Annette von Droste-Hülshoff – Bei uns zulande auf dem Lande
admin am Jan 26th 2012
Annette von Droste-Hülshoff - Bei uns zulande auf dem Lande als PDF downloaden
vor den Leuten im
Schnellwagen und vor allen machte mir ein bleicher, winddürrer Herr not, der ganz aussah wie
ein Genie, was auf Menschenkenntnis reist, denn ich bin ehrlicher Leute Kind und möchte nicht
gern als empfindsame Heidschnucke in einem Journale figurieren. Deshalb will ich denn auch
hier abbrechen und nur noch sagen, daß ich seit zwölf Jahren wieder bei uns zulande bin und
mein friedliches Brot habe, als Rentmeister meines guten gnädigen Herrn, der keine Schwalbe an
seinem Dache belästigen mag, wieviel weniger seine Leute überladet, so daß ich meine Arbeit in
der Tat ganz wohl zwingen kann und um vieles an gutem, ich meine gesundem Aussehen gewonnen
habe, sonderlich in den letzten fünf Jahren, seit ich das obere Turmzimmer bewohne, was das
gesundeste im Hause ist und mir noch allerlei kleine Ergötzlichkeiten, als aus dem Fenster zu
angeln und die Reiher über dem Schloßweiher wegzuschießen, bietet. – Die Zeitungen werden mir
auch gebracht, wenn der Herr sie gelesen, und die Bücher aus der Leihbibliothek; so füllt sich
mein Überschuß an Zeit ganz behaglich aus, und ich bleibe hinlänglich in Rapport mit der
politischen und belletristischen Außenwelt. – Sehr wunderlich war mir zumute, als ich vor etwa
zehn Jahren zum erstenmal mein gutes Ländchen in van der Veldens Roman unverhofft begegnete,
es war mir fast, als sei ich nun ein Lion geworden und könne fortan nicht mehr in meinem
ordinären Rocke ausgehen. In den letzten Jahren habe ich mich indessen dagegen verhärtet, seit
wir Westfalen in der Literatur wie Ameisen umherwimmeln. Ich will nichts gegen diese Schriften
sagen, da ich wohl weiß, wie es mir ergehen würde, wenn ich z.B. einen Russen oder Kalmücken
in die Szene setzen sollte, aber soviel ist gewiß, daß ich in den Figuren, die dort unsere
Straßen durchwandeln, höchstens meine Nebenmenschen erkannt habe. Mir fiel dabei ein, wie ich
in den Gymnasialjahren bei einer stillen honetten Familie wohnte, wo jeden Abend Walter Scotts
Romane, einer nach dem andern, andächtig vorgenommen wurden; mein Wirt war Forstmann, sein
Bruder Militär, und seiner Frauen Bruder, der sich pünktlich um sieben mit der langen Pfeife
und einem starken Salbenduft einstellte, Wundarzt – Gott, wie haben wir uns an dem
Schottländer ergötzt, aber nur ich ganz rein, weil ich von allem, was er verhandelte, eben
kaum oberflächliche Kenntnisse hatte, die andern hingegen fanden alles unübertrefflich, bis
auf die greulichen Schnitzer in jedes eignem Fach, und lagen sich oft in den Haaren, daß sie
im Eifer das Licht ausdampften und mir in Rauch und Angst der Atem ausging, denn mein Held lag
derweil hart verwundet am Boden, und mir war, als müsse er sich verbluten, oder er hing über
einem schaudernden Abgrund, und mir war, als sähe ich ein Steinchen nach dem andern unter
seinen Fußen wegbröckeln; daraus habe ich mir denn den Schluß
Tags: Annette von Droste-Hülshoff, Bei uns zulande auf dem Lande
Geschrieben in Annette von Droste-Hülshoff | Kein Kommentar bis jetzt