Gustav Schwab – Pandaros

admin am Okt 13th 2011


Gustav Schwab - Pandaros als PDF downloaden


Nach seinem Sohne sprach der greise König Priamos mit wohlmeinender Gesinnung:
»Laßt uns heute nichts Weiteres mehr beginnen, ihr Freunde! Verteilet den Nachtimbiß
unter das Heer, stellet die Wachen aus und überlasset euch, behutsam wie immer,
dem Schlafe. Am nächsten Morgen aber soll Idaios, unser Herold, zu den Schiffen
der Griechen gehen und denselben das friedsame Wort meines Sohnes Paris verkündigen,
zugleich sie erforschen, ob sie geneigt seien, uns Waffenruhe zu gewähren, bis
wir unsere Toten verbrannt haben. Können wir uns nicht vereinigen, so mag nachher
die Feldschlacht wieder beginnen.«

So geschah es. Am andern Morgen erschien Idaios als Herold vor den Griechen
und meldete das Anerbieten des Paris und den Vorschlag des Königes. Als die
Helden der Danaer solches hörten, blieben alle lange stumm. Endlich begann Diomedes:
»Laßt euch doch nicht einfallen, ihr Griechen, die Schätze anzunehmen; auch
nicht, wenn ihr Helena dazubekämet. Der Einfältigste wird ja wohl hieraus erkennen,
daß die Trojaner bereits mit dem Untergang bedroht sind!« Diesem Worte jauchzten
die Fürsten alle Beifall zu, und Agamemnon sprach jetzt zu dem Herolde: »Du
hast selbst den Bescheid der Griechen, was den Vorschlag des Paris betrifft,
vernommen; die Verbrennung der Toten aber soll euch keineswegs verweigert sein;
der Donnerer selbst soll diese unsere Zusage hören!« Mit diesen Worten hub er
den Zepter gen Himmel. Idaios kehrte nach Troja zurück und traf den Rat der
Trojaner wieder versammelt. Auf die willkommene Botschaft wurde es schnell in
der Stadt lebendig; die einen holten die Leichname, die andern Holz aus der
Waldung. Und ganz dasselbe geschah im Schiffslager der Griechen. Friedlich begegneten
im Strahl der Morgensonne Feinde den Feinden und suchten ihre Toten, einer an
der Seite des andern. Schwer war der Gegner vom Freunde zu erkennen, wie die
Leichname blutig und der Rüstungen beraubt dalagen. Unter heißen Tränen wuschen
die Trojaner den ihrigen, deren viel mehr waren, das Blut von den Gliedern,
aber alle laute Wehklage verbot Priamos. So huben sie sie verstummt auf die
Wagen und türmten unter großer Herzensbetrübnis die Scheiterhaufen auf. Dasselbe
taten die Griechen, gleichfalls mit traurigem Herzen; und als die Glut ausgelodert,
kehrten sie zu ihren Schiffen zurück. Der Tag war über dieser Arbeit zu Ende
gegangen, und das Abendmahl begann. Gerade zur rechten Zeit waren aus Lemnos
von Euneos, dem Sohne Iasons und Hypsipyles, Lastschiffe mit einer Ladung edlen
Weines angekommen, den der Gastfreund den verwandten Griechen zum Geschenke
sandte, viel tausend Krüge. Da ward ein lieblicher Festschmaus gerüstet, und
als die Griechen ihre Beute bei den Schiffen untergebracht, setzten sie sich
zum Mahle.

Auch die Trojaner wollten sich beim Schmause von der Schlacht erholen. Aber
Zeus ließ ihnen keine Ruhe und schreckte sie die ganze Nacht hindurch mit Donnerschlägen,
die sich von Zeit zu Zeit wiederholten und ihnen neues Unglück zu verkündigen
schienen. Entsetzen faßte sie, und sie wagten den Becher nicht an den Mund zu
führen, ohne dem zürnenden Göttervater ein Trankopfer auszugießen.

Sieg der Trojaner

Für den Augenblick jedoch hatte es Zeus anders in seinem Rate beschlossen.
»Höret mein Wort«, sprach er zu den versammelten Göttern und Göttinnen am andern
Morgen, »wer mir heute hingeht, den Trojanern oder den Griechen beizustehen,
den fasse ich und schleudere ihn in den Abgrund des Tartaros unter das Erdreich,
so tief hinab, als tief unter dem Himmel die Erde liegt; dann verschließe ich
die eiserne Pforte, welche die eherne Schwelle der Unterwelt verwahrt, und der
Missetäter kommt mir nicht mehr herauf. Und zweifelt ihr an meiner Allmacht,
so versucht es: befestiget eine goldene Kette am Himmel, hängt euch alle daran
und sehet zu, ob ihr mich auf den Erdboden herabzuziehen vermögend seid. Vielmehr
würde ich euch selbst mitsamt Erd und Meer emporziehen, die Kette an der Felsenkuppe
des Olymp festbinden und so das Weltall in der Schwebe tragen.« Die Götter demütigten
sich unter dieses zornige Wort; Zeus selbst bestieg seinen Donnerwagen und fuhr
nach dem Ida, wo er einen Hain und Altar hatte. Dort setzte er sich auf die
Höhe und überschaute mit freudigem Trotze die Stadt der Trojaner und das griechische
Schiffslager. An beiden Orten warfen sich die Männer in die Rüstung. Der Trojaner
waren zwar weniger, doch waren auch sie nach der Schlacht begierig, galt es
ja den Kampf für ihre Weiber und Kinder. Bald öffneten sich bei ihnen die Tore,
und ihr Kriegsheer stürzte, zu Fuß und zu Wagen, unter Getümmel heraus. Den
Morgen über wurde mit gleichem Glücke gekämpft, und auf beiden Seiten strömte
viel Blut auf den Boden. Als aber die Sonne hoch am Mittagshimmel stand, legte
Zeus zwei Todeslose in seine goldene Waage, faßte sie in der Mitte und wog in
der Luft. Da sank das Verhängnis der Griechen, daß ihr Gewicht sich bis zur
Erde niedersenkte und das der Trojaner zum Himmel emporstieg.

Mit einem Donnerschlage kündigte er die verwandelte Schickung dem Heere der
Griechen an, indem ein Blitzstrahl mitten unter dasselbe herabfuhr. Bei diesem
Anblicke durchschauderte ein ahnungsvoller Schrecken die Reihen der Griechen,
und die größten Helden fingen an zu wanken. Idomeneus, Agamemnon, die beiden
Ajax selbst hielten nicht mehr stand. Bald war nur noch der greise Nestor im


Tags: ,

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt