Annette von Droste-Hülshoff – Die Judenbuche
admin am Jan 26th 2012
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unter gleichen
Umständen. Holz-und Jagdfrevel waren an der Tagesordnung, und bei den häufig vorfallenden
Schlägereien hatte sich jeder selbst seines zerschlagenen Kopfes zu trösten. Da jedoch große
und ergiebige Waldungen den Hauptreichtum des Landes ausmachten, ward allerdings scharf über
die Forsten gewacht, aber weniger auf gesetzlichem Wege, als in stets erneuten Versuchen,
Gewalt und List mit gleichen Waffen zu überbieten.
Das Dorf B. galt für die hochmütigste, schlauste und kühnste Gemeinde des ganzen Fürstentums.
Seine Lage inmitten tiefer und stolzer Waldeinsamkeit mochte schon früh den angeborenen
Starrsinn der Gemüter nähren; die Nähe eines Flusses, der in die See mündete und bedeckte
Fahrzeuge trug, groß genug, um Schiffbauholz bequem und sicher außer Land zu führen, trug sehr
dazu bei, die natürliche Kühnheit der Holzfrevler ermutigen, und der Umstand, daß alles umher
von Förstern wimmelte, konnte hier nur aufregend wirken, da bei den häufig vorkommenden
Scharmützeln der Vorteil meist auf seiten der Bauern blieb. Dreißig, vierzig Wagen zogen
zugleich aus in den schönen Mondnächten, mit ungefähr doppelt soviel Mannschaft jedes Alters,
vom halbwüchsigen Knaben bis zum siebzigjährigen Ortsvorsteher, der als erfahrener Leitbock
den Zug mit gleich stolzem Bewußtsein anführte, als er seinen Sitz in der Gerichtsstube
einnahm. Die Zurückgebliebenen horchten sorglos dem allmähligen Verhallen des Knarrens und
Stoßens der Räder in den Hohlwegen und schliefen sacht weiter. Ein gelegentlicher Schuß, ein
schwacher Schrei ließen wohl einmal eine junge Frau oder Braut auffahren; kein anderer achtete
darauf. Beim ersten Morgengrau kehrte der Zug ebenso schweigend heim, die Gesichter glühend
wie Erz, hier und dort einer mit verbundenem Kopf, was weiter nicht in Betracht kam, und nach
ein paar Stunden war die Umgegend voll von dem Mißgeschick eines oder mehrerer Forstbeamten,
die aus dem Walde getragen wurden, zerschlagen, mit Schnupftabak geblendet und für einige Zeit
unfähig, ihrem Berufe nachzukommen.
In diesen Umgebungen ward Friedrich Mergel geboren, in einem Hause, das durch die stolze
Zugabe eines Rauchfangs und minder kleiner Glasscheiben die Ansprüche seines Erbauers, sowie
durch seine gegenwärtige Verkommenheit die kümmerlichen Umstände des jetzigen Besitzers
bezeugte. Das frühere Geländer um Hof und Garten war einem vernachlässigten Zaune gewichen,
das Dach schadhaft, fremdes Vieh weidete auf den Triften, fremdes Korn wuchs auf dem Acker
zunächst am Hofe, und der Garten enthielt, außer ein paar holzichten Rosenstöcken aus besserer
Zeit, mehr Unkraut als Kraut. Freilich hatten Unglücksfälle manches hiervon herbeigeführt;
doch war auch viel Unordnung und böse Wirtschaft im Spiel. Friedrichs Vater, der alte Hermann
Mergel, war in seinem Junggesellenstande ein sogenannter ordentlicher Säufer, d.
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