Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

und sich im innern Schiffsraume zusammendrängen.

Eines andern Gebotes hatte ich jedoch vergessen, das Kirke mir auch gegeben.
Sie hatte mir nämlich verboten, mich zum Kampfe mit diesem Ungeheuer zu rüsten;
ich hüllte mich aber in meine volle Waffenrüstung, nahm zwei Speere in die Hand
und stellte mich so aufs Verdeck, um dem herankommenden Ungeheuer zu begegnen.
Aber obgleich mir die Augen vom Umherschauen schmerzten, konnte sie mein Blick
doch nicht entdecken, und so fuhr ich denn voll Todesangst in den immer enger
werdenden Meerschlund hinein. Diese Skylla hatte mir Kirke so geschildert: ›Sie
ist kein sterblicher Gegner, vielmehr ein unsterbliches Unheil; Tapferkeit vermag
nichts gegen sie, die einzige Rettung ist, ihr zu entfliehen. Sie wohnt gegenüber
der Charybdis in einem sein spitzes Haupt in die Wolken steckenden Fels, ewig
von dunkelem Gewölk umfangen, von keinem Sonnenstrahl erleuchtet und ganz aus
glattem Gesteine aufgetürmt. Mitten in diesem Fels ist eine Höhle, schwarz wie
die Nacht; in dieser haust die Skylla und gibt ihre Gegenwart nur durch ein
fürchterliches Bellen kund, welches über die Flut herüberhallt wie das Geschrei
eines neugeborenen Hundes. Dieses Ungeheuer hat zwölf unförmige Füße und sechs
Schlangenhälse, auf jedem derselben grinst ein scheußlicher Kopf mit drei dichten
Reihen von Zähnen, die sie fletscht, ihre Opfer zu zermalmen; halb ist sie einwärts
in die Felskluft hinabgesenkt, ihre Häupter aber streckt sie schnappend aus
dem Abgrunde hervor und fischt nach Seehunden, Delphinen und wohl auch größeren
Tieren des Meeres. Noch nie hat sich ein Schiff gerühmt, ohne Verlust an ihr
vorübergekommen zu sein; gewöhnlich hat sie, ehe sich’s der Schiffer versieht,
in jedem Rachen einen Mann zwischen den Zähnen, den sie aus dem Schiffe geraubt
hat.‹

Dieses Bild hatte ich vor meiner Seele und spähte vergebens umher. Indessen
waren wir mit dem Schiffe ganz nahe an die Charybdis geraten, die die Meeresflut
mit ihrem gierigen Rachen einschlürfte und wieder ausspie; die brauste wie ein
Kessel über dem Feuer, und weißer Schaum flog empor, solange sie die Flut herausbrach;
wenn sie dann die Wogen wieder hinunterschluckte, senkte sich das trübe Wassergemisch
ganz in die Tiefe, der Fels donnerte, und man konnte in einen Abgrund von schwarzem
Schlamm hinuntersehen. Während nun unsere Blicke mit starrem Entsetzen auf dieses
Schauspiel gerichtet waren und wir unwillkürlich mit dem Schiffe zur Linken
auswichen, waren wir plötzlich der bisher nicht entdeckten Skylla zu nahe gekommen,
und ihre Rachen hatten auf einen Zug sechs meiner tapfersten Genossen vom Bord
hinweggeschnappt; ich sah sie mit schwebenden Händen und Füßen zwischen den
Zähnen des Ungeheuers hoch in die Lüfte gezückt; noch aus seinen Rachen heraus
riefen sie mich hilfeflehend bei Namen: einen Augenblick darauf waren sie zermalmt.
Soviel ich auf meiner Irrfahrt erduldet habe, ein jammervollerer Anblick ist
mir nicht geworden!

Jetzt aber waren wir auch glücklich zwischen dem Strudel der Charybdis und
dem Felsen der Skylla hindurch; die von der Sonne glänzende Insel Thrinakia
lag vor uns, und noch auf dem Meere hörten wir das Gebrüll der heiligen Rinder
es Sonnengottes und das Blöken seiner Schafe. Durch so viel Unglück gewitzigt,
dachte ich auf der Stelle an die Warnung des blinden Tiresias in der Unterwelt
und kündigte den Genossen an, daß er und Kirke mich gewarnt, die Insel des Helios
zu fliehen, weil uns dort noch das allerjämmerlichste Schicksal bedrohe. Diese
Erklärung betrübte meine Begleiter über die Maßen, und Eurylochos sagte ärgerlich:
›Du bist doch ein grausamer Mann, Odysseus, ganz von Stahl und hast kein Gelenk
im Nacken! Wie, willst du im Ernst uns, den von Anstrengung und Ermüdung Entkräftigten,
nicht gönnen, einen Fuß ans Land zu setzen und uns auf dieser Insel mit Speise
und Trank zu erquicken, sondern blindlings sollen wir in der Stille der Nacht
hinausfahren durch die schwarzen Meereinöden? Wenn nun plötzlich im Dunkel der
unbändige Südwind oder der pfeifende West herangewirbelt käme? Laß uns wenigstens
diese finstere Nacht am Ufer vor Anker gehen, das uns so gastlich zuwinkt!‹

Wie ich diesen Widerspruch hören mußte, da merkte ich wohl, daß ein feindseliger
Gott Böses über uns beschlossen hatte. Ich sagte daher nur: ›Eurylochos, es
ist keine Kunst, mich zu zwingen, den einzelnen Mann eurer so viele. So gebe
ich euch denn nach. Aber einen heiligen Schwur müßt ihr mir tun, dem Sonnengotte
kein Rind oder auch nur ein Schaf abzuschlachten, wenn ihr etwa seiner Herden
ansichtig werden solltet. Begnüge sich vielmehr jeder mit der Kost, mit der
uns die gute Kirke versorgt hat!‹ Diesen Eid leisteten mir alle willig; darauf
ließen wir das Fahrzeug in eine Bucht einlaufen, aus der sich süßes Wasser in
die gesalzene Flut ergoß. Alle stiegen aus dem Schiffe, und es währte nicht
lange, so war das Nachtessen bereit. Nach dem Mahle beweinten wir die Freunde,
welche von der Skylla verschlungen worden waren, aber mitten unter den Tränen
überwältigte uns müde Seefahrer der Schlummer.

Es mochte noch ein Drittel der Nacht übrig sein, als Zeus einen entsetzlichen
Sturm sandte, so daß wir mit der Morgenröte eilig unser Fahrzeug in eine Meergrotte
in Sicherheit brachten. Noch einmal warnte ich die Genossen vor dem Rindermorde,
denn bei der ungestümen Witterung sahen wir einem längeren Aufenthalte auf der

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