Gustav Schwab - Pandaros

admin am Mrz 29th 2008

seiner Erzrüstung, mit funkelndem Auge, sprang Hektor, zwei blinkende Lanzen
schüttelnd, in das Tor. Ihm nach strömten seine Streitgenossen durch die aufgerissene
Pforte; andere hatten zu Hunderten die Mauer überklettert: Aufruhr tobte allenthalben
im Vorlager, und die Griechen flüchteten zu den Schiffen.

Kampf um die Schiffe

Als Zeus die Trojaner so weit gebracht hatte, überließ er die Griechen ferner
ihrem Elende, wandte, auf dem Gipfel des Ida sitzend, seine Augen von dem Schiffslager
ab und schaute gleichgültig ins Land der Thrakier hinüber. Inzwischen blieb
der Meergott Poseidon nicht untätig. Dieser saß auf einem der obersten Gipfel
des waldigen Thrakiens, wo der Ida mit allen seinen Höhen samt Troja und den
Schiffen der Danaer unter ihm lag. Mit Gram sah er die Griechen vor Trojas Volk
in den Staub sinken; er verließ das zackige Felsengebirg, und mit vier Götterschritten,
unter denen Höhen und Wälder bebten, stand er am Meeresufer bei Aigai, wo ihm
in den Tiefen der Flut ein von unvergänglichem Golde schimmernder Palast erbaut
stand. Hier hüllte er sich in die goldne Rüstung, schirrte seine goldmähnigen
Rosse ins Joch, ergriff die goldene Geißel, schwang sich in seinen Wagensitz
und lenkte die Pferde über die Flut; die Meerungeheuer erkannten ihren Herrscher
und hüpften aus den Klüften umher, die Woge trennte sich freudig, und ohne die
eherne Wagenachse zu benetzen, kam Poseidon bei den Schiffen der Danaer, zwischen
Tenedos und Imbros, in einer tiefen Grotte an, wo er die Rosse aus dem Geschirr
spannte, ihnen die Füße mit goldenen Fesseln umschlang und Ambrosia zur Kost
reichte. Er selbst eilte mitten ins Gewühl der Schlacht, wo sich die Trojaner
wie ein Orkan um Hektor mit brausendem Geschrei drängten und jetzt eben die
Schiffe der Griechen zu bemeistern hofften. Da gesellte sich Poseidon zu den
Reihen der Griechen, dem Seher Kalchas an Wuchs und Stimme gleich. Zuerst rief
er den beiden Ajax zu, die für sich selbst schon von Kampflust glühten: »Ihr
Helden beide vermöchtet wohl das Volk der Griechen zu retten, wenn ihr eurer
Stärke gedenken wolltet. An andern Orten ängstet mich der Kampf der Trojaner
nicht, so herzhaft sich ihre Heeresmacht über die Mauer hereinstürzt; die vereinigten
Achiver werden sie schon abzuwehren wissen. Hier nur, wo der rasende Hektor
wie ein Feuerbrand vorherrscht, hier nur bin ich um unsre Rettung bange. Möchte
doch ein Gott euch den Gedanken in die Seele geben, hierhin euren Widerstand
zu kehren und auch andere dazu anzureizen.« Zu diesen Worten gab ihnen der Ländererschütterer
einen Schlag mit seinem Stabe, davon ihr Mut erhöht und ihre Glieder leicht
geschaffen wurden; der Gott aber entschwang sich ihren Blicken wie ein Habicht,
und Ajax, der Sohn des Oïleus, erkannte ihn zuerst. »Ajax«, sprach er zu seinem
Namensbruder, »es war nicht Kalchas, es war Poseidon, ich habe ihn von hinten
an Gang und Schenkeln erkannt; denn die Götter sind leicht zu erkennen. Jetzt
verlangt mich im innersten Herzen nach dem Entscheidungskampfe, Füße und Hände
streben mir nach oben!« Ihm erwiderte der Telamonier: »Auch mir zücken die Hände
ungestüm um den Speer; die Seele hebt sich mir; die Füße wollen fliegen; Sehnsucht
ergreift mich, den Einzelkampf mit Hektor zu bestehen!«

Während die beiden Führer dies Gespräch wechselten, ermunterte Poseidon hinter
ihnen die Helden, die vor Gram und Müdigkeit bei den Schiffen ausruhten, und
schalt sie, bis alle Tapfern sich um die beiden Ajax scharten und gefaßt den
Hektor mit seinen Trojanern erwarteten. Lanze drängte sich an Lanze, Schild
auf Schild, Helm an Helm, Tartsche war an Tartsche gelehnt, Krieger an Krieger,
die nickenden Helmbüsche berührten sich mit den Bügeln, so dicht stand die Heerschar;
ihre Speere aber zitterten dem Feind entgegen. Doch auch die Trojaner drangen
mit aller Kraft herein; Hektor voran, wie ein Felsstein von der Krone des Bergs,
durch den herbstlichen Strom abgerissen, im Sprunge herniederstürzt, daß die
Waldung zerschmettert zusammenkracht. »Haltet euch, Trojaner und Lykier«, rief
er hinterwärts, »jene wohlgeordnete Heerschar wird nicht lange bestehen, sie
werden vor meinem Speere weichen, so gewiß der Donnerer mich leitet!« So rief
er, den Mut der Seinigen anspornend. In seiner Schar ging trotzig, doch mit
leisem Schritt, unter dem Schilde Deïphobos, das andere Heldenkind des Priamos,
einher. Ihn wählte sich Meriones zum Ziele und schoß die Lanze nach ihm ab;
aber Deïphobos hielt den mächtigen Schild weit vom Leibe ab, daß der Wurfspieß
brach. Erbittert über den verfehlten Angriff, wandte sich Meriones zu den Schiffen
hinab, sich einen mächtigeren Speer aus dem Zelte zu holen.

Die andern kämpften indessen fort, und der Schlachtruf brüllte. Teucer warf
den Imbrios, den Sohn Mentors, unter dem Ohre mit dem Speer, daß er wie eine
Esche auf luftigem Gebirgsgipfel hintaumelte. Den Leichnam machte ihm Hektor
streitig; doch traf er statt des Teucer nur den Amphimachos; als er diesem den
Helm von den Schläfen ziehen wollte, traf ihn die Lanze des großen Ajax auf
den Schildnabel, daß er von dem Erschlagenen zurückprallte und Menestheus samt
Stichios den Leichnam des Amphimachos, den Imbrios aber die beiden Ajax, wie
zwei Löwen die Ziege, die sie den Hunden abgejagt, hinab ins Heer der Griechen
trugen.

Amphimachos war ein Enkel des Poseidon, und sein Fall empörte diesen. Er eilte

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