Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Ordnung zu haben.
Den 20. December. Ich trug Alles, was dahin gehörte, in den Keller und schlug
kleine Bretter, wie ein Gesims, auf, um meine Lebensmittel darauf zu legen.
Als jedoch meine Bretter auf die Neige gingen, machte ich mir noch einen zweiten
Tisch, um allerlei auf denselben stellen zu können.
Den 24. December. Es regnete die ganze Nacht, sowie den ganzen Tag, und ich
konnte daher nicht ausgehen.
Den 25. December. Unaufhörlicher Regen.
Den 26. December. Der Regen hatte aufgehört. Die Erde war stark abgekühlt und
die Temperatur sehr angenehm.
Den 27. December. Ich erlegte eine junge Geis und lähmte eine andere, die ich
fing und an einem Strick nach Hause führte; hier verband und schiente ich ihr
das zerbrochene Bein.
Nota bene. Ich sorgte für das Thier so, damit es am Leben bleibe. Das Bein heilte
und wurde so gerade wie vorher. Durch mein Füttern machte ich das Thier zahm,
es weidete auf dem kleinen grünen Platz vor meiner Thür und lief niemals fort.
Jetzt kam mir zum ersten Mal der Gedanke, Thiere aufzuziehen und zu zähmen,
um davon zu leben, wenn ich einmal meinen Schießbedarf verbraucht haben würde.
Den 28. bis 31. December. Große Hitze und völlige Windstille, so daß ich nur
am Abend zur Jagd ausgehen konnte. Die Tage verbrachte ich damit, alle meine
Sachen zu ordnen.
Den 1. Januar. Immer noch große Hitze, doch ging ich in der Frühe und Abends
mit meinem Gewehr aus; die Zwischenzeit über lag ich still zu Hause. An diesem
Abend ging ich tiefer hinein in die Thäler, die nach dem Mittelpunkt der Insel
hin liegen, und fand dort eine Menge Ziegen, denen ich aber, weil sie so scheu
waren, nicht beikommen konnte. Ich beschloß daher, zu versuchen, ob es nicht
gelingen werde, sie mit dem Hunde zu jagen.
Den 2. Januar. Sogleich am nächsten Tag stellte ich diesen Versuch an. Ich hatte
mich jedoch verrechnet, denn die Ziegen kehrten sich alle mit dem Gehörn gegen
den Hund, und er hütete sich wohl, ihnen zu nahe zu kommen.
Den 3. Januar. Heute begann ich mein Gebiet einzuzäunen und machte, da ich noch
immer in der Furcht lebte, von Jemandem angegriffen zu werden, die Umhegung
so dick, fest und stark, wie nur möglich.
Anmerkung. Da ich die Einzäunung früher beschrieben habe, so übergehe ich, was
darüber in dem Tagebuch gesagt ist. Es genügt, zu bemerken, daß ich nicht weniger
als vom 3. Januar bis zum 14. April mit der Vollendung derselben beschäftigt
war, wiewohl sie nur vierundzwanzig Ellen in der Länge (von einem Ende des Felsens
bis zum andern gemessen) und acht Ellen in der Tiefe (von der Thür der Höhle,
als dem Mittelpunkt, aus gerechnet) maß.
Diese ganze Zeit über arbeitete ich sehr angestrengt, wobei mir jedoch der Regen
viele Tage, ja einigemal ganze Wochen hindurch hinderlich war. Doch hielt ich
mich nicht vollkommen sicher, bis ich die Einhegung vollendet. Man glaubt kaum,
was für eine unbeschreibliche Arbeit sie mir machte; besonders war dies der
Fall mit dem Herbeischaffen der Pfähle aus dem Walde und dem Einschlagen derselben
in die Erde.
Als der Wall beendigt war, hielt ich ihn für so dicht, daß, wenn Besucher auf
die Insel kommen sollten, sie Nichts einer menschlichen Wohnung Aehnliches dort
entdecken würden. Daß ich mit dieser Ansicht Recht hatte, wird sich später bei
einer merkwürdigen Gelegenheit zeigen.
Auch während dieser Beschäftigung machte ich täglich meinen Jagdausflug in die
Wälder, das heißt, so oft es der Regen zuließ. Hierbei entdeckte ich häufig
erfreuliche Dinge. Besonders gehört dahin, daß ich eine Art wilder Tauben fand,
die nicht wie die Waldtauben auf Bäumen, sondern wie die Haustauben in Felslöcher
bauten. Ich nahm einige Junge mit mir und bemühte mich sie aufzuziehen. Als
sie jedoch älter wurden, flogen sie sämmtlich fort, da ich ihnen nicht ausreichendes
Futter geben konnte. Indeß fand ich oft solche Nester und holte mir dann die
Jungen heraus, die ich mir sehr wohl schmecken ließ.
Bei der Ordnung meines Hauswesens fühlte ich aufs Neue, daß mir verschiedene
Dinge doch noch sehr abgingen. Einige darunter glaubte ich niemals machen zu
können, und bezüglich mehrer ist das auch in der That der Fall gewesen. Zum
Beispiel brachte ich es durchaus nicht fertig, eine Tonne zu bauen. Ich hatte
mehre kleine Fässer, wie schon oben erwähnt ist, aber es gelang mir nicht, wiewohl
ich viele Wochen darauf verwendete, nach dem Modell derselben ein neues zu machen.
Weder vermochte ich den Boden gehörig einzulassen, noch konnte ich die Dauben
so nahe an einander fügen, daß sie wasserdicht wurden. Ich gab daher die ganze
Sache auf. Ferner vermißte ich sehr Lichter. Sobald es dunkel wurde, was gewöhnlich
um sieben Uhr geschah, mußte ich zu Bette gehen. Jetzt wünschte ich mir oft
den Klumpen Bienenwachs, aus dem ich bei meiner Flucht von Afrika mir Kerzen
verfertigt hatte, zurück, aber der war längst nicht mehr vorhanden.
Um jenem Mangel abzuhelfen, fand ich kein anderes Auskunftsmittel, als daß ich,
so oft ich eine Ziege erlegt hatte, das Fett sammelte und mir mittels eines
kleinen Gefäßes von Lehm, das ich in der Sonne trocknete und mit einem Docht
aus Taugarn versah, eine Lampe verfertigte. Sie leuchtete, wenn auch nicht ganz,
doch fast so hell wie eine gewöhnliche Kerze. Während dieser Beschäftigung fiel
mir, als ich einmal unter meinen Sachen kramte, ein Säckchen wieder in die Hand,
das, wie früher bemerkt wurde, mit Korn zum Futter des Geflügels gefüllt gewesen
war. Der geringe Rest des Korns war von den Ratten im Schiff gefressen worden,
und ich hatte nur Hülsen und Staub in dem Säckchen bemerkt; da ich dieses zu
einem andern Zweck benutzen wollte (ich glaube bei der Vertheilung des Pulvers),
so hatte ich die Kornhülsen an die Seite meiner kleinen Festung unter dem Felsen
ausgeschüttet.
Es war kurz vor dem großen Regen, dessen ich gedachte, geschehen, daß ich diesen
Kehricht weggeworfen. Ich hatte mit keinem Gedanken mehr daran gedacht, als
ich etwa einen Monat später einige grüne Halme aus dem Boden ragen sah, die
ich anfangs für eine früher nicht bemerkte Pflanze hielt. Aber wie war ich erstaunt,
als ich kurze Zeit darauf sich zehn bis zwölf Aehren daraus entwickeln sah,
die ich als vollkommen gute grüne Gerste der europäischen oder vielmehr der
englischen Art erkannte.
Ich vermag meine Empfindungen bei dieser Entdeckung nicht zu beschreiben. Bisher
hatte ich überhaupt keine religiöse Weltanschauung gehabt; nur wenige Ideen
dieser Art waren in meinem Kopf vorhanden gewesen, Alles, was mir widerfahren,
hatte ich als Zufall oder, wie man so obenhin spricht, als Gottes Fügung angesehn.
Um die Zwecke der Vorsehung und ihre Anordnung der Dinge dieser Welt war ich
gänzlich unbekümmert gewesen. Als ich jedoch nun in einem Klima, von dem ich
wußte, daß es sich nicht für Getreide eigne, Gerste wachsen sah, ohne eine Ahnung
zu haben, wie sie dahin gekommen sei, wurde ich höchlichst betroffen, und ich
begann zu glauben, Gott habe durch ein Wunder diese Aehren sprießen lassen,
ohne daß ein Samenkorn vorhanden gewesen sei, und zwar lediglich, damit sie
in dieser trostlosen Einöde mir zur Nahrung dienten.
Dieser Gedanke bewegte mir das Herz zu Thränen, und ich fing an mich selig zu
preisen, daß um meinetwillen solch ein Naturwunder geschehen sei. Noch mehr
stieg meine Ueberraschung, als ich in der Nähe, dem Fels entlang, auch noch
andere Halme erblickte, die ich von meinem Aufenthalt in Afrika her als Reisähren
kannte. Da ich nicht zu glauben wagte, diese seien auch nur zu meiner Erhaltung
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