Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

das Floß herunter. In die erste that ich Lebensmittel, nämlich Brod, Reis, drei
holländische Käse, fünf Stücke Ziegenfleisch (das auf dem Schiff unsere Hauptkost
ausgemacht hatte) und einen kleinen Rest europäischen Getreides, welches wir
für Geflügel mitgenommen hatten, das unterwegs geschlachtet worden war. Es bestand
aus Gerste mit Weizen untermischt, was aber, wie ich später mit großem Bedauern
bemerkte, theils von den Ratten angefressen, theils durch die Länge der Zeit
verdorben war. Auch einige Flaschen Liqueur entdeckte ich, die der Kapitän für
sich bestimmt hatte, sowie fünf bis sechs Gallonen Arrak. Die letzteren Gegenstände
stellte ich frei auf das Floß, da in den Kisten kein Raum mehr für sie war.

Inzwischen begann die Flut sehr allmählich zu steigen. Mit Betrübniß sah ich
sie meinen Rock, mein Hemd und die Weste wegschwemmen, die ich am Ufer auf dem
Sand zurückgelassen hatte, während ich meine leinenen, nur bis ans Knie reichenden
Hosen, sowie die Strümpfe beim Schwimmen anbehalten hatte. Der Verlust jener
Sachen veranlaßte mich, nach Kleidern umherzustöberu und ich fand deren auch
in Menge. Doch nahm ich nur das für den Augenblick Nöthigste, denn ich hatte
mein Augenmerk noch mehr auf andere Dinge gerichtet, und zwar vor Allem auf
Handwerkszeug, mit dem ich auf dem Lande hantieren könnte. Nach langem Suchen
fand ich denn auch den Zimmermannskasten, der mir eine sehr kostbare Beute und
in diesem Augenblick mehr werth war als eine ganze Schiffsladung von Goldbarren.
Ich brachte ihn, wie er war, aufs Floß, ohne seinen Inhalt vorher zu untersuchen,
da mir dieser ungefähr bekannt war.
Meine nächste Sorge ging nun auf Munition und auf Waffen. Es befanden sich zwei
sehr gute Vogelflinten und zwei Pistolen in der großen Kajüte, und dieser sowie
einiger Pulverhörner, eines kleinen Schrotbeutels und zweier alter verrosteter
Säbel bemächtigte ich mich zuerst. Wie ich wußte, waren auch drei Fäßchen mit
Pulver im Schiff, doch hatte ich keine Ahnung davon, wo sie der Stückmeister
aufgehoben hatte. Erst nach langem Suchen fand ich sie, zwei davon waren noch
gut und trocken, das dritte aber hatte Wasser gezogen. Die beiden ersteren schaffte
ich nebst den Waffen aufs Floß und dachte nun darüber nach, wie ich dieses aus
Ufer bringen solle. Ich hatte nämlich weder Segel, noch Steuer, noch Ruder.
Eine Hand voll Windes aber würde ausgereicht haben, mein ganzes Fahrzeug umzuwerfen.

Dreierlei jedoch ermuthigte mich: erstens die ruhige See, zweitens das Steigen
der Flut, die landwärts ging, und drittens der Umstand, daß das Bischen Wind,
das wehte, nach der Küste hin blies. So nun, nachdem ich noch mehre zerbrochene
Ruder, die zum Boot des Schiffs gehört hatten, sowie außer dem Werkzeug im Kasten
zwei Sägen, eine Axt und einen Hammer aufgefunden, begab ich mich auf die Fahrt.

Etwa eine Meile weit ging es ganz gut mit meinem Floß, nur bemerkte ich, daß
es ein wenig von meinem früheren Landungsplatz abgetrieben wurde. Darauf hin
vermuthete ich, es möge da wohl eine Wasserströmung und dem zufolge vielleicht
eine Bucht oder eine Flußmündung sein, die ich als Hafen für meine Landung benutzen
könnte.
Wie ich gedacht, so war’s in der That. Vor mir zeigte sich eine kleine Landöffnung,
und die Flut strömte, wie ich merkte, stark nach derselben hin. In dieser Strömung
suchte ich denn mein Floß so gut als möglich zu halten.
Jetzt aber hätte ich fast zum zweiten Mal Schiffbruch gelitten, und diesmal
würde ich schwerlich den Kummer überstanden haben. Weil ich nämlich die Beschaffenheit
der Küste nicht kannte, gerieth mein Floß mit dem einen Ende auf eine Untiefe,
und da das andere Ende nicht auch auf den Grund stieß, fehlte nicht viel, daß
meine ganze Ladung abgerutscht und ins Wasser gefallen wäre.
Ich that mein Möglichstes, um dies zu verhüten, indem ich mich hinten auf die
Kisten setzte, um sie an ihrem Platz festzuhalten. Leider aber konnte ich nun
das Floß mit aller Gewalt nicht los bringen, besonders deshalb, weil ich meinen
Posten bei den Kisten nicht verlassen durfte. In dieser Situation verharrte
ich beinahe eine halbe Stunde, dann aber brachte mich das steigende Wasser ein
wenig mehr ins Gleichgewicht, kurz darauf wurde mein Floß wieder flott, ich
stieß mit dem Ruder ab und gelangte endlich in die Mündung eines kleinen Flusses,
zwischen dessen engen Ufern die Flut sich in heftigem Strome bewegte. Jetzt
sah ich mich nach einem geeigneten Landungsplatze um, indem ich besonders wünschte,
einen solchen nicht allzu weit flußaufwärts zu finden. Denn in der Hoffnung,
bald ein Schiff auf dem Meere zu erspähen, hatte ich beschlossen, dem Ufer so
nahe als möglich zu bleiben.
Endlich ersah ich denn auch zur rechten Seite der Bucht eine kleine Einbiegung;
nach dieser trieb ich mit großer Mühe das Floß, bis ich ihr so nahe kam, daß
ich mit meinem Ruder Grund fand und gerades Weges einlaufen konnte. Hier aber
wäre beinahe abermals meine ganze Ladung zu Grunde gegangen. Die Küste fiel
nämlich dort ziemlich steil ab, und wenn ich landen wollte, mußte das eine Ende
meines Fahrzeugs, sobald es auf den Strand stieß, wieder hoch, das andere wieder
so tief zu liegen kommen, daß meine Beute dadurch gefährdet wurde. Da blieb
mir denn Nichts weiter zu thun, als den höchsten Grad der Flut abzuwarten, indem
ich mit meinem Ruder wie mit einem Anker das Floß fest hielt und das letztere
möglichst dicht an eine flache Uferstelle drängte, welche voraussichtlich vom
Wasser überflutet werden mußte. Sobald dies geschehen war (meine Flöße ging
etwa einen Fuß tief im Wasser) trieb ich sie auf jene flache Stelle und befestigte
sie da, indem ich an jedem Ende eines meiner zerbrochenen Ruder in den Grund
stieß. So blieb ich liegen, bis die Ebbe das Floß und meine ganze Beute unversehrt
auf dem Lande zurückließ.
Meine nächste Aufgabe war jetzt, die Gegend auszukundschaften, einen geeigneten
Platz für meine Niederlassung auszusuchen und mich umzusehen, wo ich meine Güter
am sichersten unterbringen könnte. Ich wußte nämlich nicht, ob ich mich auf
dem Festlande oder auf einer Insel befinde; ob die Gegend unbewohnt sei oder
nicht; ob es hier wilde Thiere gebe oder keine.
Etwa eine Meile von mir entfernt stieg ein Hügel steil empor, welcher den sich
ihm nach Norden hin anreihenden Höhenzug überragte. Ich nahm eine von den Vogelflinten,
eine Pistole und ein Pulverhorn zu mir, und so bewaffnet trat ich meine Entdeckungsreise
nach jenem Punkte an. Von dort erkannte ich zu meiner großen Betrübniß, daß
ich mich auf einer rings vom Meer umgebenen Insel befand. Kein Land war zu sehen,
ausgenommen einige Felsen in ziemlicher Entfernung und zwei kleinere Inseln,
die etwa drei Meilen westwärts ablagen.
Ich bemerkte ferner, daß meine Insel unangebaut und, wie deshalb mit gutem Grunde
anzunehmen, unbewohnt war, wenn es nicht etwa wilde Bestien dort gab, deren
ich jedoch bis dahin keine wahrnahm. Nur eine große Menge mir unbekannter Vögel
sah ich, von denen ich jedoch, auch nachdem ich einige getödtet, nicht zu sagen
vermochte, ob sie eßbar seien. Bei meiner Rückkehr schoß ich einen großen Vogel,
der neben einem ansehnlichen Gehölz auf einem Baum saß. Das mochte wohl der
erste Schuß sein, der hier seit Erschaffung der Welt vernommen wurde. Kaum war
er gefallen, so erhob sich aus allen Gegenden des Waldes eine Unzahl von Vögeln
verschiedenster Art, die alle durcheinander krächzten und schrieen. Keine mir
bekannte Art war darunter. Der von mir erlegte schien, nach der Farbe und dem
Schnabel zu schließen, dem Habichtgeschlecht anzugehören, doch waren seine Klauen
nicht wie die bei dieser Vogelgattung gewöhnlichen beschaffen. Mit dem Fleische
ließ sich Nichts anfangen.
Indem ich mit diesen Ergebnissen meiner Entdeckungswanderung mich vorläufig

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