Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

nicht werth der Mühe, dich im Wege aufzulesen. Eines jener Messer nützt mehr
als dein ganzer Haufe! Bleib wo du bist und ertrinke wie ein Thier, um das es
sich nicht verlohnt, ihm das Leben zu retten.«
Nach besserer Ueberlegung nahm ich jedoch trotzdem das Geld mit. Ich wickelte
meine sämmtliche Beute in ein Stück Leinwand und schickte mich an, eine neue
Flöße herzustellen. Während ich eben daran gehen wollte, sah ich, daß der Himmel
sich umzog. Zugleich steigerte sich der Wind, und nach einer Viertelstunde wehete
eine ganz frische Brise vom Lande her. Sofort überlegte ich, daß ich mit einem
Floß nicht dem Wind entgegen landen könne, und daß ich vor Beginn der Flut hinüber
sein müsse, wenn ich überhaupt ans Ufer gelangen wolle. Da sprang ich denn ohne
Weiteres ins Wasser und schwamm nach der Küste, allerdings nicht ohne erhebliche
Anstrengung, theils wegen des Gewichts, das ich zutragen hatte, theils wegen
der Strömung des Wassers. Denn der Wind war heftig geworden, und bis die volle
Flut eintrat, hatte sich ein förmlicher Sturm erhoben. Da aber war ich schon
wohlbehalten zu meinem kleinen Zelt gelangt, wo ich, meinen ganzen Reichthum
um mich her gebreitet, sicher lag. Es stürmte die ganze Nacht hindurch, und
als ich am Morgen mich umsah, war das Schiff verschwunden. Nun gereichte es
mir zum großen Trost, daß ich keine Zeit und Mühe versäumt hatte, was mir nützlich
sein konnte, aus demselben herüber zu schaffen. Ich konnte jetzt von dem Fahrzeug
und dem, was es etwa noch enthielt, Nichts mehr hoffen und höchstens darauf
bedacht sein zu retten, was von dem Winde an den Strand getrieben werden würde.
In der That geschah das später mit mehren Stücken, die ich jedoch wenig zu nützen
vermochte.
Jetzt vertiefte ich mich gänzlich in die Ueberlegung, wie ich mich gegen die
Wilden, wenn solche sich etwa zeigen sollten, oder gegen die Bestien, wenn deren
auf der Insel wären, zu schützen hätte. Ich war anfangs unschlüssig, ob ich
mir eine Höhle in die Erde graben oder ein Zelt über derselben errichten solle.
Endlich entschloß ich mich Beides zu thun. Die Art und Weise, wie ich es bewerkstelligte,
wird dem Leser nicht uninteressant sein.
Ich erkannte bald, daß die Gegend der Insel, in der ich mich damals aufhielt,
zu einer Niederlassung nicht geeignet sei, theils weil der Boden dort tief gelegen,
sumpfig, dem Meere zu nah und auch ungesund war, und theils weil sich kein frisches
Wasser in der Nähe befand. Ich beschloß daher, einen gesünderen und passenderen
Platz auszusuchen.
»Vor Allem«, sagte ich mir, »werden folgende Umstände bei dieser Wahl ins Auge
zu fassen sein: erstens gesunde Lage und frisches Wasser; sodann Schutz vor
der Sonnenhitze; Sicherung vor wilden Menschen oder Thieren; endlich ein freier
Ausblick auf die See, damit du, wenn Gott dir ein Schiff auf Sehweite nahe kommen
läßt, nicht die Gelegenheit zu deiner Befreiung versäumst.« Denn ich hatte noch
keineswegs aufgegeben, auf diese zu hoffen.
Bei dem Suchen nach einer geeigneten Stelle fand ich denn auch eine kleine Ebene
neben einem felsigen Hügel, der wie die Fronte eines Hauses steil nach jener
hinabfiel, so daß von oben her kein lebendes Wesen so leicht an mich herankommen
konnte. An der Seite dieses Felsens war eine Höhlung wie der Eingang zu einem
Keller, ohne daß jedoch der Felsen an dieser Stelle wirklich ausgehöhlt gewesen
wäre.
Auf dieser grünen Fläche nun, gerade vor der Höhlung, beschloß ich, mein Zelt
aufzuschlagen. Der ebene Platz war nicht mehr als hundert Ruthen breit und nur
etwa zweimal so lang und fiel an seinem Ende unregelmäßig gegen das Meer hin
ab. Er lag auf der Nordnordwestseite des Hügels, so daß ich immer vor der Höhe
geschützt war, bis die Sonne, was in diesen Gegenden spät geschieht, von Ostsüdost
her schien.
Ehe ich das Zelt errichtete, zog ich vor der Höhlung einen Halbkreis, zehn Ellen
im Halbmesser von dem Felsen aus und zwanzig Ellen im Durchmesser von seinem
einen Endpunkt bis zum andern gerechnet.
In diesem Halbkreis pflanzte ich zwei Reihen Palissaden, die ich in den Boden
schlug, bis sie fest wie Pfeiler standen. Sie ragten fünf und einen halben Fuß
von der Erde empor und waren oben zugespitzt. Beide Reihen standen nur sechs
Zoll von einander entfernt.
Dann legte ich die aus dem Schiffe abgeschnittenen Tauenden reihenweise zwischen
die Pfähle und schlug andere Palissaden, die sich wie Strebepfeiler gegen jene
stützten, etwa drittehalb Schuh hoch auf der Innenseite gleich in die Erde.
Der so errichtete Zaun war dermaßen stark, daß weder Menschen, noch Thiere ihn
hätten durchbrechen oder übersteigen können. Am meisten Mühe bei der ganzen
Arbeit kostete es mich, die Pfähle in dem Wald zu fällen, sie an Ort und Stelle
zu schaffen und in den Boden einzutreiben.
Zum Eingang in diesen Platz bestimmte ich nicht eine Thür, sondern ich überstieg
den Zaun stets mit Hülfe einer kurzen Leiter. Befand ich mich in der Einfriedigung,
so zog ich die Leiter hinter mir her und war so, wie ich glaubte, gegen alle
Welt sicher verschanzt. Indeß sah ich später ein, daß all diese Vorsichtsmaßregeln
unnöthig gewesen waren.
In meine neue Festung brachte ich nun mit unsäglicher Mühe all meine Reichthümer,
die Lebensmittel, die Munition, das Werkzeug, und was ich sonst oben erwähnt
habe. Sodann errichtete ich mir ein großes Zelt, und zwar um vor dem Regen,
der zu gewisser Jahreszeit hier sehr heftig ist, geschützt zu sein, ein doppeltes,
d. h. ich spannte über ein kleineres Zelt ein größeres, das ich oben mit einem
Stück getheerter Leinwand bedeckte, welche ich unter den Schiffssegeln gefunden
hatte.
Statt in dem Bett, das ich ans Land gebracht, zu schlafen, nahm ich von jetzt
an mein Nachtlager in einer sehr guten Hängematte, die früher dem Steuermann
gehört hatte. In das Zelt brachte ich alle meine Vorräthe, die keine Nässe vertragen
konnten; nachdem ich nun meine Güter solchergestalt sämmtlich hereingeschafft,
verschloß ich den bis dahin offen gelassenen Eingang und stieg von nun an, wie
gesagt, mittels der Leiter aus und ein.
Hierauf machte ich mich daran, ein Loch in den Felsen zu graben, trug alle Erde
und Steine, die ich dabei losarbeitete, durch das Zelt und legte sie terrassenförmig
um den Zaun, so daß der Erdboden auf dessen Innenseite etwa anderthalb Fuß höher
wurde als der äußere. Zugleich gewann ich dabei just hinter meinem Zelt eine
Höhlung, die mir für meine Behausung als Keller diente.
Schwere Arbeit und manchen Tag kostete es, bis ich alle diese Dinge zu Stande
brachte. Aus der Zwischenzeit sind einige Umstände, die mein Nachdenken in Anspruch
nahmen, nachträglich zu erwähnen. Einmal, während ich an meinem Zelt und an
der Höhlung arbeitete, erhob sich ein starkes Gewitter. Aus dunklem dicken Gewölk
zuckte plötzlich ein Blitz und ein gewaltiger Donnerschlag folgte. Rascher noch
wie dieser Blitz überkam mich der Gedanke: O weh, mein Pulver! Das Herz bebte
mir bei der Ueberlegung, daß ein einziger Blitzstrahl meinen ganzen Vorrath
vernichten könne, von dem, so meinte ich, nicht nur die Verteidigung, sondern
auch die Ernährung meines Lebens gänzlich abhängig sei. Wegen der Gefahr, in
der ich selbst dabei schwebte, ängstigte ich mich nicht so sehr, obwohl ein
Funke, ins Pulver gerathen, mich ja gleichfalls augenblicklich vernichtet haben
würde.
Ich war von jenem Gedanken so betroffen, daß ich, sobald der Sturm vorüber war,
alles Andere stehen und liegen ließ, um nur Beutel und Kästen anzufertigen,
in denen ich das Pulver vertheilen und in kleinen Partien aufheben wollte; denn
ich hoffte, es würde dann wenigstens nicht Alles zu gleicher Zeit vom Feuer

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