Gustav Schwab – Pandaros
admin am Okt 13th 2011
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im Abgrunde des Meeres, neben ihrem grauen Gatten sitzend, die Stimme des Weinenden
vernahm und selber so laut zu schluchzen anfing, daß ihre silberne Grotte sich
bald mit den Nereiden füllte, die alle zugleich an die Brust schlugen und die
Wehklage mit der Schwester begannen. »Wehe mir Armen«, rief diese ihren Geschwistern
zu, »wehe mir unglücklicher Mutter, daß ich einen so edeln, so tapfern, so herrlichen
Sohn gebar! Er wuchs empor wie eine Pflanze von Gärtnershand gepflegt, dann
sandt ich ihn zu den Schiffen gen Troja; aber nie sehe ich ihn wieder, nie kehrt
er in den Palast des Peleus zurück; und solange er das Sonnenlicht noch sieht,
muß er solche Qual dulden, und ich kann ihm nicht helfen! Dennoch will ich mein
geliebtes Kind zu schauen gehen, will hören, welcher Kummer ihn betraf, während
er ungefährdet vom Kampfe bei den Schiffen sitzt!« So sprach die Göttin und
stieg mit den Schwestern durch die gespaltenen Wogen hinan zum Gestade, tauchte
bei den Schiffen ans Land und eilte dem schluchzenden Sohne zu. »Kind, was weinst
du«, rief sie, indem sie unter Wehklagen sein Haupt umschlang, »wer betrübt
dir dein Herz? Rede, verhehle mir nichts! Ist es doch alles geschehen, wie du
gewollt hast: die Männer Griechenlands sind um die Schiffe zusammengedrängt
und schmachten trostlos nach deiner Hilfe!« Endlich begann Achill unter schweren
Seufzern: »Mutter, was hilft mir das, seit mein Patroklos, der mir lieb war
wie mein Haupt, in den Staub gesunken ist! Meine eigenen köstlichen Waffen,
das Ehrengeschenk, das dem Peleus die Götter bei deiner Hochzeit dargebracht,
hat ihm sein Mörder Hektor vom Leibe gezogen. O wohntest du doch lieber immer
im Meere und hätte Peleus ein sterbliches Weib, so müßtest du nicht unsterbliches
Leid tragen um deinen gestorbenen Sohn; denn nie kehrt er zur Heimat wieder!
Ja das Herz selbst verbietet mir, lebend umherzuwandeln, wenn mir nicht Hektor,
von meiner Lanze durchbohrt und sein Leben aushauchend, den Raub meines Patroklos
büßt!« Weinend antwortete Thetis: »Ach, nur allzubald verblüht dir das Leben,
mein Sohn; denn gleich nach Hektor ist dir dein eigenes Ende bestimmt.« Aber
Achill rief voll Unmut: »Möchte ich doch auf der Stelle sterben, da das Schicksal
mir nicht vergönnt hat, meinen gemordeten Freund zu verteidigen! Ohne meine
Hilfe, fern von der Heimat, mußte er sterben; was frommt den Griechen nun mein
kurzes Leben? Kein Heil habe ich dem Patroklos, kein Heil unzähligen erschlagenen
Freunden gebracht. Bei den Schiffen sitz ich, eine unnütze Last der Erde, so
schlecht im Gefecht wie kein anderer Achiver; im Rate besiegen mich ohnedem
andere Helden. Verflucht sei der Zorn bei Göttern und Menschen, der zuerst dem
Herzen süß eingeht wie Honig und bald wie eine Feuerflamme in der Mannesbrust
emporwächst!« Und plötzlich fuhr er, sich ermannend, fort: »Doch Vergangenes
sei vergangen: ich gehe, den Mörder des geliebtesten Hauptes zu erschlagen,
den Hektor. Mag mein Los mir werden, wann Zeus und die Götter es wollen, wird
doch manche Trojanerin über mir mit beiden Händen sich die Tränen des Jammers
von der Rosenwange trocknen, und zitternde Seufzer werden ihrer Brust entsteigen.
Die Trojaner sollen merken, daß ich lange genug vom Kriege gerastet habe! Verwehre
mir den Kampf nicht, liebe Mutter!«
»Du hast recht, mein Kind«, antwortete ihm Thetis, »nur daß deine strahlende
Rüstung in der Gewalt der Trojaner ist und Hektor selbst in ihr sich brüstet.
Doch soll er nicht lange darin frohlocken; denn in aller Frühe, sobald die Sonne
aufgeht, bringe ich dir neue Waffen, die Hephaistos selbst geschmiedet. Nur
geh mir nicht früher in die Schlacht, als bis du mich mit eigenen Augen zurückkommen
sahest.« So sprach die Göttin und hieß ihre Schwestern in den Schoß des Meeres
wieder hinabtauchen. Sie selbst eilte hinauf zum Olymp, den Gott der Feuerarbeit
Hephaistos aufzusuchen.
In dieser Zeit ereilte den Leichnam des Patroklos, den die Freunde davontrugen,
der Kampf der Trojaner noch einmal, und Hektor kam ihm, gleich daherstürmendem
Feuer, so nahe, daß er ihn dreimal hinten am Fuße faßte, um ihn wegzuziehen,
und dreimal die beiden Ajax ihn von dem Toten hinwegstoßen mußten. Nun wütete
er seitwärts durchs Schlachtengewühl, hielt dann wieder von neuem stand und
schrie laut auf; zurückweichen wollte er nimmermehr. Vergebens bestrebten sich
die beiden gleichnamigen Helden, ihn von dem Leichnam abzuschrecken, wie Hirten
bei Nacht umsonst einen hungrigen Berglöwen vom Leibe des zerrissenen Rindes
zu verscheuchen bemühet sind. Und wirklich hätte Hektor zuletzt die Leiche geraubt,
wäre nicht Iris auf Heras Befehl mit der Botschaft zu dem Peliden geflogen,
sich von Zeus und den andern Göttern ungesehen heimlich zu bewaffnen. »Aber
wie soll ich denn zur Schlacht gehen«, fragte erwidernd Achill die Götterbotin,
»da die Feinde meine Rüstung haben? Auch hat mir meine Mutter alle Bewaffnung
verboten, bis ich sie selbst mit einer neuen Rüstung von Hephaistos zurückkehren
sehen würde. Ich weiß niemand, dessen Waffen mir gerecht wären, es müßte denn
der Riesenschild des Ajax sein; aber der hat und braucht ihn selber zum Schutze
meines erschlagenen Freundes!« »Wohl wissen wir«, antwortete ihm Iris, »daß
du deiner herrlichen Waffen beraubt bist, aber nahe dich einstweilen nur so
dem Graben, wie du bist, und erscheine den Trojanern: vielleicht stehen sie
vom Kampfe ab, wenn sie dich von fern erblicken, und den Griechen ist Erholung
Tags: Sagen, Schwab
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