Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
verzehrt werden. Diese Arbeit brachte ich in etwa vierzehn Tagen fertig. Ich
theilte mein Pulver, das etwa drittehalb Centner wog, in wenigstens hundert
Häuflein. Von dem Fäßchen, das Wasser gezogen hatte, fürchtete ich keine Gefahr
und hob es daher in meiner neuen Höhle auf, die ich meine Küche nannte. Das
Uebrige verbarg ich in Löchern unter dem Felsen, damit es nicht naß werden sollte,
und merkte mir aufs Genaueste die Orte, wo ich es aufbewahrt hatte.
Diese Beschäftigung zur Sicherung meines Schießbedarfs unterbrach ich jeden
Tag durch Pausen, in denen ich wenigstens einmal mit dem Gewehre ausging, sowohl
zum Vergnügen, als auch um zu sehen, ob ich irgend etwas Eßbares erlegen könne.
Zu gleicher Zeit beabsichtigte ich hierbei mich möglichst mit dem, was die Insel
hervorbrachte, bekannt zu machen. Gleich auf dem ersten dieser Streifzüge entdeckte
ich zu meiner großen Befriedigung, daß es hier Ziegen gab; sie zeigten jedoch
so viel Schlauheit, Vorsicht und Flinkheit, daß ihnen nur mit der allergrößten
Schwierigkeit beizukommen war. Dennoch gab ich die Hoffnung nicht auf, hin und
wieder eine davon zu schießen. Bei der Verfolgung ihrer Fährten beobachtete
ich, daß sie, wenn sie sich auf dem Felsen befanden und mich im Thale erblickten,
in größtem Schreck davon eilten, während sie dagegen im Thale weidend, wenn
ich auf dem Felsen stand, mich gar nicht beachteten. Da ich hieraus schloß,
daß sie durch die Stellung ihrer Augen genöthigt seien, den Blick zur Erde zu
richten und dem zufolge nicht leicht Gegenstände über ihnen wahrnehmen könnten,
wendete ich später den Kunstgriff an, ihnen immer von den Felsen aus beizukommen,
von wo aus ich dann auch oft Gelegenheit hatte, Beute zu machen.
Bei der ersten Jagd auf diese Thiere erlegte ich eine Geis, die ein Junges säugte.
Das that mir nun sehr leid. Als die Alte todt hingefallen war, stand das Lamm
ganz still neben ihr, bis ich kam und sie aufhob, worauf das Junge mir nach
meiner Einfriedigung folgte. Ich legte die Ziege von den Schultern ab und hob
das Lamm über die Einpfählung. Meine Hoffnung, es aufziehen zu können, erfüllte
sich nicht, denn da es nicht fressen wollte, mußte ich es gleichfalls tödten
und zu meinem Unterhalt verwenden. Die beiden Thiere versahen mich auf lange
Zeit mit Fleisch, da ich nur wenig aß und mit meinen Vorräten überhaupt (besonders
aber mit dem Brod) so sparsam als möglich umging.
Nachdem ich mich nun fest angesiedelt hatte, fand ich es unumgänglich nöthig,
mir einen Platz zur Feuerung und Brennmaterial zu verschaffen. Ehe ich berichte,
wie ich dies bewerkstelligte, muß ich zunächst angeben, welche sehr verschiedenartigen
Gedanken mir, seit ich die Insel bewohnte, durch den Kopf gingen.
Die Aussicht, die sich vor meinem innern Auge eröffnete, war sehr düster. Ich
war an dies Eiland nur durch einen heftigen Sturm, der mich gänzlich von dem
beabsichtigten Cours und Hunderte von Meilen weit von den gewöhnlichen Handelswegen
verschlagen hatte, getrieben. Daher hatte ich guten Grund anzunehmen, daß ich
nach dem Rathschluß des Himmels auf diesem öden Fleckchen Erde in trostloser
Weise mein Leben endigen solle.
So oft ich bei diesem Gedanken verweilte, rannen mir die Thränen reichlich über
das Gesicht. Zuweilen haderte ich mit der Vorsehung darüber, daß sie ihre Geschöpfe
so ins Verderben führe und so ganz und gar unglücklich und hülflos verlassen
mache, daß man für die Erhaltung eines solchen Daseins ihr kaum Dank zollen
könne.
Immer aber wurden diese Gedanken durch irgend eine andere Betrachtung rasch
in eine abweichende Richtung geleitet. Besonders einmal, als ich, das Gewehr
in der Hand, am Strande handelnd über meine Lage nachdachte und mir jene vermessene
Frage wieder aufstieß, drängte sich mir die Erwägung auf: Ja, es ist wahr, du
bist in einer trostlosen Lage, aber gib dir doch Antwort auf dies: Wo sind deine
Gefährten? Waret ihr nicht zu Elfen in dem Boot? Wo sind die anderen Zehn? Warum
sind denn nicht sie gerettet, und warum bist nicht du untergegangen? Warum hast
du allein diese Auszeichnung erfahren? Ist es besser hier zu sein oder dort
in den Fluten? Hat man nicht die Pflicht alles Uebel zugleich mit dem, was es
Gutes bietet, zu betrachten und mit dem zu vergleichen, was schlimmer sein könnte?
Dann fiel mir ein, wie gut für meinen Unterhalt hier gesorgt sei und in einer
wie viel schlimmern Lage ich mich befinden würde, wenn nicht zufällig das Schiff
von dem Platz aus, an dem es gescheitert war, so nahe ans Land getrieben worden
war, daß ich alle jene Dinge daraus zu holen vermochte; und ferner wie traurig
meine Existenz sein würde, wenn sie so geblieben wäre, wie da ich zuerst ans
Ufer kam, ohne alle Nothwendigkeiten des Lebens. »Vor Allem aber« (rief ich
in lautem Selbstgespräch aus), »was würde ich ohne ein Gewehr, ohne Munition,
ohne jedes Arbeitswerkzeug, ohne Kleider und Betten, ohne Zelt oder sonstiges
Obdach angefangen haben?« Dann erinnerte ich mich, daß ich jetzt alle diese
Dinge reichlich besitze und mich auf dem Wege befinde, mir meinen Unterhalt
auch ohne die Gewehre verschaffen zu können, wenn meine Munition einmal verbraucht
sein würde. Denn von Anfang an hatte ich darauf gedacht, wie ich für die Zeit,
in der nicht nur mein Schießbedarf zu Ende sein, sondern auch meine Kraft und
Gesundheit in Verfall gerathen sein werde, für mich sorgen wolle.
Ich bemerke hierzu, daß die Furcht vor der Vernichtung meines Pulvers durch
den Blitz damals noch gar nicht in mir aufgetaucht war, daher auch der Gedanke
hieran mich bei dem ersten Gewitter um so jäher überfiel.
Nun aber will ich den traurigen Bericht von einem einsamen Dasein, wie es vielleicht
nie ein anderer Mensch auf Erden geführt hat, von seinem Beginne an erzählen
und in aller Ordnung fortführen.
Wir hatten nach meiner Berechnung den 30. September, als ich den Fuß zuerst
auf das fürchterliche Eiland setzte, es war also die Jahreszeit, in welcher
bei uns die Sonne in der herbstlichen Tag- und Nachtgleiche steht. Dort dagegen
glühete sie senkrecht über meinem Scheitel. Wie ich durch eine Berechnung, die
ich angestellt, zu wissen glaubte, lag meine Insel 9 Grad 22 Minuten nördlich
von der Linie.
Nach etwa zwölf Tagen fiel mir ein, daß, wenn ich keine Vorkehrungen träfe,
ich aus Mangel an Büchern, Feder und Tinte in der Zeitrechnung irre werden müsse
und bald sogar den Sonntag nicht mehr von den Wochentagen würde unterscheiden
können. Um dies zu verhindern, erfand ich folgendes Auskunftsmittel: ich schnitt
mit meinem Messer auf eine große Tafel, die ich kreuzförmig an einen Pfahl befestigte,
den ich da, wo ich gelandet war, in die Erde getrieben hatte, die Worte ein:
»Hier bin ich am 30. September 1659 gelandet.«
An den Seiten dieses viereckigen Pfahls machte ich täglich mit dem Messer einen
Einschnitt, an jedem siebenten Tage einen doppelt so langen als an den übrigen
und wiederum am ersten Tage jedes Monats eine doppelt so große Einkerbung, als
diejenigen für die Sonntage waren. Auf diese Weise führte ich meinen Kalender,
meine Wochen-, Monats- und Jahresrechnung.
Ich habe hier noch zu bemerken, daß unter den Gegenständen, die ich vom Schiffe
gebracht, sich einige an sich ziemlich werthlose, mir aber sehr nützliche, befanden,
die ich oben zu erwähnen unterlassen habe: hierzu gehörten unter Anderem Federn,
Tinte, Papier, die ich zum Theil aus den Vorräthen des Kapitäns, des Steuermanns,
des Stückmeisters und des Zimmermanns entnommen hatte; ferner mehre Kompasse,
einige mathematische Instrumente, Quadranten, Ferngläser, Karten und Schifffahrtsbücher.
Das Alles hatte ich zusammengerafft, ohne viel darüber nachzudenken, ob ich
es jemals brauchen könne oder nicht. Auch drei gute Bibeln waren mir in die
Hände gefallen, die mit meinen Sachen von London gekommen waren, und die ich
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