Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
welche die Inseln Ithaka und Same trennt, lag ein Felseneiland voll schroffer
Klippen. Auf dieses steuerten sie los und legten sich dort in einen lauernden
Hinterhalt.
Odysseus scheidet von Kalypso und scheitert im Sturm
Zeus’ Bote, Hermes, schwang sich aus dem Äther ins Meer, eilte wie eine Möwe
durch die Wogen und kam, wie in der Götterversammlung beschlossen worden war,
auf Ogygia, der Insel Kalypsos, an. Auch fand er die schöngelockte Nymphe wirklich
zu Hause. Auf dem Herd brannte eine lodernde Flamme, und der Dunst des gespaltenen,
brennenden Zedernholzes wallte würzig über das Eiland hin. Kalypso aber sang
mit klangreicher Stimme in der Kammer und wirkte dazu mit goldener Spule ein
herrliches Gewebe. Die Grotte, in welcher ihre Gemächer waren, beschattete ein
grünender Hain mit Erlen, Pappeln und Zypressen, in welchen bunte Vögel nisteten,
Habichte, Eulen und Krähen. Auch ein Weinstock breitete sich über das Felsengewölbe
aus, voll reifender Trauben, die aus dichtem Laube hervorblickten. Vier Quellen
entsprangen in der Nähe und schlängelten sich nachbarlich dahin und dorthin;
von ihnen bewässert, grünten schwellende Wiesen, mit Veilchen, Eppich und andern
Kräutern und Blumen durchsäet.
Der Götterbote bewunderte die herrliche Lage der Nymphenwohnung; dann wandelte
er in die geräumige Kluft. Kalypso erblickte den Nahenden und erkannte ihn auch
alsbald; denn so ferne sie auch voneinander wohnen mögen, so sind sich doch
die ewigen Götter von Gestalt nicht unbekannt. Den Odysseus fand jedoch Hermes
nicht zu Hause. Er saß, wie er gewohnt war, jammernd am Gestade und schaute
mit Tränen in den Augen auf das öde Meer sehnsüchtig hinaus.
Als Kalypso die Botschaft des Gottes vernahm, den sie voll Herzlichkeit empfangen
hatte, stutzte sie und sprach endlich: »O ihr grausamen, eifersüchtigen Götter!
Duldet ihr’s denn gar nicht, daß eine Unsterbliche sich einen Sterblichen zum
lieben Gemahl erkiese? Verarget ihr mir den Umgang mit dem Manne, den ich vom
Tode gerettet habe, als er, an den geborstenen Kiel seines Schiffes sich schmiegend,
an meine Küste geschleudert ward? Alle seine tapfern Freunde waren in den Abgrund
versunken; sein Schiff hatte der Blitz getroffen; einsam schwamm er auf den
Trümmern einher. Ich empfing den armen Schiffbrüchigen freundlich, stärkte ihn
mit Nahrung, ja ich verhieß ihm zuletzt, ihm Unsterblichkeit und ewige Jugend
zu verleihen. Aber weil gegen Zeus’ Rat keine Ausflucht etwas vermag - so mag
er denn wieder hinausfahren auf das unendliche Meer. Nur mutet mir nicht zu,
daß ich ihn selbst fortschicke; fehlt es doch meinen Schiffen an Bemannung und
an Rudergeräten! Doch soll es ihm an meinem guten Rate nicht fehlen, daß er
ganz unversehrt das Ufer seines Heimatlandes erreiche.«
Hermes war mit dieser Antwort wohl zufrieden und enteilte wieder zum Olymp.
Kalypso ging selbst an den Meeresstrand, wo der trauernde Odysseus saß, trat
nahe zu ihm hinan und sprach: »Armer Freund, dein Leben darf dir nicht fürder
in Schwermut dahinschwinden. Ich entlasse dich. Auf, mächtige Balken gehauen,
mit Erz zum Floß gefügt und mit hohen Brettern umsäumt! Allerlei Labsal, Wasser,
Wein und Speise lege ich dir selbst hinein, versehe dich mit Gewanden und sende
günstigen Wind vom Lande; mögen dich die Götter glücklich in die Heimat geleiten!«
Mißtrauisch blickte Odysseus die Göttin an und sprach: »Gewiß, du sinnest auf
etwas ganz anderes, schöne Nymphe! Nimmermehr besteige ich ein Floß, wenn du
mir nicht den großen Göttereid schwörest, daß du mir nicht irgendein Übel zum
Schaden ausgedacht hast!« Aber Kalypso lächelte, und sanft mit der Hand ihn
streichelnd, antwortete sie: Ȁngstige dich nicht mit solchen eiteln Gedanken!
Die Erde, der Himmel und der Styx seien meine Zeugen, daß ich nichts Böses mit
dir vorhabe. Ich rate dir das, was ich mir selbst in der Not ausdenken würde.«
Mit diesen Worten ging sie voran, Odysseus folgte, und in der Grotte nahm sie
noch den zärtlichsten Abschied von ihm.
Bald war das Floß gezimmert, und am fünften Tage schwoll das Segel des Odysseus
im Winde. Er selbst saß am Ruder und steuerte kunsterfahren durch die Flut.
Kein Schlaf kam ihm über die Augen, beständig blickte er nach den Himmelsgestirnen
und richtete sich nach den Zeichen, die ihm Kalypso beim Scheiden angegeben
hatte. So fuhr er siebzehn Tage durch das Meer. Am achtzehnten erschienen ihm
endlich die dunklen Gebirge des phäakischen Landes, das sich ihm entgegenstreckte
und trübe dalag wie ein Schild im dunkeln Meere. Jetzt aber ward ihn Poseidon
gewahr, der eben von den Äthiopen heimkehrte und über die Berge der Solymer
hinschritt. Er hatte der letzten Ratsversammlung der Götter nicht beigewohnt
und merkte, daß diese seine Entfernung benutzt hatten, den Odysseus aus der
Schlinge zu ziehen. ›Nun‹, sprach er bei sich selbst, ›er soll mir doch noch
Jammers genug erfahren!‹ Und jetzt versammelte er die Wolken, regte das Meer
mit dem Dreizack auf und rief die Orkane zum Kampfe miteinander herbei, so daß
Meer und Erde ganz in Dunkel gehüllt wurden. Alle Winde pfiffen um das Floß
des Odysseus her, daß diesem Herz und Knie zitterten und er zu jammern anfing,
daß er den Tod nicht von den Speeren der Trojaner gefunden. Als er noch so seufzte,
rauschte eine Welle von oben herab, und das Floß geriet in einen Wirbel: er
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