Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


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Versprechen, den Wagen und die Rosse des Achill zu erhalten, es über sich nahm,
das feindliche Kriegsheer zu durchwandern, bis er an Agamemnons Feldherrnschiff
käme, um dort den Fürstenrat der Danaer zu belauschen. Er hängte eilend seinen
Bogen um die Schulter, hüllte sich in ein graues, zottiges Wolfsfell, setzte
einen Otterhelm auf das Haupt, faßte den Wurfspieß und ging mit Begier seinen
Weg. Dieser aber führte ihn ganz nahe an den auf gleichem Gange begriffenen
Griechenhelden vorüber. Odysseus merkte den Tritt des Herannahenden und flüsterte
seinem Gesellen zu: »Diomedes, dort kommt ein Mann aus dem trojanischen Lager
herangewandelt; entweder es ist ein Kundschafter, oder er will die Leichname
auf dem Schlachtfelde berauben; lassen wir ihn ein wenig vorübergehen, dann
wollen wir ihm nachjagen und ihn entweder erhaschen oder nach den Schiffen treiben.«
Nun schmiegten sich beide abseits von dem Wege unter die Toten, und Dolon lief
sorglos vorüber. Als er einen Bogenschuß entfernt war, hörte er das Geräusch
der Helden und stand stille, denn er vermutete, daß Hektor ihn durch befreundete
Boten zurückrufen lasse; bald aber waren die Helden nur noch einen Speerwurf
entfernt, und jetzt erkannte er sie als Feinde. Nun regte er seine schnellen
Knie und flog dahin wie ein Hund, der einen Hasen verfolgt. »Steh oder ich werfe
meine Lanze nach dir«, donnerte Diomedes und entsandte seinen Speer, jedoch
mit Vorsatz fehlend, so daß das Erz über die Schulter des Laufenden hin in den
Boden fuhr. Dolon stand, starr und bleich vor Schrecken; sein Kinn bebte, und
die Zähne klapperten ihm. »Fahet mich lebendig«, rief er unter Tränen, als die
herankeuchenden Helden ihn mit beiden Händen festhielten, »ich bin reich und
will euch als Lösegeld Eisenerz und Gold geben, soviel ihr nur wollet!« »Sei
getrost«, sprach Odysseus zu ihm, »und mach dir keine Todesgedanken, aber sag
uns die Wahrheit, was dich diesen Weg führte.« Als Dolon zitternd und bebend
alles gestanden, sprach Odysseus lächelnd: »Fürwahr, du hast keinen schlechten
Geschmack, Bursche, daß deine Seele nach dem Gespann des Peliden gelüstet! Jetzt
aber sage mir auf der Stelle: wo verließest du den Hektor, wo stehen seine Rosse,
wo ist das Kriegsgeräte? wo sind die andern Trojaner? wo die Bundesgenossen?«
Dolon antwortete: »Hektor berät sich mit den Fürsten am Grabmale des Ilos; das
Kriegsheer ist ohne besondere Wachen um Feuer gelagert, die fern herbeigerufenen
Bundesgenossen aber, die für keine Weiber und Kinder zu sorgen haben, schlafen
getrennt von dem Heere und unbewacht. Wenn ihr in das trojanische Lager wandeln
wollet, so stoßet ihr zuerst auf die eben angekommenen Thrakier, die um ihren
Fürsten Rhesos, den Sohn des Eïoneus, hingestreckt ruhen. Seine blendend weißen
Rosse sind die schönsten, größesten und schnellfüßigsten, die ich je gesehen
habe; sein Wagen ist mit Silber und Gold köstlich geschmückt; er selbst trägt
eine wundervolle goldne Rüstung wie ein Unsterblicher und nicht wie ein Mensch.
Nun wißt ihr alles, führet mich nun nach den Schiffen oder laßt mich gebunden
hier und überzeuget euch, daß ich die Wahrheit gesagt habe.« Aber Diomedes schaute
den Gefangenen finster an und sprach: »Ich merke wohl, Betrüger, du sinnest
auf Flucht; aber meine Hand wird dafür sorgen, daß du den Argivern nicht mehr
verderblich sein kannst!« Zitternd erhob Dolon seine Rechte, das Kinn des Helden
flehentlich zu berühren, als schon das Schwert des Tydiden ihm durch den Nacken
fuhr, daß das Haupt des Redenden in den Staub hinrollte. Hierauf nahmen ihm
die Helden den Otterhelm vom Scheitel, zogen dem Rumpfe das Wolfsfell ab, lösten
den Bogen, nahmen den Speer des Getöteten zur Hand und legten die ganze Rüstung
zum Merkmale für den Heimweg auf einige Rohrbüschel; dann gingen sie vorwärts
und stießen endlich auf die harmlos schlafenden Thrakier. Bei jedem stand ein
Doppelgespann von stampfenden Rossen; die Rüstungen lagen in schöner Ordnung
und in dreifachen Reihen blinkend auf dem Boden. In der Mitte schlief Rhesos,
und seine Rosse standen am hintersten Wagenringe, mit Riemen angebunden. »Hier
sind unsre Leute«, sprach Odysseus ins Ohr des Tydiden; »jetzt gilt es Tätigkeit,
löse du die Rosse ab, oder besser, töte du die Männer und laß mir die Rosse.«
Diomedes antwortete ihm nicht, sondern wie ein Löwe unter Ziegen oder Schafe
fährt, hieb er wild um sich her, daß sich ein Röcheln unter seinem Schwert erhub
und der Boden rot von Blute ward. Bald hatte er zwölf Thrakier gemordet; der
kluge Odysseus aber zog jeden Getöteten, am Fuß ihn ergreifend, zurück, um den
Rossen eine Bahn zu machen. Nun hieb Diomedes auch den dreizehnten nieder: und
dies war der König Rhesos, der eben in einem schweren Traume stöhnte, den ihm
die Götter gesendet hatten. Inzwischen hatte Odysseus die Rosse vom Wagen abgelöst,
mit Riemen verbunden und, indem er sich seines Bogens anstatt der Geißel bediente,
sie aus dem Haufen hinweggetrieben. Dann gab er seinem Genossen ein Zeichen
durch leises Pfeifen: dieser besann sich, ob er den köstlichen Wagen an der
Deichsel wegziehen oder auf den Schultern hinaustragen sollte; da nahte ihm
warnend Pallas, die Göttin, und trieb ihn zur Flucht. Eilend bestieg Diomedes
das eine Roß, Odysseus trieb, nebenher laufend, beide mit dem Bogen an, und
nun flogen sie dem Schiffslager wieder zu.

Der Schutzgott der Trojaner, Apollo, hatte bemerkt, wie sich Athene zu Diomedes
gesellte. Dies verdroß ihn; er machte sich ins Getümmel des trojanischen Heeres


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