Annette von Droste-Hülshoff – Westfälische Schilderungen

admin am Jan 26th 2012


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wir sind in den Grenzstrichen des Bistums Münster. – Eine trostlose

Gegend! unabsehbare Sandflächen, nur am Horizonte hier und dort von kleinen Waldungen und

einzelnen Baumgruppen unterbrochen. – Die von Seewinden geschwängerte Luft scheint nur im

Schlafe aufzuzucken. – Bei jedem Hauche geht ein zartes, dem Rauschen der Fichten ähnliches

Geriesel über die Fläche, und säet den Sandkies in glühenden Streifen bis an die nächste Düne,

wo der Hirt in halb somnambüler Beschaulichkeit seine Socken strickt, und sich so wenig um uns

kümmert, als sein gleichfalls somnambüler Hund und seine Heidschnucken. – Schwärme badender

Krähen liegen quer über den Pfad, und flattern erst auf, wenn wir sie fast greifen könnten, um

einige Schritte seitwärts wieder niederzufallen, und uns im Vorübergehen mit einem

weissagenden Auge, »oculo torvo sinistroque« zu betrachten. – Aus den einzelnen

Wacholderbüschen dringt das klagende, möwenartige Geschrill der jungen Kiebitze, die wie

Tauchervögel im Schilf in ihrem stachligen Asyle umschlüpfen, und bald hier bald drüben ihre

Federbüschel hervorstrecken. – Dann noch etwa jede Meile eine Hütte, vor deren Tür ein paar

Kinder sich im Sande wälzen und Käfer fangen, und allenfalls ein wandernder Naturforscher, der

neben seinem überfüllten Tornister kniet, und lächelnd die zierlich versteinerten Muscheln und

Seeigel betrachtet, die wie Modelle einer frühern Schöpfung hier überall verstreut liegen, –

und wir haben alles genannt, was eine lange Tagereise hindurch eine Gegend belebt, die keine

andere Poesie aufzuweisen hat, als die einer fast jungfräulichen Einsamkeit, und einer

weichen, traumhaften Beleuchtung, in der sich die Flügel der Phantasie unwillkürlich

entfalten. – Allmählich bereiten sich indessen freundlichere Bilder vor, – zerstreute

Grasflächen in den Niederungen, häufigere und frischere Baumgruppen begrüßen uns als Vorposten

nahender Fruchtbarkeit, und bald befinden wir uns in dem Herzen des Münsterlandes, in einer

Gegend, die so anmutig ist, wie der gänzliche Mangel an Gebirgen, Felsen und belebten Strömen

dieses nur immer gestattet, und die wie eine große Oase, in dem sie von allen Seiten, nach

Holland, Oldenburg, Kleve zu, umstäubenden Sandmeer liegt. – In hohem Grade friedlich, hat sie

doch nichts von dem Charakter der Einöde, vielmehr mögen wenige Landschaften so voll Grün,

Nachtigallenschlag und Blumenflor angetroffen werden, und der aus minder feuchten Gegenden

Einwandernde wird fast betäubt vom Geschmetter der zahllosen Singvögel, die ihre Nahrung in

dem weichen Kleiboden finden. – Die wüsten Steppen haben sich in mäßige, mit einer

Heidenblumendecke farbig überhauchte Weidestrecken zusammengezogen, aus denen jeder Schritt

Schwärme blauer, gelber und milchweißer Schmetterlinge aufstäuben läßt. – Fast jeder


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