Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


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Die Griechen von Poseidon gestärkt

Während so draußen das Treffen tobte, saß der greise Nestor geruhig in seinem
Zelte beim Trunk, den verwundeten Helden und Arzt Machaon bewirtend. Als nun
aber der Streitruf immer lauter hallte und näher in ihre Ohren drang, überantwortete
er seinen Gast der Dienerin Hekamede, ihm ein warmes Bad zu bereiten, ergriff
Schild und Lanze und trat hinaus vor das Zelt. Hier sah er die unerfreuliche
Wendung, die der Kampf genommen hatte, und während er in Zweifel stand, ob er
in die Schlacht eilen oder den Völkerfürsten Agamemnon aufsuchen sollte, mit
ihm zu beraten, begegnete ihm, von den Schiffen am Meeresgestade zurückkommend,
dieser selbst mit Odysseus und Diomedes, alle drei auf ihre Lanzen gestützt
und an Wunden krank. Sie kamen auch nur, der Schlacht wieder zuzuschauen, ohne
Hoffnung, selbst an dem Kampfe teilnehmen zu können. Sorgenvoll traten sie mit
Nestor zusammen und berieten das Geschick der Ihrigen. Endlich sprach Agamemnon:
»Freunde, ich hege keine Hoffnung mehr. Da der Graben, der uns so viele Mühe
gekostet, da die Mauer, die unzerbrechlich schien, den Schiffen nicht zur Abwehr
gereicht haben und der Kampf längst mitten unter diesen wütet, so gefällt es
wohl Zeus, uns Griechen alle, wenn wir nicht freiwillig abziehen, ferne von
Argos, hier in der Fremde, ruhmlos dem Verderben preiszugeben. Laßt uns deswegen
mit den Schiffen, die wir zunächst am Meeresstrande aufgestellt haben, auf der
hohen See vor Anker gehen und die Nacht dort erwarten. Wendet sich alsdann Trojas
Volk zurück, so wollen wir auch die übrigen Schiffe in die Wogen ziehen und
noch bei Nacht der Gefahr entrinnen.« Mit Unwillen hörte Odysseus diesen Vorschlag.
»Atride«, sprach er, »du verdientest ein feigeres Kriegsvolk anzuführen als
das unsrige. Mitten im Treffen ermahnest du, die Schiffe ins Meer hinabzuziehen,
daß die armen Griechen in Angst umschauen, der Streitlust vergessen und verlassen
auf der Schlachtbank zurückbleiben?« »Ferne sei das von mir«, erwiderte Agamemnon,
»daß ich wider Willen der Argiver und ohne sie zu hören solches tun wollte!
Auch gebe ich meinen Rat gerne auf, wenn einer besseren vorzubringen weiß.«
»Der beste Rat ist«, rief der Tydide, »daß wir sogleich in die Schlacht zurückkehren,
und wenn wir auch nicht selbst zu kämpfen vermögen, doch die andern als ehrliche
Volksführer zur Tapferkeit ermahnen.«

Dieses Wort hörte mit Wohlgefallen der Beschirmer der Griechen, der Meergott,
der schon lange das Gespräch der Helden belauscht hatte. Er trat in Gestalt
eines greisen Kriegers zu ihnen, drückte dem Agamemnon die Hand und sprach:
»Schande dem Achill, der sich jetzt der Griechenflucht erfreuet! Aber seid getrost;
noch hassen euch die Götter nicht so, daß ihr nicht bald den Staub von der Trojanerflucht
aufwirbeln sehen solltet!« So sprach der Gott und stürmte von ihnen weg durchs
Gefilde, indem er seinen Schlachtruf in das Heer der Griechen hineinschallen
ließ, der wie zehntausend Männerstimmen brüllte und jedes Helden Herz mit Mut
durchdrang.

Auch die Himmelskönigin Hera, die vom Olymp herab den Kampf überschaute, blieb
jetzt nicht untätig, als sie Poseidon, ihren Bruder und Schwager, zugunsten
ihrer Freunde sich in die Schlacht mischen sah. Und wie sie ihren Gemahl Zeus
so feindselig auf dem Gipfel des Ida sitzend erblickte, zürnte sie ihm in der
tiefsten Seele und sann hin und her, wie sie ihn täuschen und von der Sorge
für den Kampf abziehen möchte. Ein glücklicher Gedanke stieg ihr plötzlich im
Herzen auf. Sie eilte in das verborgenste Gemach, das ihr Sohn Hephaistos im
Götterpalaste ihr kunstreich gezimmert und dessen Pforte er mit unlösbaren Riegeln
befestigt hatte. Dieses betrat sie und schloß die Türflügel hinter sich. Hier
badete und salbte sie mit ambrosischem Öl ihre schöne Gestalt, flocht ihr Haupthaar
in glänzende Locken um den unsterblichen Scheitel, hüllte sich in das köstliche
Gewand, das ihr Athene zart und künstlich gewirkt hatte, heftete es über der
Brust mit goldenen Spangen fest, umschlang sich mit dem schimmernden Gürtel,
fügte sich die funkelnden Juwelengehänge in die Ohren, umhüllte das Haupt mit
einem durchsichtigen Schleier und band sich zierliche Sohlen unter ihre glänzenden
Füße. So von Anmut leuchtend, verließ sie das Gemach und suchte Aphrodite, die
Liebesgöttin, auf »Grolle mir nicht, Töchterchen«, sprach sie liebkosend, »weil
ich die Griechen und du die Trojaner beschützest; und versage mir nicht, um
was mein Herz dich bittet. Leihe mir den Zaubergürtel der Liebe, der Menschen
und Götter bezähmt; denn ich will an die Grenze der Erde gehen, den Okeanos
und die Tethys, meine Pflegeeltern, aufzusuchen, die in Zwistigkeiten leben.
Ich möchte ihr Herz durch freundliche Worte zur Versöhnung bewegen, und dazu
brauche ich deinen Gürtel.« Aphrodite, die den Trug nicht durchschaute, erwiderte
arglos: »Mutter, du bist die Gemahlin des Götterköniges; nicht recht wäre es,
dir eine solche Bitte zu verweigern.« Damit löste sie sich den wunderköstlichen
buntgestickten Gürtel, in dem alle Zauberreize versammelt waren. »Birg ihn«,
sprach sie, »immerhin in dem Busen, gewiß kehrst du nicht ohne Erfolg von dannen.«

Weiter ging nun die Götterkönigin nach dem fernen Thrakien in die Behausung
des Schlafes und beschwor diesen, in der folgenden Nacht dem Göttervater die
leuchtenden Augen unter seinen Wimpern tief einzuschläfern. Aber der Schlaf


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