Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


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unten am Knöchel mit Riemen umband, um ihn so fortzuschleppen, schlug ihm der
Speer des Telamoniers durch die Kuppel des Helms, daß dieser zerbarst und das
Gehirn aus der Wunde blutig am Speer emporspritzte. Hektor zielte jetzt auf
Ajax, aber er traf nur den Phokäer Schedios; Ajax durchstieß dafür Phorkys,
dem Sohne des Phainops, der um den Leichnam des Hippothoos kämpfte, den Panzer,
daß die Spitze ihm schmetternd ins Eingeweide fuhr. Nun wichen die Trojaner
und Hektor selbst, und gegen des Zeus Beschluß hätten die Griechen gesiegt,
wenn nicht Apollo, in der Gestalt des Helden Periphas, des greisen Herolds,
den gewaltigen Äneas zum Kampf angetrieben hätte. Dieser erkannte den Gott,
feuerte die Seinigen mit mächtigem Zuruf an und focht, selbst weit voranspringend,
bald der Vorderste im Streite. Jetzt wandten die Trojaner die Stirne wieder
dem Feinde zu. Äneas durchstach den Leiokritos, den Genossen des Lykomedes;
dieser rächte den Tod des Freundes an Apisaon dem Päonier; und jetzt streckten
die Griechen ihre Lanzen alle dem Leichnam wieder vor.

So wetteiferten sie hier, während die Schlacht auch an anderen Punkten nicht
feierte, den ganzen Tag in immer wütender Mordlust, und über Schenkel und Knie
bis zu den Füßen hinab troff den Streitern der Schweiß. »Schlinge uns«, riefen
die Danaer, »lieber der Boden hinab, als daß wir diesen Leichnam den Trojanern
überlassen und ohne Ruhm zu den Schiffen kehren!« »Und müßten wir«, schrien
dagegen die Trojaner, »alle miteinander bei diesem Manne sterben, so säume doch
keiner im Kampf!«

Während sie so stritten, standen die unsterblichen Rosse des Achill abwärts
vom Schlachtfeld. Als sie vernommen, daß ihr Wagenlenker Patroklos von der Hand
Hektors ermordet im Staube gestreckt liege, fingen sie an zu weinen, wie Menschen
tun. Vergebens bemühte sich Automedon, sie jetzt mit der Geißel zu beflügeln,
jetzt mit Schmeichelworten, jetzt mit Drohungen anzutreiben. Nicht heim zu den
Schiffen wollten sie gehen, nicht zu den Griechen in die Feldschlacht, sondern
wie eine Säule, die unbeweglich über dem Grabhügel eines Verstorbenen steht,
standen sie beide vor dem Wagensitze fest, ihre Häupter auf den Boden gesenkt;
ihre Mähne quoll wallend und mit Staube besudelt aus dem Ringe des Jochs hervor,
und aus den Wimpern tropften ihnen heiße Tränen. Nicht ohne Mitleid konnte sie
Zeus von seiner Höhe herab erblicken. ›Ihr armen Tiere‹, sprach er bei sich
selbst, ›warum haben wir euch ewig Junge, Unsterbliche dem sterblichen Peleus
geschenkt! Etwa daß ihr mit den unseligen Menschen Gram ertragen solltet? Denn
es gibt doch nichts Jammervolleres auf Erden von allem, was atmet und sich regt,
als der Mensch. Aber umsonst hofft Hektor, euch zu bändigen und an seinen Wagen
zu spannen. Nimmermehr gestatte ich dieses; ist es nicht genug, daß er in seiner
Eitelkeit sich rühmt, des Peliden Waffen zu besitzen?‹ Da beseelte Zeus die
Rosse mit Mut und edler Stärke. Plötzlich schüttelten beide den Staub von den
Mähnen und sprengten mit dem Wagen rasch unter Trojaner und Griechen hinein.
Automedon mußte sie gewähren lassen und wehrte sich, so gut er konnte. Aber
allein auf dem hohen Wagensitze, war es ihm unmöglich, zugleich die Rosse zu
lenken und die Lanze gegen den Feind zu schwingen. Endlich erspähte ihn sein
Genosse Alkimedon, der Sohn des Laërkes, und verwunderte sich, daß der Einsame
mit dem leeren Wagen sich dem Schlachtgetümmel aussetze. »Du bist nächst meinem
erschlagenen Freunde Patroklos der beste Rossebändiger, Alkimedon«, rief ihm
jener zur Antwort zu; »wolltest du Peitsche und Zügel nehmen, so überlasse ich
dir die Rosse und warte des Kampfes.«

Wie sich Automedon aus dem Sitze schwang, bemerkte es Hektor und sprach zu
seinem Nebenkämpfer Äneas: »Schau, dort sprengen die Rosse des Achill mit sehr
unkriegerischen Lenkern in der Schlacht vor; ist es dir recht, so bestürmen
wir sie; die Beute kann uns nicht fehlen!« Äneas winkte, und beide sprengten
unter ihren Schilden heran, Chromios und Aretos ihnen nach. Aber Automedon betete
zu Zeus, und dieser erfüllte ihm sein Herz mit ungewohnter Kraft: »Halt mir
die schnaubenden Rosse dicht am Rücken, Alkimedon!« rief er, und: »Ajax herbei,
Menelaos herbei! Überlaßt den Gestorbenen andern Tapfern und wehret von uns
Lebendigen das Verderben! Uns bedrängen Hektor und Äneas, die tapfersten Helden
Trojas!« Mit diesen Worten schwang er die Lanze gegen Aretos, und diese durchstürmte
den Schild und drang dem Helden ins Gedärm, daß der Vorspringende in den Staub
zurücksank. Dann warf Hektor seinen Speer auf Automedon, aber dieser fuhr über
das Haupt des Gegners zitternd in die Erde. Und jetzt wären sie sich im Schwertkampfe
begegnet, hätte nicht die Ankunft der beiden Ajax die Streitenden getrennt und
die Trojaner zur Rückkehr nach der Leiche des Patroklos vermocht.

Dort flammte der Entscheidungskampf wieder heftiger auf. Dem Zeus hatte sich
das Herz gewandt; in dunkler Wolke senkte sich seine Botin Athene hernieder
und stellte sich, in des alten Phönix Gestalt sichtbar geworden, neben Menelaos.
Dieser sprach, den Helden erblickend: »Vater Phönix, möchte mir Athene heute
Kraft verleihen, so wollte ich dem toten Freunde wohl helfen; denn ich verstehe
den Vorwurf deines Blickes.« Da freute sich die Göttin, daß er unwissend zu
ihr selber vor allen Göttern gefleht, stärkte ihm Schultern und Knie mit Kraft


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