Annette von Droste-Hülshoff – Perdu!
admin am Jan 26th 2012
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Annette von Droste-Hülshoff
Perdu!
oder
Dichter, Verleger und Blaustrümpfe
Lustspiel in einem Akte
Personen.
Herr Speth, Buchhändler in einer Stadt am Rheine
Seine Frau
Ida, seine Tochter
Sonderrath, Poeta laureatus
Willibald, Dichter minimi moduli und nebenbei Rezensent
Seybold, Rezensent und nebenbei Dichter
Frau von Thielen, Blaustrumpf von Stande
Claudine Briesen, naiv-gefühlvoller Blaustrumpf
Johanna von Austen, Blaustrumpf du bon vieux temps
Erste Szene
Ein Buchladen; im Vordergrunde ein Fenster mit halbgeschlossenen Vorhängen, das auf den Rhein
geht; alle Stühle mit Papieren, Ballen etc. beladen.
SPETH ein kleines, magres Männchen, mit rotem Gesichte, graulichtem Haare, einer Brille, sitzt
vor einem mit Papieren und Paketen bedeckten Tische und hält einen offnen Brief in der Hand;
lesend. »Und kurz, Herr Speth, ich kann nicht, durchaus nicht. Die Rebe blüht, alles liebt und
paart sich, da wird mir der Pegasus auch kollrig und rennt Gott weiß welcher Irionswolke nach.
Indessen kann es sein, daß wir uns bald sehn; mich hat geträumt, ich würde nächstens Lust
bekommen, an den Rhein zu gehn, respektive fahren, schwimmen – ob’s dazu kommt? Nescio; und
somit Gott befohlen. Ihr ergebener Friedrich Sonderrath.« Er läßt das Blatt sinken. Ja wohl,
Sonderrath! ich bin sonder Rat. – Windbeutel und kein Ende! Und ob er nun hieher kommt, das
steht auch noch sehr dahin, nachdem er mich vier Wochen lang hat auf sich warten lassen. Er
wirft den Brief auf den Tisch; heftig. Nein, nein, nein! Ich will mich auch gar nicht mehr mit
dem Dichtervolk einlassen. Wer liest denn noch Gedichte? Eine Kammerjungfer, die in den
Sekretär verliebt ist? Aber ich bin zu fromm, viel, viel zu fromm, – ein alter Kerl,
zwanzigmal angeführt, und doch noch nicht klug; ich sage es immer, sie werden mich noch aus
Rock und Kamisol schreiben. Na, weiter! Er ergreift ein Paket. Das dickste zuerst! Er öffnet
es. Hu, Krebse! »Das Echo im Felstale«, von Claudine Briesen – Zählt. – zehn – zwanzig – und
dreißig – vierzig – fünfzig – wie? Er nimmt das letzte Bündel nochmals. Zwei – vier – sechs –
acht – zehn – o Jammer, Jammer! Auch nicht ein einziges Exemplar verkauft! Ärgerlich. Du alte
Schachtel, komm du mir mal wieder, mit deinen Pavodettenaugen und deinen weißen Schwungfedern!
Doch – ‘s ist meine eigene Schuld; warum bin ich ein Esel! Er nimmt ein zweites Paket;
freudig. Ha, Seybold, und ein gutes Bündel! Er wägt es auf der Hand. Das ist delikat, da
steckt noch manches Gläschen Wein darin; Öffnet es. wenn das lauter Rezensionen sind, dann
können sie mir das Loch im Geldbeutel schon so ziemlich wieder zuziehn. Er schlägt die Blätter
auseinander. O weh, Gedichte! Lauter, lauter Gedichte! Seufzend.
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