Gustav Schwab - Pandaros
admin am Mrz 29th 2008
sich, aber keiner nahm sich Zeit, ihn zu fragen; sie stürzten nur miteinander
in die Schlacht. Aber die Danaer, Diomedes, die beiden Ajax und Odysseus an
der Spitze, erwarteten ruhig die Heranstürmenden wie ein unbewegliches Gewölk;
und Agamemnon durcheilte die Heerschar und rief: »Jetzt seid Männer, o ihr Freunde,
und ehret euch selbst in der Schlacht; denn wo ein Volk sich selbst ehrt, da
stehen mehr Männer als fallen; aber für den Fliehenden gibt es keinen Ruhm und
keine Rettung!« So rief er, schickte zuerst den Speer gegen die heranrückenden
Trojaner ab und streckte den Freund des Äneas, den hochgeehrten Deïkoon, der
immer im Vorderkampfe stritt, nieder. Aber auch die gewaltige Hand des Äneas
tötete zwei der tapfersten Danaer, Krethon und Orsilochos, Söhne des Diokles,
die zu Pherai im Peloponnes wie zwei freudige Berglöwen zusammen aufgewachsen
waren. Um die Gefallenen trauerte Menelaos, schwenkte den Speer und warf sich
rasch in das vorderste Gewühl. Ares selbst spornte sein Herz, denn er hoffte,
daß ihn Äneas fällen werde. Aber Antilochos, Nestors Sohn, um den Völkerhirten
besorgt, stürzte gleichfalls hervor an seine Seite, während jene beiden schon
voll Kampfgier ihre Lanzen gegeneinander gezückt hatten. Als Äneas zwei Helden
sich gegenübersah, wich er zurück; Menelaos und Antilochos retteten die beiden
Leichen aus den Händen der Feinde und übergaben sie den Freunden; sie selbst
wandten sich dem Vorkampfe wieder zu. Menelaos durchstach den Pylaimenes, Antilochos
hieb seinem Wagenlenker Mydon das Schwert in die Schläfe, daß er auf den Scheitel
gestellt in den Staub stürzte, bis ihn seine eigenen Rosse umwarfen, die Antilochos
mit der Geißel den Griechen zutrieb.
Jetzt aber jagte Hektor mit den tapfersten Heerscharen der Trojaner voran,
und der Kriegsgott selbst wandelte bald vor, bald hinter ihm her. Als Diomedes
den Gott kommen sah, stutzte der Held, wie ein Wanderer vor einem brausenden
Wasserfalle staunt, und rief dem Volke zu: »Staunet nicht über die Unerschrockenheit
Hektors, ihr Freunde, denn immer geht ein Gott neben ihm her und wehrt das Verderben
von ihm ab. Darum, wenn wir weichen, so weichen wir den Göttern!« Indessen stürmten
die Schlachtreihen der Trojaner immer näher heran, und Hektor erschlug zwei
tapfere Griechen auf einem Streitwagen, den Anchialos und Menesthes. Ajax, der
Telamonier, eilte herbei, sie zu rächen; er traf mit der Lanze den Amphios,
einen Verbündeten der Trojaner, unter dem Gurte, daß er in dumpfem Falle zu
Boden stürzte; dann stemmte er den Fuß auf den Leichnam und zog die Lanze heraus;
ein Hagel von Speeren hinderte ihn, den Gefallenen der Rüstung zu berauben.
Auf einer andern Seite trieb ein böses Verhängnis den Herakliden Tlepolemos
auf den Lykier Sarpedon zu, dem er schon von weitem zurief. »Was nötigt dich,
hier in Angst zu vergehen, weibischer Asiate, der du dich fälschlich rühmst,
ein Zeussohn zu sein wie mein Vater Herakles! Du bist feige, und selbst wenn
du ein Tapferer wärest, so solltest du jetzt dem Hades nicht entgehen!« »Habe
ich mir noch keinen Ruhm erworben«, entgegnete ihm Sarpedon, »so soll dein Tod
mir ihn verschaffen!« Und nun kreuzten sich die Lanzen beider Helden; der Wurfspieß
des Sarpedon traf den prahlerischen Gegner gerade in den Hals, daß die Spitze
hinten hervordrang und er entseelt zur Erde stürzte. Aber auch des Tlepolemos
Speer hatte den linken Schenkel Sarpedons bis auf die Knochen durchbohrt, und
nur sein Vater Zeus hemmte den Tod. Die Freunde führten den Bebenden aus dem
Kampfe, so hastig, daß keiner bemerkte, wie er die aus dem Schenkel hervorragende
Lanze noch nachschleppte. Auch die Leiche des Tlepolemos trugen die Griechen
aus dem Kampfe zurück.
Während Odysseus in der führerlosen Schar der Lykier wütete und schon ganz
nahe an dem flüchtenden Sarpedon war, erfreute diesen der Anblick des herannahenden
Hektor, und er rief ihm mit schwacher Stimme zu: »Priamos’ Sohn, laß mich nicht
den Achivern zum Raube daliegen; verteidige mich, daß ich mein Leben ruhig in
dieser Stadt aushauchen mag, wenn ich doch das Land der Väter, mein Weib und
mein Söhnlein nicht mehr sehen soll!« Ohne ein Wort zu erwidern, drängte Hektor
die verfolgenden Griechen zurück, so daß selbst Odysseus nicht wagte, weiter
vorzudringen. Nun legten den Sarpedon seine Freunde unweit vom Skäischen Tore
unter der hohen Buche nieder, die seinem Vater Zeus heilig war, und sein Jugendgenosse
Pelagon zog ihm den Speer aus dem Schenkel. Einen Augenblick verließ den Verwundeten
die Besinnung, doch atmete er bald wieder auf, und ein kühler Nordwind wehte
seinen matten Lebensgeistern Erfrischung zu.
Ares und Hektor bedrängten jetzt die Griechen, daß sie allmählich rückwärts
wichen zu ihren Schiffen. Sechs herrliche Helden fielen allein von Hektors Hand.
Mit Schrecken überblickte vom Olymp herab Hera, die Göttermutter, das Gemetzel,
das die Trojaner unter dem Beistande des Ares anrichteten. Auf ihren Antrieb
ward Athenes Wagen mit den ehernen, goldumfaßten Rädern, der silbernen Deichsel
und dem goldenen Joche gerüstet, in welches Hera selbst ihr schnellfüßiges Rossegespann
fügte; Athene aber hüllte sich in ihres Vaters Panzer, bedeckte das Haupt mit
dem goldenen Helm, ergriff den Schild mit dem Gorgonenhaupte, faßte den Speer
und schwang sich auf den silbernen Sessel, der in goldenen Riemen hing. Neben
ihr sitzend, schwenkte Hera die Geißel und beflügelte die Rosse. Des Himmels
Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39
Gerne gelesen werden auch:
Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt