Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

wird sie verhindern, dich in ein Vieh zu verwandeln. Wenn sie dich dann mit
ihrem langen Zauberstabe berührt, so reiß du dir nur dein scharfes Schwert von
der Hüfte und renn auf sie los, als wolltest du sie ermorden. Dann zwingst du
ihr leicht einen heiligen Eid ab, daß sie keinerlei Tücke an dir üben wolle.
Du magst alsdann ohne Gefahr bei ihr wohnen und ihr in allem zu Willen sein,
und wenn ihr vertraut geworden seid, wird sie dir auch deine Bitte nicht abschlagen
und dir deine Freunde zurückgeben.‹

So sprach Hermes und verließ mich, in den Olymp zurückkehrend. Ich selbst eilte
unruhig und nachdenklich dem Palaste der Zauberin entgegen. Auf meinen Ruf öffnete
sie die Pforte und hieß mich freundlich eintreten, was ich, obwohl mit einem
Herzen voll Ingrimm, auch tat. Nun führte sie mich zu einem herrlichen Thronsessel,
rückte mir einen Schemel unter die Füße und mengte sofort in goldener Schale
wirklich ihr Weinmus. Sie konnte kaum erwarten, bis ich es ausgeleert, und ohne
im mindesten an meiner Verwandlung, die auf der Stelle eintreten würde, zu zweifeln,
berührte sie mich mit ihrem Stabe und sprach: ›Fort mit dir in den Schweinestall,
zu deinen Freunden!‹ Ich aber riß das Schwert von der Seite und rannte wie mordbegierig
auf die Zauberin ein. Nun schrie sie laut auf, warf sich zu Boden und umfaßte
mein Knie, indem sie mir jammernd entgegenrief: ›Wehe mir! Wer bist du, Gewaltiger,
den mein Trank nicht zu verwandeln vermag? Noch kein anderer Sterblicher hat
der Stärke meines Zaubers widerstanden. Bist du vielleicht der erfindungsreiche
Odysseus selbst, dessen Ankunft, wenn er von Troja zurückkehrte, mir Hermes
schon lange geweissaget hat? Wenn du es bist, so stecke dein Schwert in die
Scheide und laß uns Freunde werden!‹ Ich aber veränderte meine drohende Stellung
nicht und antwortete: ›Wie kannst du verlangen, Kirke, daß ich mich freundlich
gegen dich erweisen soll, da du meine Begleiter in deinem Hause zu Schweinen
umgewandelt hast? Muß ich nicht vermuten, daß du nur darum dich so zuvorkommend
gegen mich beträgst, um auch meinem Leibe irgendein Leid anzutun? Ich kann nur
alsdann dein Freund werden, wenn du mir einen heiligen Eid schwörst, mir auf
keinerlei Weise schaden zu wollen!‹ Die Göttin beschwur auf der Stelle, was
ich verlangte, und nun war auch ich zufrieden und überließ mich sorglos der
Nachtruhe.

Frühmorgens waren vier Dienerinnen, lauter schöne und edelgeborene Nymphen,
damit beschäftigt, die Säle ihrer Herrin in Ordnung zu bringen. Die eine bedeckte
die Thronsessel mit herrlichen purpurnen Polstern, eine zweite stellte silberne
Tische vor die Sessel und setzte goldene Körbe darauf, die dritte mischte in
einem silbernen Kruge den Wein und verteilte goldene Becher auf den Tischen
umher; von der vierten endlich wurde frisches Quellwasser herbeigetragen, der
Kessel auf den Dreifuß gesetzt und die Glut darunter geschürt, bis das Wasser
kochte. Dieses mußte mir zu einem erquickenden Bade dienen, und als ich darauf
gesalbt und angekleidet war, sollte ich in Kirkes Gesellschaft das Morgenmahl
genießen. Aber obgleich reichliche Speisen vor mir auf meinem Tische standen,
streckte ich doch nicht die Hände darnach aus, sondern saß schweigend und kummervoll
meiner schönen Wirtin gegenüber. Als diese mich endlich nach der Ursache meines
stummen Grames fragte, da sprach ich: ›Welcher Mann, der noch ein Gefühl für
Recht und Billigkeit hat, könnte sich auch an Speise und Trank erfreuen, solange
er seine Freunde im Elende weiß? Wenn du willst, daß ich mit Lust bei dir genießen
soll, so laß mich meine lieben Genossen mit Augen sehen!‹

Kirke ließ sich nicht lange bitten, sie verließ das Gemach, ihren Zauberstab
in der Hand. Draußen schloß sie die Türe des Kofens auf und trieb alle meine
Freunde heraus, die mich, der ich inzwischen auch herbeigekommen war, in der
Gestalt neunjähriger Schweine umwimmelten. Nun ging sie bei allen umher und
bestrich jeden mit einem andern Safte. Auf einmal schälten sie sich aus der
borstigen Hülle und wurden alle zu Männern, und zwar jünger und schöner, als
sie vorher gewesen waren. Freudig eilten sie auf mich zu und reichten mir die
Hände; als sie aber ihres elenden Schicksals gedachten, fingen sie alle zu weinen
und zu jammern an. Die Göttin sprach darauf schmeichelnd zu mir: ›Jetzt, lieber
Held, habe ich ja deinen Willen getan. Tu du nun mir auch den Gefallen und laß
dein Schiff ans Ufer ziehen, birg seine Ladung in den Felsengrotten des Ufers
und laß es dir dann mit deinen lieben Genossen wohl bei mir sein!‹

Ihre Schmeichelrede gewann mein Herz. Ich suchte das Schiff und die zurückgebliebenen
Freunde auf, die mich schon lange für tot beklagt hatten und nun mit Freudentränen
auf mich zustürzten. Als ich ihnen den Vorschlag machte, das Schiff ans Ufer
zu ziehen und bei der Göttin einzukehren, zeigten sich auch sogleich alle willig,
nur Eurylochos wehrte die Genossen ab und sprach zu ihnen: ›Habt ihr denn ein
gar so großes Verlangen nach eurem Verderben, daß ihr in den Palast der Zauberin
eingehen wollt, die uns alle in Löwen, Wölfe und Schweine verwandeln und zwingen
wird, in dieser scheußlichen Gestalt ihr Haus zu hüten? Wie ist der Zyklop mit
unsern Freunden umgegangen, als der Unverstand des Odysseus uns ihm in die Hände
geliefert?‹ Als ich diese Schmähung hörte, empfand ich einige Lust in mir, das
Schwert zu ziehen und ihm den Kopf vom Rumpfe zu schlagen, obgleich er nahe

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