Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

über dich, mein lieber Sohn, erlegen, und keine Krankheit hat mich dahingerafft.‹

So sprach sie und machte mich vor Sehnsucht erbeben. Als ich sie aber in die
Arme schließen wollte, zerstob sie wie ein Traumbild. Nun kamen andere Schatten
daher, viele Gattinnen berühmter Helden. Sie tranken alle von dem Opferblute
und erzählten mir ihre Geschicke. Als die Frauen nacheinander wieder verschwunden
waren, ward mir ein Anblick zuteil, der mir das Herz im Busen bewegte. Es kam
nämlich die Seele des Völkerfürsten Agamemnon heran. Schwermütig bewegte sich
der große Schatten nach der Opfergrube und trank von dem Blute. Da blickte er
auf, erkannte mich und fing an zu weinen. Vergebens streckte er die Hände aus,
mich zu erreichen; in den Gliedern war keine Spannkraft; er sank zurück zur
Ferne und antwortet von dort aus auf meine sehnlichen Fragen: ›Edler Odysseus‹,
sprach er, ›mich hat nicht, wie du wähnst, der Zorn des Meeresgottes verderbt,
nicht Feinde auf der Feste haben mich bezwungen. Wie man den Stier an der Krippe
erschlägt, hat mich mein Weib Klytämnestra mit ihrem Buhlen Ägisth im Bade erschlagen,
mich, der ich in die Heimat voll Sehnsucht nach Frau und Kindern gekommen war.
Darum rate ich dir, Odysseus, zeige dich nicht allzu gefällig gegen die Gattin,
vertrau ihr aus Zärtlichkeit nicht ein jegliches Geheimnis an. Doch du hast
ein verständiges und tugendhaftes Weib, du Glücklicher! Und das Knäblein, das
an ihrer Brust lag, als wir Griechenland verließen, dein Telemach wird als Jüngling,
voll herzlicher, voll kindlicher Liebe seinen Vater empfangen. Mein ruchloses
Weib hat mir nicht einmal gegönnt, die Augen an dem Anblicke meines Sohnes zu
laben, bevor sie mich ermordete! Dennoch rate ich dir, heimlich und nicht öffentlich
am Gestade Ithakas zu landen: denn keinem Weibe ist zu trauen!‹

Mit diesen finstern Worten wandte sich der Schatten um und verschwand. Nun
kamen die Seelen des Achill und seines Freundes Patroklos, des Antilochos und
des großen Ajax. Zuerst trank Achill, erkannte mich und staunte. Ich erzählte
ihm, warum ich gekommen. Als ich aber den berühmtesten Griechen als Gebieter
der Geister auch im Hades selig pries, erwiderte er mißmutig: ›Sprich mir nichts
Tröstliches vom Tode, Odysseus! Lieber wollte ich als Taglöhner auf Erden das
Feld bestellen, ohne Eigentum und Erbe, als über die sämtliche Schar der Toten
herrschen!‹ Dann mußte ich ihm vom Heldenleben seines Sohnes Neoptolemos erzählen,
und als er viel Gutes und Rühmliches über ihn vernommen, wandelte der erhabene
Schatten zufriedenen und mächtigen Schrittes der Tiefe wieder zu und verlor
sich in derselben.

Auch die andern Seelen der Abgeschiedenen, die inzwischen von dem Blute getrunken
hatten, standen mir nun Rede. Nur der Schatten des Ajax, den ich einst im Streit
um die Waffen des Achill besiegt und der sich deswegen entleibt hatte, stellte
sich seitwärts und zürnte. Mit sanften Worten redete ich ihn an: ›Telamons Sohn,
kannst du denn auch im Tode den Unmut nicht vergessen, in welchen dich die Rüstung
des Achill versetzt hat, welche die Götter den Argivern doch nur zum Fluche
bestimmt hatten? Denn durch sie bist du, der ein Turm war in der Feldschlacht,
dahingesunken, daß wir dich nächst Achill bejammern mußten. Doch ist keiner
von uns an deinem Tode schuldig; es war ein Verhängnis, das dir und uns Zeus
zugesandt hat. Darum, edler Fürst, bezwinge dein Gemüt, nahe mir, rede mit mir!‹
Aber der Schatten antwortete nichts, sondern ging ins Dunkel zu andern abgeschiedenen
Seelen.

Nun erblickte ich auch die Schatten längst verstorbener Helden: den Totenrichter
Minos; den gewaltigen Jäger Orion, welcher, die Keule in der Hand, Schattenbilder
von Luchsen und Löwen aufscheuchte; den Tityos, dem für seine Frevel zwei Geier,
von jeder Seite einer, an der Leber fraßen; den Tantalos, der dürstend mitten
im Wasser stand, daß es ihm das Kinn bespülte, aber sooft er trinken wollte,
wich die Welle zurück und versiegte, daß der schwarze Boden zu seinen Füßen
sichtbar wurde; auch ragten Bäume voll Früchten über sein Haupt herein, voll
Birnen, Feigen, Granaten, Oliven, Äpfeln: - wenn er aber, der Hungernde, sie
mit den Händen haschen wollte, da schwang der Sturm die Äste aufwärts den Wolken
zu, und seine Hand griff in die leere Luft. Auch den Sisyphos sah ich, den vergebliche
Pein abquälte: er war bemüht, ein großes Felsenstück einen Berg emporzuschieben;
angestemmt, mit Händen und Füßen arbeitete er sich ab und wälzte den Stein die
Berghöhe hinauf. Sooft er aber schon glaubte, ihn auf dem Gipfel droben zu haben,
glitt ihm das Felsstück aus den Händen und rollte schändlicherweise den Berg
hinunter. Da begann denn seine Anstrengung von neuem: der Angstschweiß floß
ihm von den Gliedern, und das Haupt hüllte eine Wolke von Staub ein. Ihm zunächst
stand der Schatten des Herakles, doch nur sein Schatten, denn er selbst lebt
als Gemahl der Jugendgöttin ein seliges Leben unter den Olympischen. Sein Schatten
aber stand finster wie die Nacht, hielt den Pfeil auf der Bogensehne und blickte
schrecklich umher, als wollte er ihn eben gegen den Feind abschnellen. Ein prächtiges
Wehrgehenk, mit allerlei Tiergestalten geschmückt, hing ihm über die Schultern.

Auch er verschwand, und nun kam noch ein ganzes Gedränge anderer Heldenseelen.
Gerne hätte ich den Theseus und seinen Freund Peirithoos herauserkannt. Aber
bei dem grausenvollen Getöse der unzähligen Scharen kam mich plötzlich eine

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