Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
messen können; habe ich ihn doch auch nach vielen Leiden und Irrfahrten eingetan
und brauchte acht Jahre, bis ich wohlbehalten in der Heimat wieder ankam. Auf
Zypern, in Phönizien, in Ägypten, Äthiopien, Libyen bin ich gewesen. Das ist
ein Land, ihr Freunde! Dort kommen die Lämmer gleich mit Hörnern auf die Welt;
die Schafe werfen dreimal des Jahres, und nie fehlt es dem Herrn und dem Hirten
an Fleisch, Milch und Käse! Während ich mir in diesen Landen viel kostbare Habe
sammelte, hat mir zu Mykene ein anderer den Bruder erschlagen, ein Meuchelmörder,
durch die List seines treulosen Weibes - so daß ich bei all meinem Besitze doch
nicht recht fröhlich herrschen kann! Doch das habt ihr wohl alles schon von
euren Vätern vernommen, wer sie auch sein mögen!
Aber gern wär ich mit dem Drittel meines Gutes zufrieden, wenn nur die Männer
noch lebten, die vor Troja gefallen sind. Und doch - keinen von ihnen betraure
ich so innig als einen, der mir Schlaf und Speise verleidet, wenn ich sein gedenke!
Denn so viel erduldete doch kein anderer Grieche als Odysseus! Und nun weiß
ich nicht einmal, ob er lebt oder tot ist! Vielleicht trauern um ihn längst
sein alter Vater Laërtes und seine züchtige Gemahlin Penelope und sein junger
Sohn Telemach, der noch ein Säugling war, als er ihn verließ.«
So sprach Menelaos, und ohne es zu wollen, machte er dem Telemach das Herz
so weichmütig, daß ihm die Tränen von den Wimpern herabrollten und er den Purpurmantel
mit beiden Händen fest vor die Augen drücken mußte. Dem Könige Spartas blieb
dies nicht verborgen, und er erkannte in dem Jüngling alsbald den Sohn des Odysseus.
Indessen wandelte auch die Fürstin Helena aus ihrem duftenden Frauengemach
hervor, einer Göttin an Schönheit gleich; sie umringten anmutige Dienerinnen:
die eine stellte ihr den Sessel hin; eine andere breitete den wollenen Teppich
unter; die dritte brachte ihr einen silbernen Korb, das Gastgeschenk der Königin
von Theben in Ägypten; er war mit gesponnenem Garne gefüllt, und die volle Spindel
lag darüber. So setzte sich die Königin auf den Sessel, stellte die Füße auf
den Schemel und begann ihren Gemahl neugierig nach dem Geschlechte der neuangekommenen
Männer zu fragen: »Sah ich doch auf der Welt noch keinen Menschen, der dem hochgesinnten
Odysseus so ähnlich wäre wie der eine der Jünglinge hier!« So sprach sie leise
zu ihrem Gemahl, und dieser antwortete ihr: »Auch mir, o Frau, kommt es so vor.
Füße, Hände, Blick der Augen, Haupt- und Scheitelhaare, alles ist dasselbe an
beiden! Auch tropften dem Jüngling bittere Zähren von den Wimpern, als ich vorhin
unserer Not und des Odysseus gedachte.«
Peisistratos, Telemachs Begleiter, vernahm diese Reden und sagte laut: »Du
redest recht, König Menelaos, dieser ist des Odysseus Sohn, Telemach; er aber
ist zu bescheiden, dreist mit dir zu sprechen. Ihn hat mit mir Nestor, mein
Vater, gesandt, denn er hofft von dir Nachricht von seinem Vater zu erhalten.«
»Ihr Götter«, rief nun Menelaos aus, »so ist wirklich der Sohn des geliebtesten
Mannes mein Gast, des Mannes, dem ich selbst so gerne alle Liebe erwiesen hätte,
wenn er auf der Heimkehr in meinem Hause einspräche!«
Als nun der König fortfuhr, so sehnlich von seinem alten Freunde zu reden,
da mußten alle weinen, Helena und Telemach und Menelaos selbst, und auch Nestors
Sohn weinte, denn er mußte an seinen Bruder Antilochos denken, der vor Troja,
seinen Vater rettend, gefallen war.
Endlich bedachten sie, daß es fruchtlos und nicht heilsam sei, dem Gram beim
Abendschmause nachzuhängen, und wollten, nachdem die Diener ihnen mit Wasser
die Hände besprengt, alle zur Nachtruhe aufbrechen. Helena aber, die als Zeus’
Tochter in allerlei Wunderkünsten erfahren war, warf noch vorher schnell in
den letzten Becher Weins, den sie tranken, ein Mittel, das allen Kummer und
die Erinnerung an alle Leiden aus der Seele vertilgte. Wenn ein Mensch von dieser
Mischung trank, so benetzte ihm den ganzen Tag über keine Träne die Wangen,
und wären ihm Vater und Mutter gestorben, wären ihm Sohn oder Bruder vor seinen
Augen vom Schwert des Feindes durchbohrt worden. Da wurden sie alle fröhlich
und sprachen noch lange in die Nacht hinein. Endlich wurde den Gästen ihr Bett
von prächtigen Purpurpolstern und Teppichen unter der Halle bereitet; Menelaos
und Helena aber begaben sich in das Innere des Palastes.
Am andern Morgen fragte der Fürst seine Gastfreunde über die Absicht ihrer
Reise weiter aus und vernahm, wie es zu Ithaka, im Hause seines Freundes Odysseus,
stehe. Als er hörte, wie sich die Freier dort gebärdeten, rief er entrüstet
aus: »Ha, die Elenden, die im Lager des gewaltigen Mannes zu ruhen gedenken!
Wie der Löwe zurückkommt, dem eine Hindin ihre Jungen ins Nest gelegt hat, während
er im grünen Tale weidet, wird Odysseus kommen und ihnen ein Ende voll Entsetzen
bereiten! Wisse, was mir in Ägypten der Meeresgreis Proteus geweissagt hat,
als er, in mancherlei Gestalten verwandelt, endlich von mir gebunden und gezwungen
ward, die Schicksale der heimkehrenden Griechenhelden mir kundzutun. ›Den Odysseus‹,
sprach der Gott, ›sah ich im Geist auf einer einsamen Insel Tränen der Sehnsucht
vergießen. Dort hält ihn die Nymphe Kalypso mit Gewalt zurück, und ihm gebricht’s
an Schiffen und Ruderern, um in die Heimat zurückzukehren.‹ Nun weißt du alles,
lieber Jüngling, was ich dir über deinen Vater zu berichten vermag. Bleib nun
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