Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
Phäaken zu erzählen, »als wir, von einem wunderbaren Fahrwinde vorwärts getrieben,
am Ende der Welt beim Gestade der Kimmerier, das in ewigem Nebel liegt und von
den Sonnenstrahlen niemals beleuchtet wird, am Strome Okeanos, der die Welt
umgürtet, anlangten. Wir kamen an den Fels und die Zusammenströmung der Totenflüsse,
wie es uns Kirke bezeichnet hatte, und opferten ganz nach ihrer Vorschrift.
Sowie das Blut aus den Gurgeln der Schafe in die Grube floß, tauchten tief aus
der Unterwelt die Seelen der Abgeschiedenen nach der Felsenkluft empor, in welcher
wir uns, den Strom zur Seite, befanden. Jünglinge und Greise, Jungfrauen und
Kinder kamen, auch viele Helden mit klaffenden Wunden und in blutbesudelten
Rüstungen; scharenweise, mit hohlem, grausenvollem Stöhnen umflatterten sie,
nach Art der Schatten, die Opfergrube, so daß mich ein Entsetzen ankam. Schnell
ermahnte ich die Genossen, nach Kirkes Rat die geopferten Schafe zu verbrennen
und zu den Göttern zu flehen. Ich selbst riß das Schwert von der Hüfte und wehrte
den Luftgebilden, vom Opferblute zu lecken, bevor ich den Tiresias befragt hätte.
Zuallererst nun nahte sich mir die Seele unsres Freundes Elpenor, dessen Leib
noch unbegraben in Kirkes Wohnung lag. Mit Tränen im Auge klagte mir der Schatten
sein Verhängnis und beschwor mich, nach der Insel Aiaia zurückzufahren und ihm
ein ehrliches Begräbnis angedeihen zu lassen. Ich versprach es ihm, und das
Schattenbild lagerte sich mir gegenüber. So saßen wir in wehmütigem Gespräch,
dort die Schattengestalt, hier ich, das Schwert quer über dem Opferblut haltend.
Bald gesellte sich zu uns auch der Schatten meiner Mutter, der herrlichen Antikleia,
die ich noch lebend verlassen hatte, als ich gegen Ilios aufbrach. Sprachlos
ließ sie sich nieder, auf das Blut starrend; ihren Sohn achtete und erkannte
sie nicht.
Nun erschien die Seele des Thebaners Tiresias, einen goldenen Stab in der Rechten.
Er erkannt mich sogleich und hub an: ›Edler Sohn des Laërtes, was trieb dich,
das Sonnenlicht zu verlassen und diesen Ort des Entsetzens zu besuchen? Aber
ziehe nur dein gezücktes Schwert von der Grube zurück, damit ich von dem Opferblut
trinke und so in den Stand gesetzt werde, dir dein Schicksal zu weissagen.‹
Ich wich bei diesem Worte von der Grube und stieß mein Schwert in die Scheide.
Nun trank der Schatten von dem schwarzen Blut und fing alsbald zu wahrsagen
an: ›Du forschest bei mir, Odysseus, nach einer fröhlichen Heimkehr ins Vaterland;
aber ein Gott wird sie dir schwer machen, und du kannst dich der Hand des Erderschütterers
nicht entziehen. Du hast ihn schwer dadurch beleidigt, daß du seinem Sohne Polyphemos
das Auge geblendet hast. Dennoch soll dir die Rückkehr nicht ganz abgeschnitten
sein; halte nur dein und deiner Genossen Herz im Zaume. Zuerst landet ihr auf
der Insel Thrinakia. Wenn ihr dort die heiligen Rinder und Schafe des Sonnengottes
unberührt lasset, so dürfte euch die Heimfahrt wohl gelingen. Verletzet ihr
sie aber, dann weissage ich deinem Schiffe und deinen Freunden Verderben. Wenn
du selbst auch entrinnest, so kommst du spät, elend und einsam in die Heimat,
auf einem fremden Schiff. Auch dort findest du nur Jammer: übermütige Männer,
die dein Gut verprassen und um dein Weib Penelope freien. Wenn du diese, sei
es mit List oder Gewalt, bezwungen oder getötet und ruhiges Glück dir lange
gelächelt hat, so nimm, doch erst am Abend deines Lebens, dein Ruder auf die
Schulter und wandre immer fort und fort, bis du zu Menschen kommst, die das
Meer nicht kennen, keine Schiffe haben, ihre Speise mit keinem Salz würzen.
Und wenn dir dort in der Fremde ein Wanderer begegnet und dir sagt, du tragest
des Worflers Schaufel auf dem Rücken, dann stoße das Ruder in die Erde, bring
dem Poseidon ein Opfer und wandre wieder heim. Endlich wird dich, während dein
Reich blühet, ein friedlicher Greisentod fern vom Meere hinwegnehmen.‹
Dies war der Inhalt seiner Weissagung. Ich dankte dem Seher und fragte ihn
weiter: ›Sage mir jetzt: dort sitzt der Schatten meiner Mutter! Wie mache ich
es, ehrwürdiger Greis, daß sie mich erkenne?‹ ›Vergönne ihr nur‹, erwiderte
der Seher, ›vom Opferblute zu trinken, so wird sie ihr Schweigen bald brechen.‹
Da wich ich von der Grube mit dem Schwerte zurück, und die Mutter trank. Urplötzlich
erkannte sie mich, heftete ihr tränendes Auge auf mich und sprach: ›Lieber Sohn,
wie kamst du lebendig in die Todesnacht herab? Haben dich der Ozean und die
andern furchtbaren Ströme nicht gehindert? Irrest du immer seit Trojas Fall
umher und kommst nicht zu deiner Heimat Ithaka?‹ Nachdem ich hierüber Aufschluß
gegeben hatte, befragte ich die Mutter über ihren Tod, denn ich hatte sie lebend
verlassen, als ich gen Troja zog. Auch wie es sonst bei uns zu Hause stehe,
fragte ich sie mit pochendem Herzen. Und der Schatten erwiderte: ›Deine Gattin,
nach der du so ängstlich fragst, weilt in deinem Hause mit unerschütterlicher
Treue, und Tag und Nacht weint sie um dich. Deinen Zepter führt kein anderer,
sondern dein Sohn Telemach verwaltet dein Gut. Dein Vater Laërtes hat sich aufs
Land zurückgezogen und kommt nie mehr in die Stadt; dort schläft er nicht in
einer Fürstenkammer, nicht in einem weichen Bette; neben dem Herdfeuer liegt
er wie andere Knechte, auf dem Stroh, in ein schlechtes Kleid gehüllt, den ganzen
Winter über; im Sommer bettet er sich unter freiem Himmel auf ein Bündel Reisig;
und das alles tut er aus Jammer über dein Geschick. Ich selbst bin dem Gram
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