke Bäume wurden entwurzelt. Erst nach
drei Stunden begann der Sturm sich zu mildern, und nach weiteren zwei Stunden
wurde es dann vollkommen windstill und fing an stark zu regnen. Diese ganze
Zeit über saß ich niedergeschlagen und furchtsam auf der Erde. Plötzlich aber
fiel mir ein, daß dieser Wind und Regen wohl die gewöhnlichen Folgen des Erdbebens
sein möchten, und daß dieses daher aufgehört habe. Jetzt erst erwachten meine
Lebensgeister wieder. Der Regen trieb mich in meine Behausung zurück, wo ich
mich im Zelt niedersetzte, bis mich der heftige Regen in die Höhle zu gehen
zwang, obgleich ich noch immer nicht von der Furcht befreit war, sie werde mir
über dem Kopfe zusammenstürzen.
Dort zwangen mich die Regengüsse, rasch eine Arbeit in Angriff zu nehmen. Ich
erkannte nämlich die Notwendigkeit, eine Rinne zu machen, damit das Wasser einen
Ausweg aus der Höhle nehmen könne. Als ich nach einiger Zeit bemerkte, daß keine
weiteren Erderschütterungen eintraten, fing ich an ruhiger zu werden. Um mich,
was mir sehr noth that, einigermaßen wieder zu Kräften zu bringen, ging ich
an mein kleines Proviantmagazin und nahm einen Schluck Rum, wobei ich jedoch
wie immer sparsam verfuhr, da ich, wie mir wohl bewußt war, außer diesem Vorrath
keinen weiteren hatte. Es regnete die ganze Nacht und einen großen Theil des
nächsten Tages hindurch, so daß ich nicht ausgehen konnte. Als ich wieder einige
Fassung gewonnen, dachte ich darüber nach, was ich jetzt anfangen solle. Ich
erwog, daß ich, wenn die Insel solchen Erderschütternden öfters ausgesetzt sei,
in der Höhle nicht wohnen bleiben könne, sondern darauf sinnen müsse, mir auf
einem freien Platze ein Hüttchen zu bauen und es wiederum, um mich vor wilden
Thieren und Menschen zu sichern, mit einer Einfriedigung zu versehen. Denn ich
glaubte, wenn ich hier wohnen bliebe, würde ich früher oder später sicher lebendig
begraben werden.
Ans diesen Gründen beschloß ich denn, mein Zelt von seinem jetzigen Platze unter
dem Felsvorsprung, von dem ich fürchtete, er werde bei der nächsten Erschütterung
sicherlich auf jenes stürzen, zu entfernen. Die beiden nächsten Tage, den 19.
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