Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
solche Furcht an, als streckte mir die Meduse ihr Gorgonenhaupt entgegen. Eilig
verließ ich mit meinen Genossen die Kluft und wandte mich wieder dem Gestade
des Okeanos und unsrem Schiffe zu. Dann segelten wir, wie ich es dem Schatten
Elpenors versprochen hatte, nach Kirkes Insel zurück.«
Odysseus erzählt weiter
Die Sirenen. Skylla und Charybdis. Thrinakia und die Herden des Sonnengottes.
Schiffbruch. Odysseus bei Kalypso
»Nachdem wir die Gebeine unsres verunglückten Genossen«, fuhr Odysseus fort,
»auf der Insel Aiaia verbrannt und zur Erde bestattet, auch dem Toten einen
Grabhügel aufgehäuft hatten und eine Denksäule daraufgesetzt und von Kirke sehr
freundlich empfangen und bewirtet worden waren, fuhren wir, von ihr vor allerlei
Gefahren gewarnt und reichlich mit Lebensmitteln versorgt, weiter.
Das erste Abenteuer, das wir zu bestehen hatten und von welchem uns Kirke geweissagt,
erwartete uns am Eilande der Sirenen. Dieses sind sangreiche Nymphen, die jedermann
bezaubern, der auf ihr Lied horcht. Am grünen Gestade sitzen sie und singen
ihre Zauberlieder dem Vorüberfahrenden zu. Wer sich zu ihnen hinüberlocken läßt,
ist ein Kind des Todes, und man sieht deswegen an ihrem Ufer moderndes Gebein
genug umherliegen. Bei der Insel dieser verführerischen Nymphen angekommen,
hielt unser Schiff stille, denn der Fahrwind, der uns bisher gelinde vorwärts
getrieben, hörte mit einemmal auf zu wehen, und das Gewässer schimmerte wie
ein Spiegel. Meine Begleiter nahmen die Segel von den Stangen, falteten sie
zusammen, legten sie im Schiffe nieder und setzten sich ans Ruder, um das Schiff
so vorwärtszubringen. Ich aber gedachte an das Wort, das Kirke, die mir dieses
alles voraussagte, gesprochen hatte. ›Wenn du an die Insel der Sirenen kommst
und ihr Gesang euch droht, so verklebe die Ohren deiner Freunde mit Wachs, daß
sie nichts hören; begehrst du aber selbst ihr Lied zu vernehmen, so befiehl,
daß man dich, an Händen und Füßen gefesselt, an den Mast binde, und je sehnlicher
du deine Freunde bittest, dich loszubinden, desto fester sollen sie die Seile
schnüren!‹
Daran dachte ich jetzt, zerschnitt eine große Wachsscheibe und knetete sie
mit meinen nervichten Fingern; das weiche Wachs strich ich sodann meinen Reisegenossen
in die Ohren. Sie aber banden mich auf mein Geheiß aufrecht unten an den Mast;
dann setzten sie sich wieder an die Ruder und trieben das Fahrzeug getrost vorwärts.
Als die Sirenen dieses heranschwimmen sahen, standen sie in der Gestalt reizender
Mägdlein am Ufer und stimmten mit wundersüßer Kehle ihren hellen Gesang an,
der also lautete:
Komm, preisvoller Odysseus, erhabener Ruhm der Achajer,
Lenke das Schiff ans Land, um unsere Stimme zu hören.
Denn noch ruderte keiner vorbei im dunkelen Schiffe,
Eh er aus unserem Munde die Honigstimme gehöret:
Jener sodann kehrt fröhlich zurück und mehreres wissend.
Denn wir wissen dir alles, wieviel in den Ebenen Trojas
Argos’ Söhne und die Troer vom Rat der Götter geduldet,
Alles, was irgend geschah auf der vielernährenden Erde.
So sangen sie. Mir aber schwoll das Herz im Busen vor Begierde, sie zu hören;
ich winkte meinen Freunden mit dem Kopfe, mich loszubinden. Aber sie mit ihren
tauben Ohren stürzten sich nur um so rascher aufs Ruder, und zwei von ihnen,
Eurylochos und Perimedes, kamen herbei und legten mir, wie ich früher befohlen
hatte, noch viel stärkere Stricke an und schnürten auch die alten fester zusammen.
Erst als wir glücklich vorübergesteuert und ganz außer dem Bereiche der Sirenenstimmen
waren, nahmen meine Freunde sich selbst das Wachs aus den Ohren, und mir lösten
sie die Fesseln wieder. Ich aber dankte ihnen herzlich für ihre Beharrlichkeit.
Kaum waren wir etwas vorwärts gerudert, als ich von ferne Wasserstaub und eine
mächtige Brandung gewahr wurde. Das war die Charybdis, ein täglich dreimal unter
einem Fels hervorquellender und wieder zurückwallender Strudel, der jedes Schiff
verschlingt, das in seinen Rachen gerät. Meinen Begleitern fuhren die Ruder
vor Schrecken aus der Hand; sie flossen dem Strome nach, und das Fahrzeug stand
stille. Ich selbst sprang von meinem Sitze auf, durcheilte das Schiff und sprach
den Freunden, von Mann zu Manne gehend, Mut ein. ›Lieben Freunde‹, sagte ich,
›wir sind ja keine Neulinge in den Gefahren. Was auch kommen mag, ein größeres
Leid als in der Höhle des Zyklopen kann uns nicht betreffen; und doch half euch
dort meine Klugheit hinaus. Drum gehorchet mir nur alle. Bleibt fest auf euren
Bänken sitzen und schlaget mutig mit den Rudern‹ - denn sie hatten sie wieder
gefangen - ›auf die Brandung los. Ich denke, Zeus hilft uns durch schleunige
Flucht aus dieser Not. Du aber, Steuermann, nimm alle deine Besinnung zusammen
und lenke das Schiff durch Schaum und Brandung, so gut du kannst! Arbeite dich
an den Fels hin, damit du nicht in den Strudel geratest!‹ So hatte ich die Freunde
vor dem Strudel Charybdis gewarnt, von welchem mir Kirke erzählt hatte; aber
von dem Ungeheuer Skylla, das gegenüber drohete, schwieg ich noch weislich;
ich fürchtete, die Genossen möchten mir vor Schrecken wieder die Ruder fahrenlassen
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