Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

hat!« Dann richtete der Greis ein frommes Gebet an die Göttin, gelobte, ihr
ein jähriges Rind am andern Morgen zu opfern, und führte mit Söhnen und Eidamen
seinen Gast zur Nachtruhe nach Pylos in den Königspalast. Hier wurde noch einmal
ein Trankopfer dargebracht und ein Umtrunk getan. Alsdann begab sich ein jeder
zur Ruhe. Telemach erhielt seine Lagerstatt in einem zierlichen Bettgestelle
unter der hohen Halle des Hauses, und neben ihm legte sich der tapfere Peisistratos,
Nestors Sohn, zur Ruhe.

Kaum schimmerte die Morgenröte in den Palast, so erhob sich der rüstige Greis
Nestor vom Lager, trat vor die Schwelle und setzte sich auf die schönen weißen
Marmorquadern nieder, die als Ruhesitze an den Flügeltoren des Palastes angebracht
waren und wo schon vor alters sein Vater Neleus oft gesessen. Um ihn versammelten
sich seine sechs Söhne, und der letzte, Peisistratos, brachte auch den Gast
aus Ithaka mit, der den König Nestor begrüßte, dann aber die Versammlung wieder
verließ. Nun wurde die Kuh herbeigeholt, die Nestor als Opfer der Athene gelobt
hatte; der Goldschmied Laërkes wurde gerufen, der die Hörner des Rinds vergolden
mußte; die Mägde im Palast rüsteten ein Festmahl, setzten Stühle, brachten Holz
und frisches Wasser herbei. Vom Schiffe herauf kamen Telemachs Freunde. Die
Söhne Nestors führten die Kuh an den vergoldeten Hörnern herzu, ein anderer
trug Wasserbecken und Opfergerste herbei, der vierte brachte die Axt, das Opfer
zu schlachten, ein fünfter hielt die Schale hin, um das Blut des Tieres aufzufangen.
Als das Opfertier den Streich mit der Axt erhalten hatte, schlachtete es unter
dem Flehen der Gemahlin und der Töchter Nestors der sechste Sohn Peisistratos.
Die besten Stücke wurden der Göttin verbrannt und dunkler Wein daraufgeschüttet;
das übrige ward an Spieße gesteckt und gebraten.

Telemach war bei dem Opfer nicht zugegen gewesen; er hatte sich entfernt, um
sich von der Reise im warmen Bade zu erholen, und trat jetzt in den schönen
Leibrock gekleidet und in einen prächtigen Mantel gehüllt unter die Versammelten
wieder ein. Nun setzte man sich zum Schmaus und Becher, und nach dem fröhlichen
Mahle schirrte man die schönsten Rosse vor den Wagen, der den jungen Gastfreund
nach Sparta bringen sollte. Die Schaffnerin legte Brot, Wein und andere Speisen
hinein, und Telemach bestieg den Wagensitz. Neben ihm setzte sich Peisistratos
in den Sessel, faßte die Zügel und schwang treibend die Geißel. Die Rosse flogen
dahin; bald lag die Stadt Pylos hinter ihnen, und den ganzen Tag ging es im
Fluge fort, ohne daß die Tiere zu ruhen begehrten.

Als die Sonne sich zum Untergang neigte und die Pfade schattiger wurden, kamen
sie nach der Stadt Pherai, wo ein edler Griechenheld, namens Diokles, der Sohn
des Orsilochos, hauste. Dieser nahm die reisenden Fürstensöhne gastlich auf,
und sie ruheten in seiner Burg die Nacht über. Am andern Morgen fuhren sie weiter
durch üppiges Weizenfeld, und endlich mit dem Abendschatten kamen sie zu der
großen, zwischen Bergen gelegenen Stadt Lakedaimon oder Sparta.
Telemach zu Sparta

Freunde und Nachbarn umgaben den Fürsten Menelaos zu Sparta im Palaste beim
fröhlichen Schmause; ein Sänger rührte die Harfe im dichten Gedränge; zwei Gaukler
machten lustige Sprünge im Kreise; der Beherrscher des Landes feierte das doppelte
Verlobungsfest zweier Kinder, der lieblichen Hermione, Helenas Tochter, die
damals dem mutigen Sohne des Achill, Neoptolemos, als Braut entgegengesandt
werden sollte, und eines Sohnes von einem Nebenweibe, Megapenthes, den er einer
edeln Spartanerin verlobte. Unter diesem Getümmel hielten am Tore der Königsburg
Telemach und Peisistratos mit ihrem Wagen, und ein Krieger des Menelaos, der
sie zuerst erblickte, meldete dem Fürsten die Ankunft der Fremden und fragte
an, ob die Rosse abgespannt oder die Fremden, wegen der festlichen Feier im
Hause, einer Herberge zur Bewirtung zugewiesen werden sollten. »Ei, Held Eteoneus«,
antwortete ihm Menelaos ärgerlich, »du warst doch sonst nie ein Tor, heute aber
redest du wie ein Kind! Wie viele Gastfreundschaft habe ich selbst bei andern
Menschen genossen; und ich sollte um irgendeiner Ursache willen Fremdlinge von
meinem Herd abweisen? Hurtig die Rosse abgespannt und die Männer zum Gastmahl
hereingeführt!« Der Krieger verließ eilends mit vielen Dienern den Saal, und
die schäumenden Rosse wurden vom Wagenjoch abgelöst und vor reichlichen Haber
an die Krippe im Stalle gestellt; auch der Wagen wurde eingetan. Die Gäste führte
man in den herrlichen Palast und wusch ihnen den Staub des Weges durch ein erquickendes
Bad vom Leibe. Dann wurden sie dem Könige Menelaos zugeführt und nahmen an seiner
Seite beim köstlichen Mahle Platz. Staunend betrachtete sich Telemach die Pracht
des Palastes und der Bewirtung und flüsterte seinem Freunde ins Ohr: »Sieh nur,
Peisistratos, das Erz, das rings in dem gewölbten Saale glänzt, das Gold und
Silber, das schimmernde Elfenbein! Welch unendlicher Schatz! Zeus’ Palast auf
dem Olymp kann nicht herrlicher sein! Mich erfüllt dieser Anblick mit Staunen!«
Telemach hatte nicht so leise gesprochen, daß Menelaos nicht die letzten Worte
vernommen hätte. »Lieben Söhne«, sagte er daher lächelnd, »mit Zeus wetteifere
kein Sterblicher! Sein Palast ist unvergänglich und all sein Besitz! Aber das
ist wahr: unter den Menschen wird sich nicht leicht einer mit mir im Reichtum

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