Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
den Fingern gehabt, und trotzdem erkannte ich jetzt bald, daß es mir durch Arbeit,
Ausdauer und Eifer möglich sein würde, Alles, was ich brauchte, wenn ich nur
das nöthige Geräthe gehabt hätte, selbst anzufertigen. Indeß machte ich eine
Menge Dinge auch ohne Handwerkszeug. Einige lediglich mit Hobel und Hackbeil,
und zwar waren das Gegenstände, die wohl nie früher auf solche Art verfertigt
waren. Zum Beispiel, wenn ich ein Brett nöthig hatte, blieb mir Nichts übrig,
als einen Baum zu fällen und ihn mit der Axt von beiden Seiten so lange zu behauen,
bis er dünn wie ein Brett war, worauf ich ihn dann mit dem Hobel glättete. Freilich
konnte ich auf diese Weise aus einem ganzen Baum nur ein einziges Brett erhalten;
doch da half Nichts weiter als die Geduld, und wenn auch die Anfertigung eines
einzigen solchen Gegenstandes mich eine enorme Menge Zeit und Arbeit kostete,
so war ja Arbeit und Zeit für mich von geringem Werth, und es kam Nichts darauf
an, ob ich sie so oder so verwendete.
Zunächst machte ich mir aus den kurzen Latten, die ich auf meinem Floße aus
dem Schiffe geholt hatte, Tisch und Stuhl. Ferner brachte ich, nachdem einige
Bretter in der oben angegebenen Weise fertig geworden waren, große Fächer von
anderthalb Fuß Breite übereinander an der Seitenwand meiner Höhle an, um alle
meine Werkzeuge, Nägel und eiserne Geräthe darauf zu legen und Alles zur größeren
Bequemlichkeit an einer bestimmten Stelle zu haben. Hierauf schlug ich Pflöcke
in die Felswand, um mein Gewehr und Anderes dergleichen daran zu hängen. Meine
Höhle sah jetzt aus wie ein großes Magazin von allen unentbehrlichen Dingen,
und ich hatte Jegliches so zur Hand, daß diese Ordnung mir ein großes Vergnügen
gewährte.
Von nun an begann ich auch ein Tagebuch zu führen und darin meine täglichen
Beschäftigungen zu verzeichnen. Früher hatte es mir zu sehr an Ruhe, besonders
an Gemüthsruhe gefehlt, und mein Journal würde in dieser Zeit mit vielen unbedeutenden
Dingen angefüllt worden sein. Da hätte ich zum Beispiel vom 30. September Nichts
zu berichten gehabt, als etwa: Nachdem ich gelandet und dem Tod des Ertrinkens
entronnen war, bin ich, nachdem ich zuvor eine ganze Menge Salzwasser, das ich
verschluckt, gebrochen hatte und wieder ein wenig zu mir gekommen war, statt
Gott für meine Errettung zu danken, mit dem Ausruf: »Ich bin verloren! ich bin
verloren!« händeringend am Strand auf- und abgelaufen, bis ich müde und matt
mich auf die Erde zur Ruhe legen mußte, wo ich aber nicht schlafen konnte, aus
Furcht gefressen zu werden.
Einige Tage nachdem ich schon Alles vom Schiff geholt hatte, konnte ich es nicht
unterlassen, doch wieder einmal die Spitze des kleinen Berges zu ersteigen und
auf die See hinauszuschauen, in der Hoffnung, ein Schiff zu erblicken. Wirklich
bildete ich mir auch ein, in großer Entfernung ein Segel zu erspähen. Ich täuschte
mich lange mit dieser Hoffnung und blickte starr auf das Meer, bis ich fast
erblindete. Dann gab ich es auf, setzte mich nieder, weinte wie ein Kind und
vergrößerte so durch eigne Thorheit mein Elend.
Erst nachdem ich diesen Kummer einigermaßen überwunden, meine Niederlassung
beendigt und mein Hauswesen eingerichtet hatte, und Alles um mich so hübsch
wie möglich geordnet war, begann ich mein Tagebuch. Ich will den kärglichen
Inhalt desselben (ich konnte es nämlich nur so lange fortsetzen, bis mir die
Tinte ausging) hier mittheilen, obwohl dasselbe viele Dinge wiederholt, die
schon berichtet sind.
Tagebuch.
Den 30. September 1659. Ich armer unglückseliger Robinson Crusoe habe bei einem
fürchterlichen Sturm Schiffbruch gelitten und bin auf diese traurige Insel gerathen,
der ich den Namen »das Eiland der Verzweiflung« gegeben habe. Alle meine Schiffsgefährten
sind ertrunken, und ich selbst bin nur mit Noth dem Tode entronnen.
Nachdem ich gelandet war, habe ich den Rest des Tages dazu verwendet, meine
trostlose Lage zu erwägen und darüber nachzudenken, daß ich weder Nahrung, Wohnung,
Kleidung, Waffen, noch irgend einen Zufluchtsort habe. Es gebrach mir an jedem
Trost und ich sah Nichts als Verderben um mich her. Ich erwartete, entweder
von den wilden Thieren gefressen, oder von wilden Menschen ermordet zu werden,
oder Hungers sterben zu müssen. Als die Nacht kam, erstieg ich einen Baum, aus
Furcht vor den Bestien. Es regnete die ganze Nacht hindurch, dennoch aber erfreute
ich mich eines gesunden Schlafes.
Den 1. Oktober. Am Morgen sah ich mit großer Verwunderung, daß das Schiff von
der Flut dem Ufer weit näher getrieben war, als es am vorigen Tage gelegen hatte.
Es war mir ein Trost, es aufrecht stehen und unzertrümmert zu sehen. Denn ich
hoffte, wenn sich der Wind lege, könnte ich an Bord gehen, um Lebensmittel und
sonstige nothwendige Gegenstände holen zu können. Andererseits erneuete aber
der Anblick auch meinen Schmerz um den Verlust der Kameraden, die, so schien
es mir, wenn sie an Bord geblieben wären, das Schiff hätten retten können, oder
wenigstens nicht ertrunken sein würden. Wäre die Mannschaft gerettet worden,
so hätten wir vielleicht aus den Trümmern des Schiffes uns ein Boot bauen und
in demselben irgend ein anderes Fleckchen Erde erreichen können. Ich verbrachte
einen großen Theil des Tages damit, mich durch solche Gedanken zu quälen. Endlich
aber, als ich das Schiff beinahe auf dem Trockenen liegen sah, ging ich am Strande
so nahe wie möglich an es heran, schwamm dann bis zu demselben und begab mich
an Bord. Auch an diesem Tage regnete es unaufhörlich, dabei war es jedoch gänzlich
windstill.
Vom 1. bis zum 24. Oktober. Alle diese Tage wendete ich nur zu verschiedenen
Fahrten nach dem Schiff an, aus welchem ich, jedesmal die Zeit der Flut benutzend,
auf Flößen ans Land brachte, was ich nur vermochte. Auch in dieser Zeit währte
der Regen, wiewohl zuweilen von schönem Wetter unterbrochen, fort. Es scheint
dies die regnerische Jahreszeit zu sein.
Den 24. Oktober. Mein Floß schlug um und mit ihm meine ganze Ladung. Doch geschah
es in seichtem Wasser, und da die Gegenstände schwer waren, bekam ich viele
von ihnen während der Ebbe wieder.
Den 25. Oktober. Es regnete die ganze Nacht und den ganzen Tag über; einige
Male traten auch starke Windstöße ein. Während eines solchen brach das Schiff
in Stücke und es war Nichts mehr davon zu sehen außer dem Rumpf, und auch den
erblickte ich nur bei niedrigem Wasser. Ich verbrachte den Tag damit, meine
Habe in Sicherheit zu bringen, damit sie der Regen nicht verderbe.
Den 26. Oktober. Ich wanderte heute fast den ganzen Tag am Strande umher, um
einen Platz für meine Niederlassung zu finden. Besonders war ich darauf bedacht,
mich für die Nacht vor den Angriffen der wilden Thiere und Menschen zu sichern.
Gegen Abend traf ich auf einen geeigneten Platz unter einem Felsen. Ich markirte
einen Halbkreis für meine Wohnung, die ich mit einem Wall, gleichsam einer Festungsmauer,
aus einer doppelten Reihe von Palissaden zu umgeben beschloß, welche letztere
ich mit Taustücken zu verbinden gedachte.
Vom 26. bis zum 30. Oktober. Ich plagte mich sehr ab, indem ich all meine Habseligkeiten
in die neue Wohnung brachte. Unterdessen regnete es eine Zeitlang heftig.
Den 31. Oktober ging ich des Morgens mit meinem Gewehr auf der Insel umher,
um zu jagen und das Land auszukundschaften. Ich erlegte eine Ziegengeis und
das Junge folgte mir nach meiner Wohnung, wo ich es später schlachten mußte,
da es nicht fressen wollte.
Den 1. November. Ich schlug mein Zelt unter dem Felsen auf und schlief dort
die Nacht zum ersten Mal. Ich habe es so groß als möglich gemacht, um meine
Hängematte darin an Pfählen aufhängen zu können.
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