Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
Geschwind schöpf und fülle mir zwölf Henkelkrüge mit Wein und spünde sie wohl
mit Deckeln, schütte mir auch zwanzig Maße feingemahlenen Mehls in Schläuche
und rüste alles zusammen auf einen Haufen. Denn vor Nacht noch, wenn die Mutter
schon im Schlafgemach ist, komme ich und hole alles ab. Erst nach zwölf Tagen,
oder wenn sie mich selbst vermißt, darfst du ihr sagen, daß ich fort bin, den
Vater zu suchen!« Weinend schwur ihm dieses die gute Schaffnerin zu und tat,
wie er befohlen. Indessen hatte Athene selbst Telemachs Gestalt angenommen,
Genossen für die Reise geworben und von einem reichen Bürger, Noëmon, ein Schiff
zur Reise geborgt. Dann betäubte sie den Sinn der Freier, daß ihnen die Becher
aus den Händen fielen und ein tiefer Schlummer, wie Berauschten zu geschehen
pflegt, sich ihrer bemächtigte. Endlich nahm sie Mentors Gestalt wieder an,
gesellte sich zu Telemach und ermunterte ihn, die Fahrt nicht länger zu verschieben.
Bald standen beide am Meere, fanden dort die Genossen, ließen die Zehrung zu
Schiffe bringen und bestiegen das Fahrzeug. Als die Woge schon um den Kiel schlug
und der Wind die Segel schwellte, brachten sie den Göttern ein Trankopfer dar
und fuhren bei günstiger Luft die ganze Nacht pfeilschnell dahin.
Mit Sonnenaufgang lag Nestors Stadt Pylos vor den Augen der Schiffenden. Dort
brachte gerade das Volk, in neun Rotten geschart, dem Meeresgotte neun schwarze
Stiere zum Opfer dar, verbrannte sie dem Gott und schmauste von den Überbleibseln.
Da landeten die Männer aus Ithaka, und Telemach, von Athene als Mentor geführt
und zu keckem Gruße aufgemuntert, eilte unter die Versammlung des pylischen
Volkes. Hier saß Nestor mit seinen Söhnen; Freunde rüsteten das Mahl, Diener
steckten das Fleisch an Spieße und brieten es. Als nun die Pylier Fremdlinge
ans Ufer steigen und herannahen sahen, eilten sie ihnen sogleich in dichten
Haufen entgegen, boten ihnen die Hände zum Gruß und nötigten den Telemach und
seinen Führer zu sitzen. Insbesondere ergriff sie Peisistratos, der Sohn Nestors,
beide bei der Hand, ermunterte sie freundlich, am Gastmahl teilzunehmen, und
wies ihnen am Ufersande des Meeres auf dickwolligen Vliesen zwischen seinem
Vater Nestor und seinem Bruder Thrasymedes den Ehrensitz an. Dann legte er ihnen
von dem besten Fleische vor, füllte zwei goldene Becher mit Wein, trank ihnen
unter Handschlag zu und sprach zu der verstellten Athene: »Bring dem Poseidon
das Trankopfer mit Gebet, o Fremdling, und laß auch deinen jüngeren Freund also
tun! Bedürfen doch alle Sterblichen der Götter!« Athene nahm den Becher, flehte
vom Meeresgotte Segen auf Nestor, seine Söhne und alle Pylier herab und bat
um Vollendung dessen, weswegen Telemach zu Meere dahergekommen. Dann schüttete
sie von dem Trank zu Boden und hieß ihren jungen Begleiter ein Gleiches zu tun.
Darauf wandte man sich zu Trank und Speise, und als Hunger und Durst gestillt
waren, begann der greise Nestor das freundliche Gespräch und forschte nach dem
Geschlecht und der Absicht der Fremden. Telemach beantwortete ihm beides, und
als er auf seinen Vater Odysseus zu reden gekommen war, sprach er mit Seufzen:
»Vergebens suchten wir bisher sein Schicksal zu erkunden. Wir wissen nicht,
kam er auf dem Festlande von Feinden um, oder hat ihn die Brandung des Meeres
verschlungen. Darum flehe ich dich, mir seinen traurigen Tod zu verkündigen,
magst du nun Augenzeuge gewesen sein oder ihn nur von einem Wanderer vernommen
haben. Schone mich nicht aus Mitleid, sondern erzähle mir nur alles getreulich!«
»Lieber Jüngling«, antwortete Nestor, »weil du jener Zeit der Trübsal gedenkst,
so höre alles, wie es ergangen.« Der Alte holte dann nach Greisensitte weit
aus, meldete von dem Tode der größten Helden noch unter Ilions Mauern selbst,
von dem Hader der beiden Atriden, endlich von seiner eigenen Rückfahrt; aber
von Odysseus wußte er so wenig als der fragende Telemach selbst. Dagegen erzählte
er ihm weitläufig den Tod des Agamemnon zu Mykene und die Rache des Orestes.
Endlich riet er ihm, nach Sparta zum Fürsten Menelaos zu gehen, der erst neulich
von fern entlegenen Menschen, an deren Küste ihn der Sturm geschleudert, zurückgekehrt
sei. Da dieser am längsten unter allen Griechenhelden auf der Fahrt gewesen,
sei es auch am ehesten glaublich, daß er irgendwo etwas von dem Geschicke des
Odysseus vernommen.
Athene billigte als Mentor den Vorschlag und erwiderte hierauf: »Der Abend
ist unter unsern Gesprächen eingebrochen; erlaube jetzt, o lieber Greis, meinem
jungen Freunde, dich in deinen Palast zu begleiten und dort zu ruhen. Ich selbst
will nach unsrem Schiffe sehen und meine Genossen ermuntern, alles Nötige anzuordnen.
Dann will ich mein Nachtlager auch daselbst nehmen. Am andern Morgen fahre ich
zum Volk der Kaukonen, wo ich eine Schuld einzufordern habe. Meinen Freund Telemach
aber sende du selbst« - Nestor hatte dies so angeboten - »mit deinem Sohne auf
einem wohlgezimmerten Wagen, mit deinen leichtfüßigsten Rossen bespannt, nach
Sparta.« So sprach Athene, und siehe da, plötzlich verwandelte sie sich in einen
Adler und flog empor zum Himmel. Alle sahen ihr staunend nach, Nestor ergriff
den Jüngling Telemach bei der Hand und sprach: »Du darfst nicht verzagen und
nicht trostlos werden, mein Lieber, da schon in deiner Jugend beschirmende Götter
dich begleiten! Denn kein anderer war dein Genosse als Zeus’ Tochter, Athene,
die auch deinen tapfren Vater vor allen andern Argivern immer besonders geehrt
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