Daniel Defoe - Robinson Crusoe
admin am Apr 3rd 2008
Robinson Crusoe
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Ich bin geboren zu York im Jahre 1632, als Kind angesehener Leute, die ursprünglich
nicht aus jener Gegend stammten. Mein Vater, ein Ausländer, aus Bremen gebürtig,
hatte sich zuerst in Hull niedergelassen, war dort als Kaufmann zu hübschem
Vermögen gekommen und dann, nachdem er sein Geschäft aufgegeben hatte, nach
York gezogen. Hier heirathete er meine Mutter, eine geborene Robinson. Nach
der geachteten Familie, welcher sie angehörte, wurde ich Robinson Kreuznaer
genannt. In England aber ist es Mode, die Worte zu verunstalten, und so heißen
wir jetzt Crusoe, nennen und schreiben uns sogar selbst so, und diesen Namen
habe auch ich von jeher unter meinen Bekannten geführt.
Ich hatte zwei ältere Brüder. Der eine von ihnen, welcher als Oberstlieutenant
bei einem englischen, früher von dem berühmten Oberst Lockhart befehligten Infanterieregiment
in Flandern diente, fiel in der Schlacht bei Dünkirchen. Was aus dem jüngeren
geworden ist, habe ich ebensowenig in Erfahrung bringen können, als meine Eltern
je Kenntniß von meinen eignen Schicksalen erhalten haben.
Schon in meiner frühen Jugend steckte mir der Kopf voll von Plänen zu einem
umherschweifenden Leben. Mein bereits bejahrter Vater hatte mich so viel lernen
lassen, als durch die Erziehung im Hause und den Besuch einer Freischule auf
dem Lande möglich ist. Ich war für das Studium der Rechtsgelehrsamkeit bestimmt.
Kein anderer Gedanke aber in Bezug auf meinen künftigen Beruf wollte mir behagen
als der, Seemann zu werden. Dieses Vorhaben brachte mich in schroffen Gegensatz
zu den Wünschen und Befehlen meines Vaters und dem Zureden meiner Mutter, wie
auch sonstiger mir freundlich gesinnter Menschen. Es schien, als habe das Schicksal
in meine Natur einen unwiderstehlichen Drang gelegt, der mich gerades Wegs in
künftiges Elend treiben sollte.
Mein Vater, der ein verständiger und ernster Mann war, durchschaute meine Pläne
und suchte mich durch eindringliche Gegenvorstellungen von denselben abzubringen.
Eines Morgens ließ er mich in sein Zimmer, das er wegen der Gicht hüten mußte,
kommen und sprach sich über jene Angelegenheit mit großer Wärme gegen mich aus.
»Was für andere Gründe«, sagte er, »als die bloße Vorliebe für ein unstetes
Leben, können dich bewegen, Vaterhaus und Heimat verlassen zu wollen, wo du
dein gutes Unterkommen hast und bei Fleiß und Ausdauer in ruhigem und behaglichem
Leben dein Glück machen kannst. Nur Leute in verzweifelter Lage, oder solche,
die nach großen Dingen streben, gehen außer Landes auf Abenteuer aus, um sich
durch Unternehmungen empor zu bringen und berühmt zu machen, die außerhalb der
gewöhnlichen Bahn liegen. Solche Unternehmungen aber sind für dich entweder
zu hoch oder zu gering. Du gehörst in den Mittelstand, in die Sphäre, welche
man die höhere Region des gemeinen Lebens nennen könnte. Die aber ist, wie mich
lange Erfahrung gelehrt hat, die beste in der Welt; in ihr gelangt man am sichersten
zu irdischem Glück. Sie ist weder dem Elend und der Mühsal der nur von Händearbeit
lebenden Menschenklasse ausgesetzt, noch wird sie von dem Hochmuth, der Ueppigkeit,
dem Ehrgeiz und dem Neid, die in den höheren Sphären der Menschenwelt zu Hause
sind, heimgesucht.«
»Am besten«, fügte er hinzu, »kannst du die Glückseligkeit des Mittelstandes
daraus erkennen, daß er von Allen, die ihm nicht angehören, beneidet wird. Selbst
Könige haben oft über die Mißlichkeiten, die ihre hohe Geburt mit sich bringt,
geklagt und gewünscht, in die Mitte der Extreme zwischen Hohe und Niedrige gestellt
zu sein. Auch der Weise bezeugt, daß jener Stand der des wahren Glückes ist,
indem er betet: »Armuth und Reichthum gib mir nicht«.
»Habe nur darauf Acht«, fuhr mein Vater fort, »so wirst du finden, daß das Elend
der Menschheit zumeist an die höheren und niederen Schichten der Gesellschaft
vertheilt ist. Die, welche in der mittleren leben, werden am seltensten vom
Mißgeschick getroffen, sie sind minder den Wechselfällen des Glücks ausgesetzt,
sie leiden bei weitem weniger an Mißvergnügen und Unbehagen des Leibes und der
Seele wie jene, die durch ausschweifend üppiges Leben auf der einen, durch harte
Arbeit, Mangel am Notwendigen oder schlechten und unzulänglichen Lebensunterhalt
auf der anderen Seite, in Folge ihrer natürlichen Lebensstellung geplagt sind.
Der Mittelstand ist dazu angethan, alle Arten von Tugenden und Freuden gedeihen
zu lassen. Friede und Genügsamkeit sind im Gefolge eines mäßigen Vermögens.
Gemüthsruhe, Geselligkeit, Gesundheit, Mäßigkeit, alle wirklich angenehmen Vergnügungen
und wünschenswerten Erheiterungen sind die segensreichen Gefährten einer mittleren
Lebensstellung. Auf der Mittelstraße kommt man still und gemächlich durch die
Welt und sanft wieder heraus, ungeplagt von allzu schwerer Hand- oder Kopfarbeit,
frei vom Sklavendienst ums tägliche Brod, unbeirrt durch verwickelte Verhältnisse,
die der Seele die Ruhe, dem Leib die Rast entziehen, ohne Aufregung durch Neid,
oder die im Herzen heimlich glühende Ehrbegierde nach großen Dingen. Dieser
Weg führt vielmehr in gelassener Behaglichkeit durch das Dasein, gibt nur dessen
Süßigkeiten, nicht aber auch seine Bitternisse zu kosten, er läßt die auf ihm
wandeln mit jedem Tage mehr erfahren, wie gut es ihnen geworden ist.«
Hierauf drang mein Vater ernstlich und inständigst in mich, ich solle mich nicht
gewaltsam in eine elende Lage stürzen, vor welcher die Natur, indem sie mich
in meine jetzige Lebensstellung gebracht, mich sichtbarlich habe behüten wollen.
Ich sei ja nicht gezwungen, meinen Unterhalt zu suchen. Er habe es gut mit mir
vor und werde sich bemühen, mich in bequemer Weise in die Lebensbahn zu bringen,
die er mir soeben gerühmt habe. Wenn es mir nicht wohl ergehe in der Welt, so
sei das lediglich meine Schuld. Er habe keine Verantwortung dafür, nachdem er
mich vor Unternehmungen gewarnt habe, die, wie er bestimmt wisse, zu meinem
Verderben gereichen müßten. Er wolle alles Mögliche für mich thun, wenn ich
daheim bleibe und seiner Anweisung gemäß meine Existenz begründe. Dagegen werde
er sich dadurch nicht zum Mitschuldigen an meinem Mißgeschick machen, daß er
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