Daniel Defoe - Robinson Crusoe

admin am Apr 3rd 2008

hielten, um den Golfstrom der Bai von Mexiko zu vermeiden, binnen etwa fünfzehn
Tagen zu erreichen hoffen konnten. Denn ohne unser Schiff auszubessern und für
uns selbst Lebensmittel einzunehmen, wären wir in keinem Falle im Stande gewesen
die afrikanische Küste zu erreichen.
In der erwähnten Absicht änderten wir nun den Cours und steuerten nach Westnordwest,
um auf irgend einer der englischen Inseln Station zu machen. Aber es sollte
anders kommen. Als wir uns unter 12°18′ nördlicher Breite befanden, überfiel
uns ein neuer Sturm und trieb uns mit solcher Gewalt nach Westen, daß wir aus
dem Bereich aller civilisirten Bevölkerung und in die Gefahr geriethen, selbst
wenn uns die See verschonte, wahrscheinlich eher von Wilden gefressen zu werden,
als wieder heim zu kommen.
In dieser traurigen Lage, während der Wind noch sehr heftig ging, erscholl eines
Morgens von einem unserer Leute der Ruf »Land!« – Kaum aber waren wir aufs Deck
geeilt, um zu schauen, wo wir uns befänden, so saß auch schon unser Schiff auf
einer Sandbank. Sobald es fest lag, wurde es von den Wogen dergestalt überflutet,
daß wir uns sämmtlich verloren glaubten und uns so rasch als möglich in die
Kajüten zurückzogen, um vor den schäumenden Wellen Schutz zu suchen.
Niemand, der nicht Aehnliches durchgemacht hat, kann sich die menschliche Rathlosigkeit
in solcher Lage vorstellen. Wir wußten nicht, wo wir uns befanden, ob das Land,
an das wir getrieben waren, eine Insel oder ein Theil des Festlandes, ob es
bewohnt sei oder nicht. Auch mußten wir, da der Wind zwar ein wenig gemäßigt,
aber immer noch sehr heftig war, jeden Augenblick fürchten, das Schiff werde
in Trümmern gehen, wenn nicht wie durch eine Art Wunder der Wind plötzlich umschlage.
Wir schauten Einer den Andern in Todeserwartung an, und Jeder von uns machte
sich zum Eintritt in eine andere Welt bereit. Ganz gegen unser Erwarten jedoch
zerbarst das Schiff nicht, und, wie der Kapitän versicherte, begann der Wind
sich plötzlich zu legen.
Trotzdem aber, da wir auf dem Strande saßen und keine Hoffnung hatten, das Schiff
flott zu machen, blieb uns in unserer traurigen Lage Nichts übrig, als darauf
zu denken, wie wir das nackte Leben retten könnten. Vor dem Sturm hatten wir
am Stern unseres Schiffes ein Boot gehabt, das aber während des Unwetters ans
Steuerruder geschleudert, dann los geworden und entweder versunken oder fortgetrieben
war. Wir hatten zwar noch ein anderes Boot an Bord, aber es schien unmöglich,
dasselbe in See zu bringen. Zu langem Besinnen jedoch fehlte die Zeit, da wir
jede Minute das Schiff in Stücken zu sehen meinten, und Einige riefen, es sei
bereits geborsten.
Trotz dieser schlimmen Lage gelang es dem Steuermann, mit Hülfe der übrigen
Mannschaft jenes Boot über Bord zu lassen. Wir sprangen alle, elf an der Zahl,
hinein, uns der Barmherzigkeit Gottes und dem wilden Meere gänzlich überlassend.
Denn wiewohl der Sturm sich bedeutend gemindert hatte, gingen die Wogen doch
noch furchtbar hoch, und man konnte hier mit den Holländern die stürmische See
in Wahrheit »den wild Zee« nennen.
Unsere Noth war immer noch groß genug. Wir sahen klar voraus, daß das Boot sich
in den hohen Wellen nicht halten könne, sondern untergehen müsse. Segel hatten
wir nicht, hätten auch Nichts damit anfangen können. Daher arbeiteten wir uns
mit den Rudern nach dem Lande hin, aber schweren Herzens, wie Leute, an denen
ein Todesurtheil vollzogen werden soll. Denn es war uns bewußt, daß das Boot,
näher zur Küste gelangt, von der Brandung in tausend Stücke zerschmettert werden
müsse. Gleichwohl, indem wir unsere Seelen Gott befahlen, ruderten wir mit allen
Kräften nach dem Land hin, mit eigenen Händen unserem Verderben entgegen.
Ob die Küste aus Fels oder Sand bestehe, ob sie flach oder steil sei, wußten
wir nicht. Der einzige Hoffnungsschimmer, der uns noch geblieben, bestand in
der Aussicht, daß wir vielleicht das Boot in irgend eine Bai oder Flußmündung
einlaufen lassen oder uns unter einem Vorsprung der Küste bis zum Eintritt der
Ebbe bergen könnten. Von diesen Dingen ließ sich aber Nichts sehen, vielmehr
bot das Land, als wir dem Ufer näher kamen, einen noch schrecklicheren Anblick
als das Meer selbst.
Wir waren nach unserer Berechnung ungefähr anderthalb Meilen gerudert oder vielmehr
vom Wasser getrieben, als eine berghohe wüthende Welle gerade auf uns gerollt
kam und uns den Gnadenstoß erwarten ließ. Sie traf das Boot mit solcher Gewalt,
daß sie es alsbald umwarf und uns nicht nur aus demselben schleuderte, sondern
auch von einander trennte. Ehe wir nur ein Stoßgebet hatten thun können, waren
wir sämmtlich von den Wogen verschlungen.
Die Verwirrung meiner Gedanken beim Untersinken ins Wasser ist unbeschreiblich.
Obwohl ich sehr gut schwamm, hatte mich die Welle, noch ehe ich Athem zu schöpfen
vermochte, eine ungeheure Strecke nach der Küste hingetragen, und als sie dann
erschöpft zurückkehrte, sah ich mich halbtodt in Folge des verschluckten Wassers
auf dem fast trockenen Lande zurückgeblieben.
Ich besaß noch so viel Geistesgegenwart, daß ich, da ich mich unerwartet so
nahe dem Festland sah, mich aufrichtete und versuchte, so weit als möglich nach
dem Ufer hin zu gelangen, ehe eine andere Welle kommen und mich mitnehmen würde.
Dieser Versuch mißlang jedoch. Eine Woge wie ein großer Hügel, gleich einem
wüthenden Feinde, mit dem zu kämpfen ich mir nicht einfallen lassen konnte,
stürzte hinter mir her. Es blieb mir Nichts übrig, als den Athem einzuhalten
und mich, so gut es ging, über dem Wasser zu halten. Dabei war mein Hauptaugenmerk
darauf gerichtet, daß die See mich nicht, wie sie mich eine gute Strecke landeinwärts
getrieben, auch ebenso weit wieder zurücktrage.
Die neue Woge begrub mich sofort wieder zwanzig bis dreißig Fuß in die Tiefe.
Ich konnte fühlen, wie sie mich mit großer Gewalt und Schnelligkeit eine geraume
Strecke nach der Küste hintrug. Wiederum hielt ich den Athem an und bemühete
mich, mit aller Kraft vorwärts zu schwimmen. Fast wäre mir der Athem ausgegangen,
als ich plötzlich auftauchte und Hand und Kopf über dem Wasser sah. Obwohl dies
nur zwei Sekunden dauerte, reichte es doch aus, mir neue Luft und neuen Muth
zu verschaffen. Abermals war ich eine gute Weile mit Wasser bedeckt, dann aber,
als sich die Woge erschöpft hatte und zurückkehrte, fühlte ich Grund unter den
Füßen. Ich stand einige Augenblicke still, schöpfte Luft und eilte sofort mit
allen Kräften dem Ufer zu. Aber auch diesmal entrann ich nicht der wüthenden
See, die mich aufs Neue überflutete. Zweimal noch erfaßten mich die Wellen und
trieben mich, da die Küste sehr flach war, vorwärts wie vorher.
Das letzte dieser beiden Male hätte leicht verhängnißvoll für mich werden können.
Das Meer warf mich nämlich dabei gegen ein Felsstück, und zwar mit solcher Gewalt,
daß ich die Besinnung verlor und ganz hülflos dalag. Der Schlag traf mich in
die Seite und gegen die Brust und benahm mir dadurch den Athem, so daß ich,
wäre alsbald wieder eine Welle gekommen, ertrunken sein würde. Jedoch kam ich
kurz vor der Rückkehr der Wogen wieder zu mir und beschloß diesmal, mich fest
an dem Fels zu fassen und wenn möglich den Athem bis zur Rückkehr der Welle
einzuhalten. Dies gelang denn auch, da die Wogen nicht mehr so hoch wie vorher
gingen. Ein weiterer Lauf brachte mich dann so nahe dem Strand, daß die nächste
Welle, obwohl sie mich übergoß, mich nicht mehr fortzutragen vermochte. Abermals
rannte ich weiter und diesmal gelangte ich zum festen Lande, wo ich in großer
Freude die Anhöhe der Küste erkletterte und mich da frei von Gefahr und außerhalb
des Bereichs der See ins Gras niedersetzte.
Jetzt, da ich mich gerettet sah, hob ich meine Augen empor und dankte Gott für
das Leben, auf dessen Erhaltung ich vor einigen Minuten noch nicht hatte hoffen
können. Ich glaube, es ist unmöglich, das Entzücken und die Wonne eines Menschen,

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