Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

Insel entgegen. Auch verweilten wir wirklich einen vollen Monat allda, weil
beständiger Südwind blies, der nur auf kurze Zeit mit dem Ostwind abwechselte;
es war uns aber einer entgegen wie der andere. Solange von Kirkes Vorrat noch
Speise und Wein übrig war, hatte es keine Not. Als wir aber alle Nahrung aufgezehrt
hatten und der Hunger bei uns sich einstellte, gingen meine Begleiter anfangs
auf den Fisch- und Vogelfang aus, und ich selbst machte auch einen Ausflug längs
dem Ufer, ob mir kein Gott oder kein Sterblicher begegnen möchte, der mir einen
Ausweg aus dieser Not anzeigte. Als ich weit genug von den Freunden entfernt
war und mich ganz in der Einsamkeit sah, wusch ich meine Hände, um sie rein
emporstrecken zu können, in der Flut, warf mich demütig auf die Knie und flehte
zu allen Göttern um Rettung. Sie aber schickten mir einen wohltätigen Schlummer.

Während ich nun so ferne war, erhob sich Eurylochos unter meinen Begleitern
und gab ihnen einen verderblichen Rat: ›Höret mein Wort‹, sprach er, ›schwerbedrängte
Freunde! Zwar ist jeder Tod den Menschen schreckhaft, aber das entsetzlichste
Geschick ist doch der Hungertod. Wohlan, was bedenken wir uns, die schönsten
von den Rindern des Helios den Göttern zu opfern und uns am übrigbleibenden
Fleische zu sättigen? Sind wir nur glücklich nach Ithaka gekommen, so wollen
wir den Gott schon versöhnen und ihm einen herrlichen Tempel bauen, auch köstliche
Weihegeschenke darin aufstellen. Schickt er uns aber im augenblicklichen Zorn
einen Sturm zu und bohrt unser Schiff in den Grund - nun, so will ich lieber
in einem Augenblick meinen Atem in die Fluten verhauchen als so jämmerlich auf
dieser einsamen Insel verschmachten!‹

Dies Wort gefiel meinen hungrigen Genossen. Sogleich machten sie sich auf,
trieben die allerbesten Rinder von der Herde des Sonnengottes herbei, die in
der Nähe grasten, und nachdem sie zu den Göttern gefleht, schlachteten sie dieselben,
weideten sie aus und brachten die Eingeweide mit den in Fett eingewickelten
Lenden den Unsterblichen dar. Wein zum Trankopfer hatten sie keinen, weil aller
längst verzehrt war; die Eingeweide und Schenkel wurden daher nur mit Quellwasser
besprengt. Die reichlichen Überreste steckten sie an Spieße, und eben setzten
sie sich zum Mahle, als ich - dem die Götter den Schlaf wieder von den Augenlidern
geschüttelt - herankam und mir der Opferduft schon von weitem entgegendampfte.
Da jammerte ich zum Himmel empor: ›O Vater Zeus und ihr andern Himmlischen!
Zum Fluche habt ihr mich in Schlummer gesenkt. Denn welcher Tat haben sich meine
Freunde vermessen, während ich schlief!‹

Inzwischen war dem Sonnengotte durch eine dienende Göttin schon die Nachricht
von dem großen Frevel zugekommen, der an seinem Heiligtume verübt worden war.
Zornig trat er in den Kreis der Olympischen und klagte ihnen die Unbill. Zeus
selbst fuhr zürnend von seinem Throne auf, als er solches hörte, zumal da Helios
drohte, den Sonnenwagen zum Hades hinabzulenken und der Erde nicht mehr zu leuchten,
wenn die Verbrecher nicht zur vollen Strafe gezogen würden. ›Leuchte du‹, sagte
zu ihm Zeus, ›immerhin den Göttern und den Menschen, Helios; ich will den verfluchten
Räubern ihr Schiff bald mit meinem Donnerkeil treffen, daß es in Trümmer gehe
und zerschmettert in den Abgrund versinke!‹ Diese Worte des Zeus hat mir die
edle Göttin Kalypso gemeldet, welche die Untat durch ihren Freund, den Götterboten
Hermes, erfahren hat.

Als ich nun bei dem Schiffe und den Genossen angekommen, fuhr ich sie an und
schalt sie im tiefsten Unmut. Leider aber war alles zu spät, und die Rinder
lagen geschlachtet vor mir. Aber entsetzliche Wunderzeichen bezeugten den geschehenen
Frevel; die Häute krochen umher, als wären sie lebendig; das rohe und gebratene
Fleisch an den Spießen brüllte, wie Rinder zu brüllen pflegen. Doch meine hungrigen
Begleiter kehrten sich daran nicht. Sechs Tage hintereinander schmausten sie.
Erst am siebenten Tage, als alles Ungewitter vorüber schien, stiegen wir wieder
zu Schiffe und fuhren in die offene See hinaus. Als wir dahinsteuerten und das
Land schon längst aus den Augen verloren hatten, breitete Zeus ein schwarzblaues
Gewölk gerade über unsere Häupter aus, und das Meer unter uns wurde immer dunkler.
Plötzlich brach ein wütender Orkan aus Westen auf uns los, beide Taue des Mastbaumes
zerrissen, daß derselbe krachend rückwärtssank und alles Geräte auf das Schiff
schleuderte. Die ganze Last stürzte dem am Steuerende sitzenden Piloten auf
den Kopf und zerkrachte ihm den Schädel, so daß er wie ein Taucher ins Meer
hinabsank und die Wellen den Leichnam verschlangen. Jetzt fuhr ein Blitz mit
knallendem Donner auf das Schiff hernieder und durchschmetterte es, daß es voll
von Schwefeldampf wurde. Meine Freunde stürzten aus dem Fahrzeug und zappelten
wie schwimmende Krähen um das Schiff her, wogten auf und nieder und versanken
endlich alle. Bald war ich ganz allein auf dem Schiffe und irrte darauf umher,
bis die Flanken sich vom Kiel ablösten; der liegende Mastbaum krachte vollends
hernieder auf den entblößten Kiel, und so fuhr das offene Wrack dahin. Ich hatte
indessen die Besinnung nicht verloren, ergriff ein ledernes Seil, das noch an
dem Mast herunterhing, und band damit Mast und Kiel zusammen. Dann setzte ich
mich darauf und ließ mich in der Götter Namen von dem tobenden Sturme dahinschleudern.

Endlich hörte der Orkan zu wüten auf, und der West legte sich; darüber erhub

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