Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

mein Vorhaben, in die Fremde zu gehen, irgendwie unterstütze. Schließlich hielt
er mir das Beispiel meines älteren Bruders vor. Den habe er auch durch ernstliches
Zureden abhalten wollen, in den niederländischen Krieg zu gehen. Dennoch sei
derselbe seinen Gelüsten gefolgt und habe darum einen frühen Tod gefunden. »Ich
werde zwar«, so endete mein Vater, »nicht aufhören, für dich zu beten, aber
das sage ich dir im Voraus: wenn du deine thörichten Pläne verfolgst, wird Gott
seinen Segen nicht dazu geben, und du wirst vielleicht einmal Muße genug haben,
darüber nachzudenken, daß du meinen Rath in den Wind geschlagen hast. Dann aber
möchte wohl Niemand da sein, der dir zur Umkehr behülflich sein kann.«
Bei diesen letzten Worten, die, was mein Vater wohl selbst kaum ahnte, wahrhaft
prophetisch waren, strömten ihm, besonders als er meinen gefallenen Bruder erwähnte,
die Thränen reichlich über das Gesicht. Als er von der Zeit der zu späten Reue
sprach, gerieth er in eine solche Bewegung, daß er nicht weiter reden konnte.

Ich war durch seine Worte in innerster Seele ergriffen, und wie hätte das anders
sein können! Mein Entschluß stand fest, den Gedanken an die Fremde aufzugeben
und mich, den Wünschen meines Vaters gemäß, zu Hause niederzulassen. Aber ach,
schon nach wenigen Tagen waren diese guten Vorsätze verflogen, und um dem peinlichen
Zureden meines Vaters zu entgehen, beschloß ich einige Wochen später, mich heimlich
davon zu machen. Indeß führte ich diese Absicht nicht in der Hitze des ersten
Entschlusses aus, sondern nahm eines Tages meine Mutter, als sie ungewöhnlich
guter Laune schien, bei Seite und erklärte ihr, mein Verlangen die Welt zu sehen
gehe mir Tag und Nacht so sehr im Kopfe herum, daß ich Nichts zu Hause anfangen
könnte, wobei ich Ausdauer genug zur Durchführung haben würde. »Mein Vater«,
sagte ich, »thäte besser, mich mit seiner Einwilligung gehen zu lassen als ohne
sie. Ich bin im neunzehnten Jahre und zu alt, um noch die Kaufmannschaft zu
erlernen oder mich auf eine Advokatur vorzubereiten. Wollte ich’s doch versuchen,
so würde ich sicherlich nicht die gehörige Zeit aushalten, sondern meinem Principal
entlaufen und dann doch zur See gehen.« Ich bat die Mutter bei dem Vater zu
befürworten, daß er mich eine Seereise zum Versuch machen lasse. Käme ich dann
wieder und die Sache hätte mir nicht gefallen, so wollte ich nimmer fort und
verspräche für diesen Fall, durch doppelten Fleiß das Versäumte wieder einzuholen.

Meine Mutter gerieth über diese Mittheilung in große Bestürzung. Es würde vergebens
sein, erwiederte sie, mit meinem Vater darüber zu sprechen, der wisse zu gut,
was zu meinem Besten diene, um mir seine Einwilligung zu so gefährlichen Unternehmungen
zu geben. »Ich wundere mich«, setzte sie hinzu, »daß du nach der Unterredung
mit deinem Vater und nach seinen liebreichen Ermahnungen noch an so Etwas denken
kannst. Wenn du dich absolut ins Verderben stürzen willst, so ist dir eben nicht
zu helfen. Darauf aber darfst du dich verlassen, daß ich meine Einwilligung
dir nie gebe und an deinem Unglück nicht irgend welchen Theil haben will. Auch
werde ich niemals in Etwas einwilligen, was nicht die Zustimmung deines Vaters
hat.«
Wie ich später erfuhr, war diese Unterredung von meiner Mutter, trotz ihrer
Versicherung, dem Vater davon Nichts mittheilen zu wollen, ihm doch von Anfang
bis zu Ende erzählt worden. Er war davon sehr betroffen gewesen und hatte seufzend
geäußert: »Der Junge könnte nun zu Hause sein Glück machen, geht er aber in
die Fremde, wird er der unglücklichste Mensch von der Welt werden; meine Zustimmung
bekommt er nicht.«
Es währte beinahe noch ein volles Jahr, bis ich dennoch meinen Vorsatz ausführte.
In dieser ganzen Zeit aber blieb ich taub gegen alle Vorschläge, ein Geschäft
anzufangen, und machte meinen Eltern oftmals Vorwürfe darüber, daß sie sich
dem, worauf meine ganze Neigung ging, so entschieden widersetzten.
Eines Tages befand ich mich zu Hull, wohin ich jedoch zufällig und ohne etwa
Fluchtgedanken zu hegen, mich begeben hatte. Ich traf dort einen meiner Kameraden,
der im Begriff stand, mit seines Vaters Schiff zur See nach London zu gehen.
Er drang in mich, ihn zu begleiten, indem er nur die gewöhnliche Lockspeise
der Seeleute, nämlich freie Fahrt, anbot. So geschah es, daß ich, ohne Vater
oder Mutter um Rath zu fragen, ja ohne ihnen auch nur ein Wort zu sagen, unbegleitet
von ihrem und Gottes Segen und ohne Rücksicht auf die Umstände und Folgen meiner
Handlung, in böser Stunde (das weiß Gott!) am ersten September 1651 an Bord
des nach London bestimmten Schiffes ging.
Niemals, glaube ich, haben die Mißgeschicke eines jungen Abenteurers rascher
ihren Anfang genommen und länger angehalten als die meinigen. Unser Schiff war
kaum aus dem Humberfluß, als der Wind sich erhob und die See anfing fürchterlich
hoch zu gehen. Ich war früher nie auf dem Meere gewesen und wurde daher leiblich
unaussprechlich elend und im Gemüth von furchtbarem Schrecken erfüllt. Jetzt
begann ich ernstlich darüber nachzudenken, was ich unternommen, und wie die
gerechte Strafe des Himmels meiner böswilligen Entfernung vom Vaterhaus und
meiner Pflichtvergessenheit alsbald auf dem Fuße gefolgt sei. Alle guten Rathschläge
meiner Eltern, die Thränen des Vaters und der Mutter Bitten traten mir wieder
vor die Seele, und mein damals noch nicht wie später abgehärtetes Gewissen machte
mir bittere Vorwürfe über meine Pflichtwidrigkeit gegen Gott und die Eltern.

Inzwischen steigerte sich der Sturm, und das Meer schwoll stark, wenn auch bei
weitem nicht so hoch, wie ich es später oft erlebt und schon einige Tage nachher
gesehen habe. Doch reichte es hin, mich, als einen Neuling zur See und da ich
völlig unerfahren in solchen Dingen war, zu entsetzen. Von jeder Woge meinte
ich, sie würde uns verschlingen, und so oft das Schiff sich in einem Wellenthal
befand war mir, als kämen wir nimmer wieder auf die Höhe. In dieser Seelenangst
that ich Gelübde in Menge und faßte die besten Entschlüsse. Wenn es Gott gefalle,
mir das Leben auf dieser Reise zu erhalten, wenn ich jemals wieder den Fuß auf
festes Land setzen dürfe, so wollte ich alsbald heim zu meinem Vater gehen und
nie im Leben wieder ein Schiff betreten. Dann wollte ich den väterlichen Rath
befolgen und mich nicht wieder in ein ähnliches Elend begeben. Jetzt erkannte
ich klar die Richtigkeit der Bemerkungen über die goldene Mittelstraße des Lebens.
Wie ruhig und behaglich hatte mein Vater sein Leben lang sich befunden, der
sich nie den Stürmen des Meeres und den Kümmernissen zu Lande ausgesetzt hatte.
Kurz, ich beschloß fest, mich aufzumachen gleich dem verlorenen Sohne und reuig
zu meinem Vater zurückzukehren.
Diese weisen und verständigen Gedanken hielten jedoch nur Stand, so lange der
Sturm währte und noch ein Weniges darüber. Am nächsten Tage legte sich der Wind,
die See ging ruhiger, und ich ward die Sache ein wenig gewohnt. Doch blieb ich
den ganzen Tag still und ernst und litt noch immer etwas an der Seekrankheit.
Am Nachmittag aber klärte sich das Wetter auf, der Wind legte sich völlig, und
es folgte ein köstlicher Abend. Die Sonne ging leuchtend unter und am nächsten
Morgen ebenso schön auf. Wir hatten wenig oder gar keinen Wind, die See war
glatt, die Sonne strahlte darauf, und ich hatte einen Anblick so herrlich wie
nie zuvor.
Nach einem gesunden Schlaf, frei von der Seekrankheit, in bester Laune betrachtete
ich voll Bewunderung das Meer, das gestern so wild und fürchterlich gewesen
und nun so friedlich und anmuthig war. Und gerade jetzt, damit meine guten Vorsätze
ja nicht Stand halten sollten, trat mein Kamerad, der mich verführt hatte, zu
mir. »Nun, mein Junge«, sagte er, mich mit der Hand auf die Schulter klopfend,
»wie ist’s bekommen? Ich wette, du hast Angst ausgestanden, bei der Hand voll

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 57 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 68 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81 82 83 84 85 86 87 88 89 90 91 92 93 94 95 96

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Romane | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar