Gustav Schwab – Pandaros
admin am Okt 13th 2011
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Drittes Buch
Pandaros
Auf dem Olymp war eine große Götterversammlung: Hebe wandelte an den Tischen
umher und schenkte Nektar ein. Die Götter tranken einander aus goldenen Pokalen
zu und schauten auf Troja nieder. Da ward von Zeus und Hera Trojas Untergang
beschlossen. Der Vater der Götter wandte sich zu seiner Tochter Athene und befahl
ihr, auf den Kampfplatz hinabzueilen und die Trojaner zu versuchen, daß sie
die auf ihren Sieg stolzen Griechen wider den Vertrag zu beleidigen anfingen.
Pallas Athene mischte sich sofort unter das Getümmel der Trojaner, nachdem sie
die Gestalt des Laodokos, der ein Sohn Antenors war, angenommen. In dieser Verhüllung
suchte sie den Sohn Lykaons, den trotzigen Pandaros, auf, der ihr zu dem Werke
geschickt schien, das ihr der Vater aufgetragen. Dieser war ein Verbündeter
der Trojaner und aus Lykien mit seiner Heerschar hergekommen. Die Göttin fand
ihn bald, in der Mitte der Seinigen stehend. Sie trat nahe zu ihm, klopfte ihm
auf die Schulter und sprach: »Höre, kluger Pandaros, jetzt könntest du etwas
tun, wodurch du bei allen Trojanern dir Preis und Dank verdientest, vor allem
von Paris, der dir gewiß mit den herrlichsten Geschenken lohnen würde. Siehst
du dort Menelaos, den hochmütigen Sieger stehen? Wage es und drücke deinen Pfeil
auf ihn ab.«
So sprach die verhüllte Göttin, und das Herz des Toren gehorchte ihr. Schnell
entblößte er den Bogen, öffnete den Deckel des Köchers, wählte einen befiederten
Pfeil, legte ihn auf die Sehne, und bald sprang das Geschoß vom schwirrenden
Horn. Athene aber lenkte den Pfeil auf den Leibgurt, so daß er zwar durch diesen
und den Harnisch drang, aber nur die oberste Haut ritzte, jedoch so, daß das
Blut aus der Wunde rann und den Menelaos ein leichter Schauer durchflog. Wehklagend
umringten ihn Agamemnon und die Genossen. »Teurer Bruder«, rief der König, »dir
zum Tode hab ich das Bündnis geschlossen; die treulosen Feinde haben es mit
Füßen getreten. Zwar werden sie es büßen, und ich weiß gewiß, daß der Tag kommt,
wo Troja mit Priamos und dem ganzen Volke hinsinkt; mich aber erfüllt dein Tod
mit dem bittersten Schmerz. Wenn ich ohne dich heimkehre und deine Gebeine auf
trojanischem Boden am unvollendeten Werk dahinmodern, mit welcher Schmach würde
mich das Vaterland empfangen; denn einem andern, nicht mir ohne dich, ist beschieden,
Troja zu erobern und Helena fortzuführen. Und auf dein Grab springend, wird
der Trojaner Hohnreden führen über dich, Hohnreden über mich. Spaltete sich
doch die Erde, mich zu verschlingen!« Aber Menelaos tröstete seinen Bruder.
»Sei ruhig«, sprach er, »das Geschoß hat mich nicht zum Tode verwundet; mein
Leibgurt hat mich geschützt.« »O daß dem so wäre«, seufzte Agamemnon und beschickte
durch seinen Herold eilig den heilkundigen Machaon. Dieser kam, zog den Pfeil
aus dem Gurt, löste diesen, öffnete den Harnisch und beschaute die Wunde; dann
sog er selbst das quellende Blut heraus und legte ihm eine lindernde Salbe auf.
Während der Arzt und die Helden so um den verwundeten Menelaos beschäftigt
waren, rückten die Schlachtreihen der Trojaner schon heran; auch die Griechen
hüllten sich wieder in ihre Wehren, und Agamemnon übergab dem Eurymedon Rosse
und Wagen mit der Weisung, sie ihm zu bringen, wenn er ihn vom Durcheilen der
Schlachtordnung ermattet sehe. Dann flog er zu Fuß unter die Scharen der Streiter
und ermunterte sie zur Abwehr, die Mutigen belebend, die Saumseligen tadelnd.
So gelangte er auf seinem Gange zu den Kretern, die gewappnet ihren Heerführer
Idomeneus umringten. Dieser stand an ihrer Spitze, kampflustig wie ein Eber.
Die hinteren Reihen munterte sein Freund Meriones auf. Als Agamemnon die Scharen
sah, wurde sein Herz fröhlich. »Du bist mir doch der Besten einer, Idomeneus«,
rief er ihnen zu, »bei jedem Geschäfte, im Kriege wie beim Mahle, wenn man den
funkelnden Ehrenwein in den mächtigen Krügen mischt: Wenn da die andern ihr
bescheidenes Maß trinken, so steht dein Becher immer voll wie der meinige. Jetzt
aber stürme mit mir in die Schlacht, wie du dich so oft gegen mich gerühmt.«
»Wohl bleibe ich dein treuer Genosse, König«, erwiderte jener, »geh nur andere
anzuspornen, bei mir bedarf es dessen nicht. Möge Tod und Verderben die bundbrüchigen
Trojaner treffen!«
Jetzt erreichte Agamemnon die beiden Ajax, hinter denen ein ganzes Gewühl von
Fußvolk einherzog. »Wenn doch«, rief ihnen der König im Vorübereilen zu, »ein
Mut wie der eurige den Busen aller Danaer beseelte, dann sollte die Burg des
Priamos bald unter unsern Händen in Trümmer fallen.« Nun traf er weiterschreitend
auf Nestor. Dieser ordnete gerade seinen Heerhaufen: voran die Helden mit Roß
und Wagen, viele und tapfere Männer zu Fuße hinten, die Feigen in die Mitte
gedrängt. Dazu ermahnte er sie mit weisen Worten: »Wage sich mir keiner mit
seinem Streitwagen zu weit vor, weiche mir auch keiner zurück; stößt Wagen auf
Wagen, so strecket die Lanze vor.« Wie ihn Agamemnon die Seinigen so ermahnen
hörte, rief er ihm zu: »O Greis, möchten dir die Knie folgen und deine Leibeskraft
ausreichen, wie dir der Mut noch den Busen füllt. Könnte doch ein anderer dir
die Last des Alters abnehmen, daß du zum Jüngling umgeschaffen würdest!« »Wohl
möchte ich jetzt der sein, der ich einst war«, antwortete ihm Nestor, »doch
haben die Götter den Menschen nicht alles zugleich verliehen. Mögen die jüngeren
Speere werfen; ich begleite meine Männer mit Worten und weisem Rate, den auch
das Alter geben kann.« Freudig ging Agamemnon an ihm vorüber und stieß jetzt
auf Menestheus, den Sohn des Peteos, um den die Athener geschart waren und neben
welchem die Kephallenier in dichten Schlachtreihen unter Odysseus standen. Beider
Haufen ruhten in Erwartung und wollten andere Züge voranstürmen lassen. Dies
verdroß den Völkerfürsten, und er sprach mürrisch zu ihnen: »Was schmieget ihr
euch so zusammen, ihr beiden, auf andere harrend? Wenn wir Braten schmausen
und Wein trinken, seid ihr immer die ersten; nun aber würdet ihr es nicht ungerne
Tags: Sagen, Schwab
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