Gustav Schwab - Pandaros

admin am Mrz 29th 2008

Ajax näherte sich ihm, den ehernen siebenhäutigen Schild vortragend, den der
berühmte Künstler Tychios ihm einst gefertigt. Als er ganz nahe vor Hektor stand,
sprach er drohend: »Hektor, nun erkennst du, daß es im Danaervolk auch außer
dem löwenherzigen Peliden noch Helden gibt, und zwar ihrer genug. Wohlan denn,
beginne den blutigen Kampf!« Ihm antwortete Hektor: »Göttergleicher Sohn des
Telamon, versuche mich nicht wie ein schwaches Kind oder ein unkriegerisches
Weib. Sind mir doch die Männerschlachten wohlbekannt; ich weiß den Stierschild
rechts und links hinzuwenden, weiß den Tanz des schrecklichen Kriegsgotts zu
Fuße zu tanzen und die Rosse im Gewühl zu lenken! Wohlan, nicht mit heimlicher
List sende ich den Speer nach dir, tapferer Held, nein, öffentlich: laß sehen,
ob er dich treffe!« Mit diesen Worten entsandte er in hohem Schwung die Lanze,
und sie fuhr dem Ajax in den Schild, durchdrang sechs Schichten und ermattete
erst in der siebenten Haut. Jetzt flog die Lanze des Telamoniers durch die Luft:
diese durchschmetterte dem Hektor den ganzen Schild, durchschnitt seinen Leibrock
und würde ihm in die Weiche gedrungen sein, wenn nicht Hektor ihrem Fluge ausgebogen
wäre. Beide zogen die Speere aus den Waffen und rannten wie unverwüstliche Waldeber
aufs neue gegeneinander an. Hektor zielte, mit dem Speere stoßend, dem Ajax
auf die Mitte des Schilds; aber seine Lanzenspitze bog sich und durchbrach das
Erz nicht. Ajax hingegen durchbohrte mit dem Speere den Schild seines Gegners
und streifte ihm selbst den Hals, daß ihm schwarzes Blut entspritzte. Nun wich
Hektor wohl ein wenig rückwärts, seine nervige Rechte ergriff jedoch einen Feldstein
und traf damit die Schildbuckel des Feindes, daß das Erz erdröhnte. Ajax aber
hub einen noch viel größeren Stein vom Boden auf und sandte ihn mit solchem
Schwunge dem Hektor zu, daß er den Schild einwärts brach und den Gegner am Knie
verletzte, so daß derselbe rücklings hinsank; doch verlor er den Schild nicht
aus den Händen, und Apollo, der ihm unsichtbar zur Seite stand, richtete ihn
schnell vom Boden wieder auf. Beide wären jetzt mit dem Schwert aufeinander
losgegangen, um den Streit endlich zu entscheiden: da eilten die Herolde der
beiden Völker, Idaios, der Troer, Talthybios, der Grieche, herbei und streckten
die Stäbe zwischen die Kämpfenden. »Nicht weiter gekämpft, ihr Kinder«, rief
Idaios, »ihr seid ja beide tapfer, beide von Zeus geliebt; wir alle haben das
gesehen! Jetzt aber kommt die Nacht herbei, gehorchet der Nacht.« »Ermahne du
deinen eignen Volksgenossen!« entgegnete dem Herold Ajax, »er ist es ja, der
den Tapfersten der Griechen zum Kampfe hervorgerufen hat! Will er es so, so
mag ich dir gehorchen!«Und nun sprach Hektor selbst zu seinem Gegner: »Ajax,
ein Gott hat dir den gewaltigen Leib, die Kraft und die Speerkunde verliehen:
doch laß uns heute vom Entscheidungskampfe ausruhen; ein andermal wollen wir
ihn erneuern und so lange fechten, bis ein Gott einem von beiden Völkern Sieg
und Kriegsruhm verleiht! Nun laß uns aber auch noch einander rühmliche Gaben
schenken, damit es einst bei Trojanern und Griechen heiße: sehet, sie kämpften
miteinander den Kampf der Zwietracht, aber in Freundschaft sind sie voneinander
geschieden!« So sprach Hektor und reichte dem Gegner sein Schwert mit dem silbernen
Griff samt Scheide und zierlichem Wehrgehenk. Ajax aber löste seinen purpurnen
Gurt vom Leibe und bot ihn dem Hektor dar. Dann schieden beide voneinander.
Ajax zog sich in die Schar der Griechen zurück, Hektor ins Gewühl der Trojaner.
Diese waren froh, ihren Helden unverletzt aus den Händen des furchtbaren Ajax
zurückzuerhalten.

Waffenstillstand

Die Fürsten der Danaer versammelten sich jetzt in dem Gezelte ihres Oberfeldherrn
Agamemnon, wohin sie auch den seines Sieges sich hocherfreuenden Ajax jubelnd
geführt hatten. Hier wurde dem Zeus ein fünfjähriger fetter Stier geopfert und
beim Schmause der Sieger mit dem besten Rückenstücke geehrt. Als sie sich an
Speise und Trank gesättiget, eröffnete Nestor den Rat der Fürsten mit dem Vorschlage,
am andern Morgen den Krieg ruhen zu lassen und nach Abschluß eines Waffenstillstandes
die Leichname der gefallenen Danaer auf Wagen, mit Rindern und Maultieren bespannt,
abzuholen und abseits von den Schiffen zu verbrennen, damit, wenn sie wieder
zum Vaterlande heimzögen, ein jeder den Kindern seiner Verwandten den Staub
der Ihrigen mitbringen könnte. Die Könige riefen ihm ringsumher Beifall.

Auf der andern Seite kamen auch die Trojaner auf ihrer Burg, vor dem Palaste
des Königes, nicht ohne Schmerz und Verwirrung über den Ausgang des Zweikampfes,
zur Versammlung, und hier stand der weise Antenor auf und sprach: »Höret mein
Wort, ihr Trojaner und Bundesgenossen. Solange wir treulos gegen den heiligen
Vertrag, den Pandaros gebrochen hat, kämpfen, kann unserm Volke keine Wohlfahrt
blühen; deswegen berge ich meines Herzens Meinung und meinen Rat nicht, daß
wir die Argiverin Helena mitsamt ihren Schätzen den Atriden ausliefern sollten.«
Dagegen erhub sich Paris und erwiderte: »Wenn du im Ernste so geredet hast,
Antenor, so haben dir wahrhaftig die Götter deinen Verstand geraubt; ich aber
bekenne geradeheraus, daß ich das Weib nie wieder hergeben werde. Die Schätze,
die ich aus Argos mitgeführt, mögen sie meinethalben wiederhaben; und ich will
freiwillig von dem Meinigen noch hinzutun, was sie als Buße verlangen können!«

Seiten: 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39

Gerne gelesen werden auch:

Allgemein Erzählungen, Sagen Märchen Romane

Geschrieben in Erzählungen, Sagen | Kein Kommentar bis jetzt

Trackback URI | Comments RSS

Schreiben Sie einen Kommentar