Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
unter meine Reiseeffekten gepackt hatte. Sodann hatte ich einige portugiesische
Bücher, darunter drei katholische Gebetbücher und verschiedene andere Schriften,
aus dem Wrack mitgenommen und sorgfältig aufbewahrt. Ferner darf ich nicht vergessen,
daß an Bord unseres Schiffes ein Hund und zwei Katzen gewesen waren, von denen
ich im Verlauf meiner Geschichte noch zu reden haben werde. Denn die beiden
Katzen hatte ich mitgenommen; der Hund aber war an dem Tage, nachdem ich die
erste Floßfahrt gemacht hatte, von selbst aus dem Schiffe gesprungen und ans
Land geschwommen. Er war mir manches Jahr hindurch ein treuer Gefährte, trug
und apportirte mir alles Mögliche und leistete mir Gesellschaft, so gut er vermochte.
Ihn aber sprechen zu lehren, wollte nicht gelingen, wie große Mühe ich mir auch
darum gab.
Wie schon bemerkt, hatte ich auch Federn, Tinte und Papier gefunden. Ich ging
damit sehr haushälterisch um, zeichnete aber dennoch, so lange der Vorrath reichte,
alle meine Erlebnisse auf das Genaueste auf. Später wurde mir dies unmöglich,
da es mir durchaus nicht gelang, Tinte zu bereiten.
Ueberhaupt gebrach es mir, so viel Gegenstände ich auch um mich aufgehäuft hatte,
doch an einer Menge sehr wesentlicher Dinge, so zum Beispiel außer der Tinte
an einer Hacke und einem Spaten, oder einer Schaufel, um die Erde damit umzugraben;
ferner an Nähnadeln, Stecknadeln und Zwirn. Was die Wäsche angeht, so gewöhnte
ich mich schnell daran, sie zu entbehren.
Dieser Mangel an Gerätschaften erschwerte natürlich alle meine Arbeiten, und
so dauerte es zum Beispiel fast ein Jahr, bis ich die Einzäunung meiner Wohnung
beendigt hatte. Die Pfähle, die ich so schwer wählte, als ich sie nur tragen
konnte, nahmen viel Zeit zum Fällen, Vorbereiten und Heimschaffen in Anspruch.
Zuweilen brauchte ich zwei Tage, um eine von diesen Palissaden fertig an Ort
und Stelle zu bringen, und einen dritten Tag, um sie in die Erde zu treiben.
Hierzu bediente ich mich anfangs eines schweren Holzstückes, später aber nahm
ich dazu eine der eisernen Brechstangen. Trotzdem war es ein mühsames und zeitraubendes
Werk, diese Pfähle festzumachen. Aber was lag daran, daß irgend Etwas, das ich
verrichtete, Zeit kostete, da ich ja deren in Ueberfluß hatte? Denn so viel
ich vorläufig übersah, blieb mir nach Vollendung jener Arbeit nur noch die übrig,
die Insel nach Lebensmitteln zu durchsuchen, was ich ohnehin schon jetzt fast
an jedem Tage that.
Ich faßte nun meine Lage ernsthaft ins Auge und setzte das Ergebniß schriftlich
auf, nicht sowohl um den Bericht Denen zu hinterlassen, die etwa nach mir einmal
auf die Insel kommen würden (denn ich hatte wenig Aussicht auf Erben), als um
mich dadurch von den Gedanken, die täglich auf mich einstürmten und mir die
Seele verdüsterten, zu befreien. Meine Vernunft begann allmählich Herr zu werden
über meine verzweifelte Stimmung; ich tröstete mich dadurch, daß ich das Gute
meiner Lage dem Schlimmen derselben gegenüberstellte und unparteiisch, gleichwie
der Kaufmann sein Soll und Haben, die Freuden gegenüber den Leiden, die ich
erfuhr, folgendermaßen verzeichnete:
Das Böse:
Das Gute:
Ich bin auf ein wüstes, trostloses Eiland ohne alle Hoffnung auf Befreiung verschlagen.
Aber ich lebe und bin nicht, wie alle meine Gefährten, ertrunken.
Ich bin vereinsamt und von aller Welt geschieden, dazu verurtheilt ein elendes
Dasein zu führen.
Jedoch bin ich auch erlesen aus der ganzen Schiffsmannschaft, vom Tode verschont
zu bleiben, und der, welcher mir das Leben wunderbar erhalten hat, kann mich
auch aus dieser elenden Lage wieder erlösen.
Ich bin von der Menschheit getrennt, ein Einsiedler, verbannt vom Menschengeschlechte.
Trotzdem bin ich auf diesem öden Orte nicht Hungers gestorben.
Ich habe keine Kleider, um meine Blöße zu bedecken.
Aber ich befinde mich in einem heißen Klima, wo ich Kleider, hätte ich sie,
schwerlich tragen könnte.
Ich bin ohne Vertheidigungsmittel gegen irgend einen gewaltsamen Angriff von
Menschen oder Thieren.
Allein ich bin an eine Insel verschlagen, wo ich keine wilden Thiere zu sehen
bekomme, wie ich sie an der afrikanischen Küste sah. Was wäre aus mir geworden,
hätte ich dort Schiffbruch gelitten?
Ich habe keine Seele, um mit ihr zu reden, oder mich von ihr trösten zu lassen.
Aber Gott schickte durch wunderbare Fügung das Schiff so nahe ans Land, daß
ich so viele Dinge daraus holen konnte, die zur Befriedigung meiner Nothdurft
selbst dienen oder mir die Mittel zur Befriedigung derselben an die Hand geben
werden, so lange ich lebe.
Alles in Allem ergab diese Uebersicht, daß es zwar kaum eine unglücklichere
Lage als die meinige in der Welt gab, daß aber doch negative und positive Umstände
darin vorhanden waren, um derentwillen ich dankbar sein mußte. Daraus mag man
lernen, daß kein Zustand existirt, der nicht etwas Tröstliches darbietet, und
bei dem wir nicht bei der Verzeichnung des Guten und Schlimmen immer dem Debet
gegenüber auch Etwas auf die Seite des Credit zu setzen haben.
Nachdem ich mich auf solche Weise mit meinem Zustand einigermaßen ausgesöhnt,
dagegen aber die Hoffnung, auf der See ein Schiff zu erspähen, aufgegeben hatte,
begann ich, mir das Leben so angenehm einrichten, als es nur möglich war.
Meine Wohnung habe ich bereits beschrieben. Sie bestand, wie erwähnt, aus einem
Zelt zu Füßen eines Felsens, das mit eigner starken Einzäunung von Pfählen und
Tauen umgeben war. Ich durfte diese wohl eine Mauer nennen, besonders nachdem
ich eine Art Wall von Erdstücken, etwa zwei Fuß hoch, an der Außenseite auf
derselben aufgeführt und nach Ablauf von etwa anderthalb Jahren von diesem Wall
aus Holzstücke gegen den Felsen gestemmt und sie mit Baumzweigen und Aehnlichem
bedeckt hatte, um den Regen abzuhalten, welcher während gewisser Jahreszeiten
sehr heftig war.
Meine Güter hatte ich sämmtlich in diese Einhegung und die im Hintergrund derselben
befindliche Höhlung gebracht. Anfangs hatten sie dort einen unordentlichen Haufen
gebildet und mir allen Platz weggenommen, so daß ich kaum mich hatte rühren
können. Daher hatte ich mich daran gemacht, die Höhlung zu erweitern und tiefer
in den Felsen einzudringen. Dieser bestand aus lockerem Sandstein und gab leicht
nach. Da ich mich gegen wilde Thiere doch hinlänglich geschützt glaubte, arbeitete
ich mich ganz durch den Felsen durch und bekam so eine Thür nach Außen hin,
durch die ich meine Festung verlassen konnte. So hatte ich nicht nur einen Aus-
und Eingang, sondern auch einen größern Behälter für meine Besitztümer bekommen.
Ich begann sodann mir diejenigen Gegenstände anzufertigen, die mir die notwendigsten
schienen, nämlich vor Allem einen Tisch und einen Stuhl, da ich ohne diese nicht
einmal die geringe Behaglichkeit, die mir auf der Welt geboten war, zu genießen
vermocht haben würde. Denn ohne Tisch hätte ich weder schreiben, noch essen,
noch andere dergleichen Geschäfte mit einiger Bequemlichkeit vornehmen können.
Hierbei kann ich nicht umhin zu bemerken, daß, da die Vernunft die Wurzel und
der Ursprung der Mathematik ist, Jedermann durch vernünftige Berechnung und
Ausmessung der Dinge binnen kurzer Zeit ein Meister in allen mechanischen Künsten
zu werden vermag. Ich hatte in meinem früheren Leben niemals Handwerkszeug zwischen
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