Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
sollte das Maß meiner Thorheit vollmachen und mir für Selbstbetrachtungen, zu
denen ich später Zeit genug haben sollte, noch mehr Stoff sammeln. All mein
Mißgeschick aber ward herbeigeführt durch meine thörichte Neigung zu einem unstäten
Leben, dem ich, entgegen den klarsten Beweisen, daß mir das Beharren in meinem
jetzigen Leben am besten bekomme, unablässig nachstrebte.
Wie ich einst meinen Eltern entlaufen war, so konnte ich auch jetzt nicht in
zufriedener Ruhe leben. Ich mußte auf und davon und der glücklichen Aussicht,
ein reicher Mann auf meiner neuen Pflanzung zu werden, den Rücken kehren. Nur
das unmäßige Verlangen, höher zu steigen, als es meiner Natur angemessen war,
trieb mich dazu, und so stürzte ich mich denn in die tiefste Tiefe menschlichen
Elends, in die je Einer gerathen ist, und in der nicht leicht ein Anderer sein
Leben und seine Gesundheit behalten haben würde.
Ich werde jetzt den Faden meiner Geschichte wieder im Zusammenhang verfolgen.
Wie man denken kann, hatte ich nach vierjährigem Aufenthalt in Brasilien und
nachdem meine Pflanzung in guten Zug gekommen war, nicht nur die Landessprache
gelernt, sondern auch Bekannte und Freunde unter meinen Pflanzerkollegen und
den Kaufleuten zu St. Salvador gewonnen. Bei meinen Gesprächen mit ihnen war
auch oft von meinen beiden Reisen an die Küste von Guinea, von der Art und Weise
des Handels mit den Negern und auch davon die Rede gewesen, wie leicht es sei,
dort für Kleinigkeiten, wie Spielwaaren, Glasperlen, Messer, Scheeren, Beile
und dergleichen, nicht nur Goldstaub, Guineakorn, Elephantenzähne &c., sondern
auch Neger zur Sklavenarbeit in Brasilien zu erhandeln.
Man lauschte auf diese Mittheilungen mit gespannter Aufmerksamkeit, vorzüglich
aber auf das, was den Ankauf von Negern anging. Damals wurde der Handel mit
diesen noch nicht stark betrieben. Er stand unter der Oberaufsicht der Könige
von Spanien und Portugal, und die Einkünfte flossen in die königlichen Kassen,
daher wurden nur wenig Neger nach Brasilien gebracht und diese kosteten schweres
Geld.
Einmal, nachdem ich mit einigen Pflanzern und Kaufleuten über diese Dinge mich
angelegentlich unterhalten hatte, kamen am nächsten Morgen drei von ihnen zu
mir und sagten, sie hätten sich jene Angelegenheit reiflich überlegt und wollten
mir einen Vorschlag machen. Ich mußte Verschwiegenheit geloben und hierauf theilten
sie mir mit, daß sie Lust hätten ein Schiff nach Guinea zu schicken, da es ihnen
auf ihren Pflanzungen an Nichts so sehr fehle als an Arbeitern. Weil sie jedoch
keinen öffentlichen Handel mit Sklaven treiben dürften, so beabsichtigten sie
nur eine einzige Reise zu machen, die erkauften Neger heimlich ans Land zu bringen
und dann unter sich zu theilen. Es frage sich nun, ob ich als ihr Supercargo
die Expedition zu Schiffe leiten wolle. Als Vergütung sollte ich einen gleichen
Antheil wie sie von den Negern bekommen, ohne zu dem Ankaufskapital beizusteuern.
Dies wäre ein lockendes Anerbieten für Einen gewesen, der nicht eine eigne Pflanzung,
die auf dem besten Wege sich zu vergrößern war, zu überwachen gehabt hätte.
Für mich aber, der ich einen guten Anfang gemacht hatte und nur so fort zu fahren
brauchte, um mit Hülfe meiner andern hundert Pfund aus England binnen drei oder
vier Jahren sicherlich mir ein Vermögen von drei- bis viertausend Pfund Sterling
erworben zu haben, war der bloße Gedanke an eine solche Reise das Unsinnigste,
dessen ich mich schuldig machen konnte.
Jedoch ich hatte nun einmal die Bestimmung, mich zu Grunde zu richten, und deshalb
konnte ich dem Anerbieten ebensowenig widerstehen, als ich einst dem guten Rath
meines Vaters zu folgen vermocht hatte. Kurz, ich sagte jenen Leuten, daß ich
von Herzen gern die Reise machen wolle, wenn sie versprächen, während meiner
Abwesenheit für meine Pflanzung zu sorgen und sie, wenn ich umkommen sollte,
an die von mir bestimmten Personen zu überliefern. Sie gingen hierauf ein und
stellten mir ein urkundliches Versprechen darüber aus. Ich faßte dann ein förmliches
Testament ab, verfügte darin über meine Pflanzung und über meine sonstige Habe
für den Fall meines Todes und ernannte den Kapitän, meinen Lebensretter, zum
Universalerben, mit der Bestimmung, daß er die Hälfte meines Besitztums für
sich behalten, die andere Hälfte verkaufen und den Ertrag nach England schicken
solle.
So traf ich allerdings die besten Maßregeln, um die Zukunft meines Vermögens
zu sichern. Hätte ich nur halb so viel Nachdenken auf das verwandt, was mein
wahres Interesse forderte und was ich thun und lassen sollte, so würde ich sicherlich
nicht meine günstige Lage aufgegeben und eine Seereise angetreten haben, auf
der mich die gewöhnlichen Gefahren einer solchen und obendrein noch, wie ich
nach meiner Erfahrung Grund hatte anzunehmen, ganz besondere Fährlichkeiten
erwarteten.
Ich aber folgte blindlings den Lockungen meiner Einbildungskraft und hörte nicht
auf die Stimme der Vernunft. Das Schiff wurde ausgerüstet, die Ladung geliefert
und Alles der Verabredung gemäß von meinen Compagnons ins Werk gesetzt. In schlimmer
Stunde ging ich an Bord, am 1. September 1659, just an dem Tage, an welchem
ich acht Jahre zuvor meinen Eltern zu Hull entflohen war, ihren Geboten trotzend
und mein eignes Glück thöricht verscherzend.
Unser Schiff war etwa 120 Tonnen schwer, führte sechs Kanonen und eine Mannschaft
von vierzehn Leuten außer dem Kapitän, dem Schiffsjungen und mir. Wir hatten
keine schwere Ladung, sondern nur solche Waaren. die sich zum Handel mit den
Negern eigneten: Perlen, Muscheln und allerlei Kleinigkeiten, wie kleine Spiegel,
Messer, Scheeren, Beile und dergleichen.
Noch an dem Tage, an dem ich an Bord gegangen, lichteten wir die Anker. Wir
hielten uns zunächst nordwärts an der brasilianischen Küste entlang, um dann
vom 10. oder 12. Grad nördlicher Breite aus hinüber nach Afrika zu steuern,
welches der gewöhnliche Cours dorthin in dieser Jahreszeit war. Wir hatten bis
auf die große Hitze bei der Küstenfahrt sehr gutes Wetter. Von der Höhe von
St. Augustin aus nahmen wir, das Land aus dem Gesicht verlierend, den Weg seewärts,
als ob wir nach der Insel Fernando de Noronha wollten, die wir jedoch östlich
liegen ließen. Nach zwölftägiger Fahrt passirten wir die Linie und hatten gerade,
nach unserer Berechnung, 7°22′ nördlicher Breite erreicht, als ein heftiger
Orkan uns gänzlich desorientirte. Er erhob sich von Südost, drehte sich dann
nach Nordwest und blieb hierauf in Nordost stehen. Von dort blies er in so furchtbarer
Weise zwölf Tage hindurch, daß wir weiter Nichts thun konnten, als uns von der
Wuth der Windsbraut forttreiben lassen. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich während
dieser ganzen Zeit jeden Tag meinen Untergang erwartete, und daß Niemand im
Schiffe hoffte, mit dem Leben davon zu kommen.
Zur Steigerung dieser Noth verloren wir drei unserer Leute. Einer davon starb
am hitzigen Fieber, ein Anderer nebst dem Schiffsjungen wurde über Bord gespült.
Ungefähr am zwölften Tag legte sich der Sturm ein wenig und der Kapitän begann,
so gut es gehen wollte, zu observiren. Er brachte heraus, daß wir etwa unter
dem 11. Grad nördlicher Breite, aber 22 Längengrade westwärts vom Kap St. Augustin
verschlagen wären. Demnach befanden wir uns in der Nähe der Küste von Guyana
oberhalb des Amazonenstroms und nahe beim Orinoko, der gewöhnlich der große
Fluß genannt wird. Der Kapitän berieth mit mir, welchen Cours er jetzt nehmen
sollte, und war gewillt, da unser Schiff leck und arg zugerichtet war, direkt
nach der brasilianischen Küste zurückzukehren; wogegen ich mich jedoch entschieden
erklärte. Wir studirten hierauf die Seekarte und fanden, daß wir kein bewohntes
Land antreffen würden, bis wir in den Bereich der karaibischen Inseln kämen.
Deshalb beschlossen wir nach Barbados hinzusteuern, das wir, wenn wir uns seewärts
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