Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


Gustav Schwab - Pandaros als PDF downloaden


abzuwehren sei, und richtete seine Lanze gegen die mit Feuerbränden eindringenden
Trojaner; zugleich donnerte er seine Volksgenossen an: »Freunde, jetzt seid
Männer! oder wähnet ihr, hinter den Schiffen stehen euch noch andere Helfer,
noch ein stärkerer Wall, der euch schirmen könnte? Ihr habt keine Stadt, hinter
deren Mauern ihr euch flüchten könntet wie die Trojaner; auf Feindesboden, fern
vom Lande der Väter, an den Meeresrand sind wir hingedrängt! Unser ganzes Heil
beruht nur auf unserem Arme!« So rief er und empfing jeden Feind, der mit einer
Fackel sich dem Schiffe näherte, mit einem Lanzenstich, daß bald zwölf Leichen
vor ihm den Boden deckten.

Tod des Patroklos

Indes um das Schiff, auf welchem Ajax stand, auf Tod und Leben gekämpft wurde,
war Patroklos, als er das Zelt des wunden Eurypylos verlassen, zu seinem Freunde
Achill geeilt, und als er in dessen Lagerhütte eintrat, stürzten ihm die Tränen
aus den Augen, wie eine finstere Quelle, die ihr dunkles Wasser aus steilen
Klippen gießt. Mitleidig sah ihn der Pelide an und sprach zu ihm: »Du weinst
ja wie ein junges Mädchen, Freund Patroklos, das der Mutter nachläuft und: ›Nimm
mich!‹ schreit und sich lang an ihr Kleid anklammert, bis die Mutter es aufhebt!
Bringst du meinen Myrmidonen, mir oder dir selbst schlimme Botschaft aus Phthia?
Ich weiß doch, dein Vater Menötios lebt, mein Vater Peleus lebt! Oder beklagst
du vielleicht das Volk von Argos, daß es so jämmerlich zugrunde geht, zum Lohn
seines eigenen Frevels? Rede nur immer ehrlich heraus und laß mich alles wissen!
« Schwer seufzte bei dieser Frage Patroklos auf und sprach endlich: »Zürne mir
nicht, erhabenster Held! Allerdings lastet der Gram der Griechen schwer auf
meiner Seele! Alle Tapfersten liegen von Wurf oder Stoß getroffen bei den Schiffen
umher; wund ist Diomedes; lanzenwund Odysseus und Agamemnon; den Euryplos traf
ein Pfeil in den Schenkel: sie alle sind den Ärzten zur Heilung übergeben, statt
daß sie in unsern Reihen kämpfen sollten. Du aber bleibst unerbittlich; nicht
Peleus und Thetis, der Mensch und die Göttin, können deine Eltern sein; dich
muß das finstre Meer oder ein starrer Fels geboren haben, so unfreundlich ist
dein Herz! Nun denn, wenn die Worte deiner Mutter und ein Bescheid der Götter
dich zurückhalten, so sende wenigstens mich und deine Krieger ab, ob wir den
Griechen nicht vielleicht Trost bringen. Laß mich deine eigene Rüstung anlegen:
leicht mag es sein, wenn die Trojaner mich sehen und dich zu erblicken glauben,
daß sie vom Kampf abstehen und den Danaern Zeit lassen, sich zu erholen!«

Aber Achill erwiderte unmutig: »Wehe mir, Freund! Nicht das Wort meiner Mutter,
auch kein Götterausspruch hindert mich; nur der bittere Schmerz frißt mir an
der Seele, daß ein Grieche es gewagt hat, mich, den Ebenbürtigen, des Ehrengeschenks
zu berauben. Dennoch habe ich mir nicht vorgesetzt, ewig zu grollen, und war
von jeher entschlossen, wenn das Schlachtgetümmel bis zu den Schiffen gelangen
sollte, meinem Groll Abschied zu sagen. Selber Anteil am Kampfe zu nehmen, kann
ich mich zwar noch nicht entschließen; du aber hülle immerhin deine Schultern
in meine Rüstung und führe auch unser streitbares Volk zum Kampfe. Stürze mit
aller Macht auf die Trojaner und treibe sie aus den Schiffen fort! Nur an einen
lege die Hände nicht, und dies ist Hektor; auch hüte dich, daß du nicht einem
Gott in die Hände fallest; denn Apollo liebt unsre Feinde! Wenn du die Schiffe
gerettet hast, kehre wieder um. Die andere mögen sich dann auf dem offenen Felde
gegenseitig ermorden; denn eigentlich wäre es doch am besten, wenn gar kein
Danaer davonkäme und wir zwei allein der Vertilgung entgingen und Trojas Mauern
niederreißen könnten!«

Bei den Schiffen atmete inzwischen Ajax immer schwerer. Sein Helm rasselte
von feindlichen Geschossen; die Schulter, vom aufliegenden Schilde beschwert,
fing an ihm zu erstarren: der Angstschweiß floß ihm von den Gliedern herab,
und keine Erholung durfte er sich gönnen. Als nun vollends Hektors Schwert ihm
die Lanze dicht am Öhre durchschmetterte, daß der verstümmelte Teil in seiner
Hand blieb und die eherne Spitze klirrend auf den Boden fiel, da erkannte Ajax,
daß die Gewalt eines Gottes den Griechen entgegen sei, und entwich dem Geschoß.
Und nun warf Hektor mit den Seinigen einen mächtigen Feuerbrand in das Schiff,
und bald schlug die Flamme lodernd um das Steuerruder zusammen.

Als Achill in seinem Zelt Feuer von dem Schiffe auflodern sah, da durchzuckte
auch den unbeugsamen Helden der Schmerz. »Auf, edler Patroklos«, rief er, »erhebe
dich, daß sie die Schiffe nicht nehmen und den Unsrigen jeden Ausweg versperren!
Ich selbst will hingehen, mein Volk zu versammeln.« Patroklos war des Wortes
froh, das er aus dem Munde seines Freundes vernommen hatte: eilig legte er die
Beinschienen an, schnallte den kunstvoll gearbeiteten Harnisch um die Brust,
hing sich das Schwert um die Schulter, setzte den von Roßhaaren umwallten Helm
aufs Haupt, griff mit der Linken zum Schilde, mit der Rechten faßte er zwei
mächtige Lanzen. Gern hätte er den mörderischen Speer seines Freundes Achill
selbst genommen, der aus einer Esche des thessalischen Berges Pelion gezimmert
war und den der Zentaur Chiron dem Vater Peleus geschenkt hatte; dieser aber
war so groß und schwer, daß ihn außer dem Peliden kein anderer Held schwingen


Tags: ,

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt