Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


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dargebracht, verließen sie mit den Herolden das Zelt des Achill, bei dem nur
Phönix zurückblieb.

Dolon und Rhesos

Als Odysseus die unwillkommene Botschaft aus dem Zelte des Peliden mitbrachte,
verstummten Agamemnon und die Fürsten. Kein Schlaf legte sich die ganze Nacht
über auf die Augenlider der Atriden; in banger Angst erhoben sich beide noch
lang vor Tagesanbruch und teilten sich in ihr Geschäft. Menelaos ging, die Helden
Mann für Mann in den Zelten zu bearbeiten; Agamemnon aber wandelte nach der
Lagerhütte Nestors. Er fand den Greis noch im weichen Bette ruhend; Rüstung,
Schild, Helm, Gurt und zwei Lanzen lagen an der Seite des Lagers. Der Greis,
aus dem Schlaf erweckt, stützte sich auf den Ellbogen und rief dem Atriden zu:
»Wer bist du, der in finsterer Nacht, wo andere Sterbliche schlummern, so einsam
durch die Schiffe wandelt, als suchtest du einen Freund oder ein verlaufenes
Maultier? So rede doch, du Schweigender, was suchst du?« »Erkenne mich, Nestor«,
sprach jener leise, »ich bin Agamemnon, den Zeus in so unergründliches Leid
versenkt hat; kein Schlaf kommt in meine Augen; mein Herz klopft; meine Glieder
zittern aus Angst um die Danaer. Laß uns zu den Hütern hinabgehen, ob sie nicht
schlummern. Weiß doch keiner von uns, ob die Feinde nicht noch in der Nacht
einen Angriff machen werden!« Nestor zog eilig seinen wollenen Leibrock an,
warf den Purpurmantel um, ergriff die Lanze und durchwandelte mit dem Könige
die Schiffsgassen. Zuerst weckten sie Odysseus, der auf ihren Ruf sogleich den
Schild um die Schultern warf und ihnen folgte; dann nahte sich Nestor dem Zelt
und der Lagerstatt des Tydiden, berührte ihm den Fuß mit der Ferse und weckte
ihn scheltend. »Unmüßiger Greis«, antwortete der Held im halben Schlafe, »du
kannst doch nimmer von der Arbeit ruhen! Gäbe es nicht Jüngere genug, die das
Heer bei Nacht durchwandern und die Helden aus dem Schlafe wecken könnten? Aber
du bist unbändig, Alter!« »Du hast wohlziemend geredet«, erwiderte ihm Nestor,
»habe ich doch selbst Völker genug, dazu treffliche Söhne, die dies Amt verrichten
könnten. Aber die Bedrängnis der Achiver ist viel zu groß, als daß ich nicht
selbst tun sollte, was das Herz mir gebietet. Auf der Schwertspitze steht bei
ihnen Untergang und Leben; deswegen erhebe dich und hilf du selbst uns den Ajax
und Meges, den Sohn des Phyleus, wecken!« Diomedes warf sogleich sein Löwenfell
um die Schultern und holte die verlangten Helden. Nun musterten sie zusammen
die Schar der Hüter, aber keinen fanden sie schlafend: alle saßen munter und
wach in ihren Rüstungen da.

Allmählich waren jetzt alle Fürsten vom Schlaf aufgeweckt worden, und bald
saß die Ratsversammlung vollständig beisammen. Nestor aber begann das Gespräch:
»Wie wär es, ihr Freunde«, sagte er, »wenn jetzt ein Mann die Kühnheit hätte,
hinzugehen zu den Trojanern, ob er nicht etwa einen der Äußersten erhaschen
könnte oder ihren Rat erlauschen und erfahren, ob sie hier auf dem Schlachtfelde
zu bleiben gedenken oder mit dem Siege sich in ihre Stadt zurückzuziehen? Edle
Gaben sollten den kühnen Mann belohnen, der solches wagte!« Als Nestor ausgeredet,
stand Diomedes auf und erbot sich zu dem Wagnisse, falls ein Begleiter sich
zu ihm gesellen wollte. Da fanden sich viele bereit: die Ajax beide, Meriones,
Antilochos, Menelaos und Odysseus; und Diomedes sprach: »Wenn ihr mir anheimstellet,
den Genossen selbst zu wählen, wie sollte ich des Odysseus vergessen, der in
jeder Gefahr ein so entschlossenes Herz zeigt und den Pallas Athene liebt! Wenn
er mich begleitet, glaube ich, wir würden aus einem Flammenofen zurückkehren;
denn er weiß Rat wie keiner.« »Schilt und rühme mich nicht zu sehr«, antwortete
Odysseus, »du redest beides vor kundigen Männern! Aber gehen wir; denn die Sterne
sind schon weit vorgerückt, und wir haben nur noch ein Dritteil von der Nacht
übrig.«

Darauf hüllten sich beide in furchtbare Rüstung und machten sich unkenntlich;
Diomedes ließ Schwert und Schild bei den Schiffen und entlehnte das zweischneidige
Schwert des Helden Thrasymedes sowie dessen Sturmhaube und Stierhaut, ohne Federbusch
und Roßschweif. Dem Odysseus gab Meriones Bogen, Köcher und Schwert und einen
Helm von Leder und Filz mit Schweinshauern. So verließen sie das griechische
Lager und wandelten in der Nacht dahin. Da hörten sie einen Reiher von der rechten
Seite schreiend vorüberflattern, wurden des Glückszeichens froh, das ihnen Pallas
Athene sendete, und flehten zu ihr um Begünstigung ihres Unternehmens. So gingen
sie durch Waffen, Blut und Leichen im Dunkel dahin, an Mut zween wilden Löwen
gleich.

Während diese Auskundschaftung im griechischen Lager verabredet wurde, hatte
in der Versammlung seiner Trojaner Hektor denselben Vorschlag gemacht und aus
der griechischen Beute, die er hoffte, einen Wagen und zwei der edelsten Rosse
dem Manne versprochen, der es über sich nehmen würde, den Zustand des griechischen
Lagers zu erforschen. Nun befand sich unter dem trojanischen Volke der Sohn
des Eumedes, eines edlen Herolds, namens Dolon, ein an Geld und Erz wohlbegüterter
Mann von unansehnlicher Gestalt, aber ein gar hurtiger Läufer, neben fünf Schwestern
der einzige Sohn. Diesen reizte die Kühnheit seines Herzens, daß er gegen das


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