Gustav Schwab - Odysseus
admin am Mrz 29th 2008
mit mir verwandt war. Die Freunde sahen die Bewegung, die ich machte, fielen
mir in den Arm und brachten mich zur Besinnung.
Nun brachen wir alle auf, und Eurylochos selbst, durch meine Drohung erschreckt,
weigerte sich nicht, zu folgen. Inzwischen hatte Kirke unsre Freunde gebadet,
mit Öle gesalbt und herrlich bekleidet, und wir fanden sie alle ganz fröhlich
beim Schmaus versammelt. Da war ein Weinen und Umarmen und Begrüßen! Die Göttin
sprach allen Mut ein und tat uns so viel Liebes, daß wir von Tag zu Tag fröhlicher
wurden und das ganze Jahr über bei ihr blieben. Wie aber nun das Jahr zu Ende
ging, riefen mich meine Begleiter und ermahnten mich, endlich der Heimkehr eingedenk
zu sein. Sie bewegten mir auch mit ihrer Rede das Herz, und noch an demselben
Abend umfaßte ich Kirkes Knie und flehte sie an, Wort zu halten und mich, wie
sie mir anfangs gelobt hatte, zur Heimat zu entsenden. Die Zauberin antwortete:
›Du hast recht, Odysseus; es geziemt mir nicht, dich länger mit Zwang bei mir
zu halten; aber bevor du heimkommst, müßt ihr doch noch einen Umweg machen.
Ihr müßt das Reich des Hades und der Persephone, das Schattenreich besuchen
und die Seele des blinden Greisen, des thebanischen Propheten Tiresias, um die
Zukunft befragen; denn diesem ist auch im Tode noch sein voller Geist und die
Sehergabe durch Persephones Gunst verblieben; die Seelen der andern Toten sind
alle nur wandelnden Schatten gleich.‹
Als ich diesen Beschluß vernahm, fing ich zu weinen und zu jammern an; mir
graute vor der Behausung der Toten, und ich fragte, wer mich denn geleiten sollte,
denn eine Schiffahrt in die Unterwelt hat noch kein Sterblicher bei Leibes Leben
unternommen. ›Laß dich die Sorge um das Geleite deines Schiffes nicht bekümmern‹,
antwortete die Göttin; ›richte nur getrost den Mast in die Höhe und spanne die
Segel aus! Der Nordwind wird euch schon hintreiben; bist du einmal am Gestade
des Okeanos, des Stromes, der die Erde umgürtet, landest du an einem niedrigen
Ufer, wo du Erlen, Pappeln und Weidenbäume beisammen erblickst. Dies ist der
Hain Persephones; dort ist auch der Eingang in die Unterwelt. Hier, in einem
Tale bei einem Felsen, wo die schwarzen Ströme Pyriphlegethon und Kokytos, der
letztere ein Arm des Styx, sich in den Acheron oder die Unterwelt stürzen, wirst
du eine Kluft finden, durch welche der Weg in das Schattenreich geht. Da gräbst
du eine Grube und bringst den abgeschiedenen Seelen ein Totenopfer von Honig,
Milch, Wein, Wasser und Mehl dar, gelobst ihnen auch ein Schlachtopfer, wenn
du nach Ithaka heimkommst, und außerdem dem Tiresias einen schwarzen Widder;
dann opferst du noch zwei schwarze Schafe, ein männliches und ein weibliches,
und blickst dem vereinigten Strome durch die Kluft in die Tiefe nach, während
deine Genossen die Tiere den Göttern verbrennen und zu ihnen beten. Da werden
dir die Seelen der Toten erscheinen, und die Luftgebilde werden herauf ans Licht
zu dringen begehren und von dem Blute der Totenopfer kosten wollen. Du aber
wehrest sie mit dem Schwerte ab und erlaubst ihnen nicht, näher zu gehen, bis
du den Tiresias befragt hast. Denn dieser wird bald herannahen und dir auch
über deine Heimfahrt Aufschluß geben.‹
Diese Rede tröstete mich einigermaßen. Am andern Morgen versammelte ich meine
Freunde und wollte sie zum Aufbruch mahnen. Nun hatte sich einer von ihnen,
mit Namen Elpenor, der jüngste von allen, aber weder besonders mutig noch sehr
verständig, vom süßen Weine Kirkes trunken, von den Freunden entfernt und, um
kühlere Luft zu atmen, auf dem platten Dache des Palastes gelagert. Dort war
er am vorigen Abend eingeschlummert und hatte die Nacht über in ungestörtem
Schlafe gelegen. Als er nun durch das Gewühl der sich erhebenden und zur Versammlung
eilenden Freunde plötzlich aufgeweckt wurde, fuhr er empor und vergaß in der
Betäubung, wo er war; anstatt sich zur Treppe zu wenden, taumelte er über das
Dach hinaus und fiel den hohen Palast herunter, so daß ihm das Genick zerbrach
und sein Geist auf der Stelle zum Hades fuhr.
Ich aber sammelte meine Begleiter um mich her und sprach: ›Ihr meinet nun wohl,
teure Freunde, nun gehe es geraden Weges ins liebe Vaterland? Aber ach, dem
ist leider nicht so; die Göttin Kirke hat uns eine ganz andere Fahrt vorgeschrieben.
Wir sollen hinunter in das schreckliche Reich des Hades und dort die Seele des
thebanischen Sehers Tiresias wegen unserer Heimfahrt befragen!‹ Als meine Genossen
dieses hörten, da brach ihnen fast das Herz vor Kummer; sie jammerten laut und
rauften sich die Haare aus. Aber ihre Klage half ihnen nichts. Ich befahl ihnen,
aufzubrechen und mit mir zum Schiffe zu wandeln. Kirke war uns vorausgeeilt;
sie hatte die zwei Opferschafe uns ins Schiff bringen und dort anbinden lassen,
auch uns mit Honig, Wein und Mehl für das Opfer reichlich versorgt. Als wir
ankamen, schlüpfte sie mit einem stummen Abschiedsgruße leicht an uns vorüber.
Wir aber zogen das Schiff ins Meer, richteten den Mast und die Segel und setzten
uns betrübt auf die Ruderbänke. Ein günstiger Fahrwind, den uns Kirke schickte,
blies in die Segel, und bald waren wir wieder auf der hohen See.«
Odysseus erzählt weiter
Das Schattenreich
»Die Sonne tauchte ins Meer«, fuhr Odysseus nach einer Pause fort, den horchenden
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