Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

der sozusagen unmittelbar dem Grabe entronnen ist, zu schildern. Ich begreife
jetzt, daß, wenn man einem armen Schächer, der schon den Strick um den Hals
hat, Begnadigung schenkt, man zu gleicher Zeit einen Wundarzt schickt, der ihm
zur Ader läßt, damit die Ueberraschung ihm nicht das Herz abdrücke:
»Denn rasche Freud’ gleicht jähem Leid«.
Mit emporgehobenen Händen, ganz versunken in das Gefühl meiner Errettung, ging
ich am Strande auf und ab. Ich dachte an meine ertrunkenen Gefährten und daß
ich die einzige gerettete Seele unter Allen sei; denn ich sah Keinen wieder,
habe auch kein Zeichen von ihnen mehr wahrgenommen, außer drei Hüten, einer
Mütze und zwei nicht zusammengehörigen Schuhen.
Als ich nach dem gestrandeten Fahrzeug, das durch die Stärke der Brandung meinem
Anblick fast entzogen worden war, blickte, rief ich unwillkürlich aus: »Gott,
wie ist es möglich gewesen, daß ich das Land erreichen konnte!«
Nachdem ich nun meine Seele in solcher Weise an der tröstlichen Seite meiner
Lage erhoben hatte, begann ich umherzublicken und auszuschauen, auf was für
einem Lande ich mich eigentlich befinde und was zunächst zu thun sei. Da sank
nun bald wieder mein Muth und ich erkannte, daß meine Errettung eine furchtbare
Begünstigung sei. Ich war durchnäßt und konnte die Kleider nicht wechseln; hatte
weder etwas zu essen, noch etwas zu meiner Stärkung zu trinken; keine andere
Aussicht bot sich mir, als Hungers zu sterben oder von den wilden Thieren gefressen
zu werden; und, was mich besonders bekümmerte, ich besaß keine Waffen, um irgend
ein Thier zu meiner Nahrung zu tödten, oder mich gegen andere, die mich zu der
ihrigen zu verwenden Lust hätten, zu wehren. Nichts trug ich bei mir als ein
Messer, eine Tabakspfeife und ein wenig Tabak in einem Beutel. Dies war meine
ganze Habe, und ich gerieth darob in solche Verzweiflung, daß ich wie wahnsinnig
hin und her lief. Die Nacht kam, und ich begann schweren Herzens zu überlegen,
was mein Loos sein würde, wenn es hier wilde Thiere gäbe, von denen ich wußte,
daß sie stets des Nachts auf Beute auszugehen pflegen.
Die einzige Auskunft, die mir einfiel, war, einen dicken buschigen Baum, eine
Art dorniger Fichte, die in meiner Nähe stand, zu erklettern. Ich beschloß,
dort die ganze Nacht sitzen zu bleiben und am nächsten Tag die Art, wie ich
meinen Tod finden wolle, zu wählen, denn auf das Leben selbst hoffte ich nicht
mehr. Ich ging einige Schritte am Strande her, um nach frischem Wasser zu suchen:
das fand ich denn auch zu meiner großen Freude. Nachdem ich getrunken und etwas
Tabak in den Mund gesteckt hatte, um den Hunger abzuwehren, erstieg ich den
Baum und versuchte mich in demselben so zu lagern, daß ich im Schlafe nicht
herunter fallen könnte. Vorher hatte ich mir einen kurzen Stock, eine Art von
Prügel zu meiner Vertheidigung abgeschnitten, und dann verfiel ich in Folge
meiner großen Müdigkeit auf dem Baum in einen tiefen Schlaf und schlief so erquickend,
wie es wohl Wenige in meiner Lage vermocht hätten. Nie im Leben hat mir, glaube
ich, der Schlummer so wohl gethan wie damals.
Als ich erwachte, war es heller Tag. Das Wetter hatte sich aufgeklärt und der
Sturm sich gelegt, so daß die See ruhig ging. Am meisten überraschte mich, daß
das Schiff in der Nacht durch die Flut von der Sandbank, auf der es gestrandet,
fast bis zu dem früher erwähnten Felsen, an welchen mich die Woge so heftig
geschleudert hatte, getrieben war. Es befand sich etwa eine Meile von der Küste,
und da es noch aufrecht stand, wünschte ich sehr an Bord zu sein, um wenigstens
einige nöthige Gegenstände für mich retten zu können.
Als ich von meiner Schlafstätte auf dem Baum heruntergestiegen, schaute ich
umher, und das Erste, worauf meine Augen fielen, war das Boot. Der Wind und
die Wellen hatten es etwa zwei Meilen zu meiner Rechten entfernt auf den Strand
geschleudert. Ich ging die Küste entlang danach hin, aber ein kleiner, etwa
eine halbe Meile breiter Meeresarm hinderte mich zu ihm zu gelangen. Da ich
nun für den Augenblick mein Augenmerk mehr auf das Schiff gerichtet hatte, wo
ich Etwas zu meiner nächsten Lebensfristung zu finden hoffte, kehrte ich für
diesmal wieder um.
Kurz nach Mittag ward die See sehr ruhig und die Ebbe so stark, daß ich bis
auf eine Viertelmeile dem Schiffe nahe kommen konnte. Hier wurde mir ein neuer
Schmerz bereitet. Ich sah nämlich klar, daß wir, wären wir Alle an Bord geblieben,
sämmtlich gerettet sein würden. Wir würden dann Alle ans Land gelangt und ich
nicht so jammervoll von allem Trost und aller menschlichen Gesellschaft verlassen
gewesen sein wie jetzt. Die Thränen traten mir bei diesem Gedanken in die Augen.
Da ich aber wenigstens einige Erleichterung meines Aufenthalts auf dem Schiffe
zu finden hoffte, beschloß ich den Versuch zu machen, ob ich es erreichen könne.
Ich zog wegen der großen Hitze die Kleider aus und begab mich ins Wasser. Als
ich zu dem Schiff gelangt war, zeigte sich eine neue besonders große Schwierigkeit,
in der Frage nämlich, wie ich an Bord gelangen sollte. Das auf dem Grunde aufliegende
Fahrzeug ragte hoch aus dem Wasser, und ich konnte nirgends eine Handhabe finden,
um mich daran in die Höhe zu heben. Erst nachdem ich es zweimal umschwommen,
erspähete ich beim letzten Male ein kleines Tauende, das an dem Vordertheil
so tief herunter hing, daß ich, wenn auch nur mit großer Mühe, es fassen und
mit Hülfe desselben in den Vordertheil des Schiffes gelangen konnte.
Hier sah ich, daß das Schiff leck und schon eine große Masse Wasser eingedrungen
war. Es lag auf der Seite einer Sandbank und das Hintertheil ragte hoch in die
Luft. Das Vordertheil lag gänzlich im Wasser. Dennoch war das Deck frei und
was sich auf diesem befand trocken. Wie man denken kann, untersuchte ich vor
allen Dingen, was verdorben sei und was nicht. Zunächst fand ich, daß der sämmtliche
Schiffsproviant trocken und vom Wasser verschont geblieben war. Da ich starken
Appetit verspürte, eilte ich sofort nach dem Brodkasten, füllte mir die Taschen
mit Zwieback und aß davon, während ich zugleich noch die andern Sachen durchmusterte,
da ich keine Zeit zu verlieren hatte. Auch etwas Rum fand ich in der großen
Kajüte und trank davon einen gehörigen Schluck, was zur Ermunterung meiner Lebensgeister
nöthig genug war. Jetzt hätte ich vor allen Dingen ein Boot brauchen können,
um mich mit mancherlei Dingen zu versehen, die mir voraussichtlich sehr nöthig
sein würden. Aber was hätte es geholfen, die Hände in den Schooß zu legen und
Unerreichbares zu wünschen. Meine große Noth spornte meinen Eifer an. Wir hatten
an Bord einige Raaen und zwei oder drei dicke hölzerne Sparren, auch einige
große Masten. Ich beschloß, dies Alles zu benutzen und warf davon so viel über
Bord, als ich, der Schwere halber, bewältigen konnte, indem ich jeden Balken
mit einem Seil befestigte, daß er nicht fortschwimmen konnte. Hierauf verließ
ich das Schiff und zog die Hölzer an mich heran, band vier davon an beiden Enden,
floßartig, möglichst fest zusammen und legte zwei bis drei Stücke quer darüber.
Da ich bemerkte, daß ich zwar ganz gut auf den so verbundenen Hölzern herumgehen
konnte, daß sie aber kein großes Gewicht zu tragen vermochten, machte ich mich
an eine neue Arbeit. Ich sägte mit der Zimmermannssäge einen langen Topmast
der Länge nach in drei Theile und brachte diese mit großer Mühe und Arbeit an
meinem Floß an. Die Hoffnung, mich mit dem Notwendigsten zu versehen, feuerte
mich an, so daß ich vollbrachte, was mir wohl bei keiner andern Gelegenheit
möglich gewesen wäre.
Das Floß war nun stark genug, um ein ansehnliches Gewicht aushalten zu können.
Es fragte sich zunächst, womit ich es belasten und wie ich die Ladung vor dem
Seewasser schützen solle. Zuerst beschloß ich alle Planken und Dielen, deren
ich habhaft werden konnte, darauf zu legen. Nachdem dies geschehen, nahm ich,
in richtiger Erwägung dessen, was ich am nöthigsten brauchte, drei den Matrosen
gehörige Kisten, brach sie auf und ließ sie, nachdem ich sie leer gemacht, auf

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