Gustav Schwab - Pandaros
admin am Mrz 29th 2008
Marmorsäle aneinander, wo die Eidame des Königes mit seinen Töchtern hausten.
Das Ganze war von einer hohen Mauer umschlossen und bildete für sich allein
eine stattliche Burg. Hier begegnete Hektor seiner guten Mutter Hekabe, die
eben zu ihrer liebsten und anmutigsten Tochter Laodike zu gehen im Begriffe
war. Die greise Königin eilte auf Hektor zu, faßte ihm die Hand und sprach voll
Sorgen und Liebe: »Sohn, wie kommst du zu uns aus der wütenden Schlacht? Die
entsetzlichen Männer müssen uns wohl hart bedrängen, und du kommst gewiß, die
Hände zu Zeus zu erheben. So verziehe denn, bis ich dir vom lieblichen Wein
bringe, daß du dem Vater Zeus und den andern Göttern ein Trankopfer darbringen
kannst und darauf dich selbst mit einem Labetrunk erquicken; denn der Wein ist
doch die kräftigste Stärkung für einen müden Kämpfer!« Aber Hektor erwiderte
der Königin: »Laß mir keinen Wein reichen, geliebte Mutter, daß du mich nicht
entnervest und ich meiner Kraft vergesse; auch dem Göttervater scheue ich mich
mit ungewaschener Hand Wein zu spenden; du hingegen geh, von den edelsten Frauen
Trojas umringt, mit Räuchwerk zu Athenes Tempel, lege der Göttin dein köstlichstes
Gewand auf die Knie und gelobe ihr zwölf untadelige Kühe, wenn sie sich unser
erbarmt. Ich aber will hingehen, meinen Bruder Paris in die Schlacht zu berufen.
Schlänge ihn doch die Erde lebendig hinab, denn er ist zu unserem Verderben
geboren!«
Die Mutter tat, wie der Sohn sie angewiesen. Sie stieg in die duftende Kammer
hinunter, wo die schönsten Seidengewande verwahrt lagen, die Paris selbst aus
Sidon mitgebracht hatte, als er auf Umwegen mit Helena nach der Heimat schiffte.
Eines davon, das größte, schönste, mit den herrlichsten Bildern durchwirkte,
das zuunterst von allen lag, suchte sie hervor und wandelte nun, von der Schar
der edelsten Weiber begleitet, nach der Burg, zu Athenes Tempel. Hier öffnete
ihnen Antenors Gattin Theano, die trojanische Priesterin der Pallas, das Haus
der Göttin. Die Frauen reihten sich um das Bild Athenes und huben mit Klagetönen
die Hände zu der Göttin empor. Dann nahm Theano das Gewand aus den Händen der
Königin, legte es auf die Knie des Bildes und flehte zu der Tochter des Zeus:
»Pallas Athene, Beschirmerin der Städte, erhabene, machtvolle Göttin, brich
du dem Diomedes den Speer, laß ihn selbst, auf sein Angesicht gestürzt, vor
unsern Toren sich wälzen; erbarme dich der Stadt, der Frauen, der stammelnden
Kinder! In dieser Hoffnung weihen wir dir zwölf untadelige Kühe.«
Aber Pallas Athene verweigerte ihnen im Herzen ihre Bitte. Hektor war inzwischen
im Palaste des Paris angekommen, der hoch auf der Burg, in der Nähe vom Königspalast
und von Hektors Wohnung, stand; denn beide Fürsten hatten von der Königswohnung
abgesonderte Häuser. Er trug in der Rechten seinen Speer, der elf Ellen lang
und dessen eherne Spitze am Schaft mit einem goldenen Ring umlegt war. Er fand
den Bruder, wie er in seinem Gemache die Waffen musterte und das Horn des Bogens
glättete; seine Gemahlin Helena saß emsig unter den Weibern und leitete ihr
Tagewerk. Als Hektor jenen sah, schalt er ihn und rief. »Du tust nicht recht,
so im Unmute hier zu sitzen, Bruder; um deinetwillen schlägt sich das Volk vor
der Stadt im Feldgetümmel! Du selbst aber würdest mit jedem andern zanken, den
du so saumselig zum Treffen sähest. Auf denn, ehe die Stadt unter den Feuerbränden
unseres Feindes auflodert, hilf sie verteidigen mit uns!« Paris antwortete ihm:
»Du tadelst mich nicht mit Unrecht, Bruder; doch habe ich nicht aus Unmut, sondern
nur aus Gram hier in der Untätigkeit gesessen. Nun aber hat mir meine Gattin
freundlich zugeredet, in die Schlacht hinauszugehen; so verziehe denn, bis ich
meine Rüstung angezogen habe, oder geh: ich hoffe dir bald nachzufolgen.« Hektor
schwieg darauf, aber Helena redete ihn mit Worten der Beschämung an: »O Schwager,
ich bin ein schnödes, unheilstiftendes Weib! Hätte mich doch die Meereswoge
verschlungen, ehe ich mit Paris hier ans Land stieg! Nun das Übel aber einmal
verhängt worden: wäre ich doch wenigstens nur die Genossin eines besseren Mannes,
der die Schmach und die vielen Vorwürfe, die er sich zuzieht, auch empfände;
so aber hat er kein Herz im Leibe und wird keines haben, und die Frucht seiner
Feigheit wird nicht ausbleiben. Aber du, Hektor, komm doch herein und ruhe von
der Arbeit, die wegen meiner, des schändlichen Weibes, die wegen der Freveltat
meines Gatten doch zumeist auf deinen Schultern lastet!« »Nein, Helena«, sprach
Hektor, »heiß mich nicht so freundlich sitzen, ich darf wahrlich nicht: mein
Herz drängt mich, den Trojanern zu helfen. Muntere du nur diesen Menschen da
auf, und er selbst spute sich, daß er mich bald innerhalb der Stadtmauern erreiche.
Ich will zuvor noch in meine eigene Wohnung gehen und nach Weib, Söhnlein und
Gesinde schauen.« So sprach Hektor und enteilte. Aber er fand die Gattin nicht
zu Hause. »Als sie hörte«, sprach zu ihm die Schaffnerin, »daß die Trojaner
Not leiden und der Sieg sich zu den Griechen neige, verließ sie die Wohnung,
wie außer sich, um einen der Stadttürme zu besteigen, und die Wärterin mußte
ihr das Kind nachtragen.«
Schnell legte Hektor den Weg durch die Straßen Trojas jetzt wieder zurück.
Als er das Skäische Tor erreicht, kam seine Gemahlin Andromache, die blühende
Tochter des kilikischen Eëtion von Theben, eilenden Laufes gegen ihn her; die
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt