Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
sich aber der Südwind und versetzte mich in neue Angst; denn nun war ich in
Gefahr, der Skylla und Charybdis wieder zugetrieben zu werden. Und dies geschah
auch: der Morgen dämmerte kaum, als ich Skyllas spitzen Säulenfels gewahr wurde
und die gräßliche aus- und einsprudelnde Charybdis gegenüber erblickte. Diese
verschlang, als ich bei ihr angekommen war, augenblicklich mit ihrem Strudel
den Mast; ich selbst ergriff die Äste eines von ihrem Fels überhangenden Feigenbaums,
schmiegte mich daran und hing da in der freien Luft wie eine Fledermaus. So
schwebte ich über der Charybdis bodenlos, bis Mast und Kiel aus ihrem Schlunde
wieder hervorsprudelten. Diesen Augenblick ersah ich, war mit einem Sprung wieder
auf meinem alten Sitz und ruderte nun auf dem schmalen Kiele mit den Händen
auf dem Wirbel fort. Dennoch wäre ich verloren gewesen, wenn Zeus’ Gnade meine
Balken nicht von dem Fels der Skylla abgelenkt und glücklich aus dem durchwogten
Felsenschlunde hinausgeleitet hätte.
Neun Tage trieb ich nun noch auf der See umher; in der zehnten Nacht brachten
mich gnädige Götter endlich auf Kalypsos Insel Ogygia. Diese hehre Göttin pflegte
und erquickte mich… Doch warum will ich euch davon erzählen? Habe ich doch
schon gestern dir, edler König, und deiner Gemahlin dies mein letztes Abenteuer
berichtet!«
Odysseus verabschiedet sich von den Phäaken
Odysseus hatte geschlossen und ruhte von seiner langen Erzählung aus. Die Phäaken,
die mit Entzücken zugehört, waren alle noch in seine Rede versunken und schwiegen
auch. Endlich brach Alkinoos das Stillschweigen und sprach: »Heil dir, edelster
der Gäste, den mein Königshaus jemals aufgenommen hat! Da du in meiner Wohnung
eingekehrt bist, so hoffe ich, du werdest nicht mehr vom rechten Wege in die
Heimat abirren und bald im Hause deiner Väter alles Elend, das du erduldet hast,
vergessen! Höret nun auch ihr, lieben Freunde und beständige Gäste meines Palastes!
In einer schönen Lade liegen bereits herrliche Kleidungsstücke für unsern edeln
Gast bereit, dazu künstlich gearbeitetes Gold und manches andre Geschenk, das
ich und die Fürsten unter euch ihm bestimmt haben. Hierzu füge ein jeder von
uns noch einen großen Dreifuß und ein Becken. Die Volksversammlung wird uns
für diese großen Geschenke, die freilich dem einzelnen schwerfallen würden,
genügend entschädigen!«
Allen gefiel diese Rede, und die Versammlung der Gäste wurde aufgehoben. Am
andern Morgen brachten die Phäaken sämtliche Erzgeschenke auf das Schiff, und
Alkinoos selbst stellte sie sorgfältig unter die Bänke, damit die Ruderer nicht
dadurch gehindert würden. Hierauf kehrten die Freunde miteinander in den Palast
des Königes zurück, und dort wurde das Abschiedsmahl gerüstet. Nach dem Opfer,
das Zeus von dem geschlachteten Rinde dargebracht wurde, begann der Festschmaus,
und der von allem Volk hochgeehrte blinde Sänger Demodokos sang herrliche Lieder
dazu.
Odysseus aber war mit seiner Seele nicht gegenwärtig. Oft schaute er durch
die Fenster des Saales nach dem Stand der Sonne und wünschte sehnlich ihren
Untergang, so sehnlich, wie einen Bauern, der den ganzen Tag über den Pflug
durch seinen Acker gelenkt hat, nach der Abendkost verlangt. Und endlich sprach
er ohne Scheu zu seinem königlichen Wirt: »Gepriesener Held Alkinoos, geuß das
Trankopfer aus und entlasse mich! Du hast ja schon getan, was meines Herzens
Wunsch ist. Die Geschenke liegen auf meinem Schiffe, die Fahrt ist bereit. Mögen
die Himmlischen dich segnen; möge ich mein Weib untadelhaft zu Hause finden
und Kind, Verwandte und Freunde wohlbehalten!«
In seinen Wunsch stimmten alle Phäaken laut und von Herzen ein. Alkinoos befahl
dem Herolde Pontonoos, allen Gästen umher die Becher noch einmal zu füllen.
Nun stand jeder von seinem Sitze auf, und wie auf einen Wink brachten sie das
Trankopfer für ihres Gastes glückselige Rückkehr den olympischen Göttern dar.
Da erhub sich Odysseus, reichte seinen Becher der Königin Arete und sprach:
»Lebe wohl für immer, hohe Königin, bis dich Alter und Tod, die allen Menschen
bevorstehen, langsam beschleichen! Ich kehre jetzt heim. Freue du dich zu Hause
deiner Kinder, deines Volks und deines edeln Gemahls!«
So sprach Odysseus und verließ die Schwelle des Palastes. Auf des Königes Befehl,
der ihm scheidend die Hand mit herzlichem Drucke gereicht, geleitete ihn ein
Herold und auf Aretes Geheiß drei Dienerinnen bis ans Schiff. Die eine trug
die schönen Gewande, Mantel und Leibrock, die andere die verschlossene Lade,
die dritte Speise und Wein. Alles wurde wohl im Schiffe geborgen. Auf dem Verdeck
aber wurde ein zottiges Fell und Leinwand darüber ausgebreitet. Da stieg Odysseus
schweigend ein und legte sich darauf zum Schlummer nieder. Die Ruderer setzten
sich auf die Bänke. Das Schiff ward losgebunden und wogte fröhlich unter dem
Schlage der Ruder dahin.
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