Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

Meine Begleiter fuhren freudig empor, als sie die schöne Waldbeute auf meinen
Schultern erblickten. Geschwind wurde das Tier geschlachtet und ein Festschmaus
angestellt, indem wir, was von Brot und Wein zu finden war, auf dem Schiffe
zusammensuchten. Nun meldete ich ihnen von dem Rauche, den ich entdeckt hatte.
Aber meine Freunde wurden ganz mutlos, denn alle mußten an die Höhle des Zyklopen
und den Hafen des Lästrygonenköniges denken, wo uns die Hoffnung beidemal so
grausam irregeführt hatte. Ich allein blieb mutig unter ihren Tränen. Ich teilte
alle meine Genossen, soviel ihrer mir geblieben waren, in zwei Scharen und gab
der einen mich selbst, der andern den Eurylochos zu Anführern. Dann schüttelten
wir Lose in einem ehernen Helme. Das Los traf den Eurylochos, und er mußte sich
sofort mit zweiundzwanzig Genossen, die ihm nur unter Seufzern folgten, auf
den Weg machen, nach der Seite, von welcher ich den Rauch hatte aufsteigen sehen.

Diese Schar fand bald den herrlich aus behauenen Steinen aufgeführten Palast
der Göttin Kirke in einem anmutigen Tale der Insel versteckt. Wie staunten aber
meine Genossen, als sie in der Umzäunung des Hofes und vor der Pforte des Wohnhauses
Wölfe mit spitzigem Gebiß und Löwen mit zottigen Mähnen umherwandeln sahen.
Voll Angst erblickten sie die gräßlichen Ungeheuer und dachten schon darauf,
wie sie sich aus dem unheimlichen Orte durch die schleunigste Flucht retten
möchten. Aber bereits waren sie umringt von den wilden Tieren. Diese taten ihnen
jedoch nichts zuleide, stürzten auch nicht, wie solche Bestien pflegen, mit
einem Satze auf sie zu, sondern sie näherten sich ihnen langsam und schmeichelnd,
und trugen ihre langen Schweife wedelnd aufgerichtet, wie Hunde, wenn sie dem
Herrn entgegengehen, der ihnen gute Bissen von einem Schmause mitbringt. Es
waren dies, wie wir nachher erfuhren, lauter durch die Zauberkünste Kirkes verwandelte
Menschen.

Da die Tiere ihnen nichts anhatten, faßten meine Freunde wieder Mut und näherten
sich der Pforte des Palastes. Aus diesem hörten sie die Stimme Kirkes, die eine
vortreffliche Sängerin war, erschallen. Sie sang zu ihrer Arbeit; denn sie saß
eben über dem Gewebe eines großen, wundervollen Gewandes, wie es nur Göttinnen
zu wirken verstehen. Der erste, der einen Blick in den Palast geworfen hatte
und sich dieses Anblicks erfreute, war der Held Polites, der mir besonders befreundet
war. Auf seinen Rat riefen unsere Freunde die Bewohnerin heraus, und sie erschien
auch wirklich freundlich an der Pforte und nötigte alle Angekommenen herein,
mit Ausnahme ihres Führers Eurylochos, der ein besonnener Mann war und, durch
die früheren Vorfälle gewarnt, irgendeinen Betrug witterte.

Die andern führte Kirke gar holdselig in ihren Palast ein und hieß sie auf
hohen, schmucken Sesseln Platz nehmen. Alsdann brachte man Käse, Mehl, Honig
und herben pramnischen Wein herbei, woraus ein Gericht köstlicher Kuchen von
Kirke geknetet wurde; während dieser Arbeit aber mischte sie unvermerkt unheilbringende
Säfte unter den Teig, welche die Armen von Sinnen bringen und sie ihres Vaterlandes
vergessen machen sollten. Und wirklich wurden sie alle miteinander, sowie sie
von der verführerischen Speise gekostet hatten, in borstige Schweine verwandelt,
fingen an zu grunzen und wurden von der Zauberin samt und sonders in die Kofen
getrieben. Hier ließ ihnen Kirke statt der köstlichen Bissen Steineicheln und
Kornellen, wie andern Schweinen, zur Nahrung vorwerfen. Eurylochos hatte von
weitem das alles zum Teile mit angesehen, zum Teile geschlossen. Er eilte, was
er nur konnte, zu unsrem Schiffe zurück, um das schreckliche Schicksal unsrer
Freunde mir und den Zurückgebliebenen zu verkündigen. Als er aber bei uns ankam,
konnte er anfangs kein einziges Wort hervorbringen, weil ihm die entsetzliche
Angst noch immer die Sprache raubte; aus seinen Augen stürzten Tränen, und seine
Seele war ganz in Jammer versenkt. Wie wir nun alle voll Verwunderung in ihn
drangen, zu sprechen, fand er endlich Worte und erzählte das jämmerliche Schicksal
der andern Freunde. Auf diese Schreckensbotschaft warf ich Augenblicks mir das
Schwert um die Schultern und den Bogen darüber, dann befahl ich ihm, mich auf
der Stelle den Weg nach dem Palaste zu führen. Er aber umschlang mir mit beiden
Armen die Knie und flehte mich an, zurückbleiben zu dürfen und selbst zurückzubleiben.
›Glaube mir‹, schluchzte er, ›du kehrest weder selbst um, noch bringst du einen
der verlorenen Freunde zurück. O laß uns von diesem verwünschten Strande fliehen!‹
Ihm nun erlaubte ich zu bleiben; ich selbst aber gehorchte der Notwendigkeit
und ging. Auf dem Wege begegnete mir ein blühender Jüngling, mit dem holdesten
Reiz der Jugend geschmückt, und streckte mir den goldenen Stab entgegen, an
welchem ich Hermes, den Boten der Himmlischen, erkannte. Er faßte mich freundlich
bei der Hand und sprach: ›Armer, was rennest du so, aller Gegend unkundig, durch
das Waldgebirg? Deine Freunde sind bei der Zauberin Kirke in Schweineställe
gesperrt. Willst du gehen, sie zu erlösen? Eher wirst du auch zu den andern
gesteckt werden! Nun wohl, ich will dir ein Mittel an die Hand geben, dich zu
bewahren. Wenn du dieses Heilkraut bei dir trägst› - und mit diesen Worten grub
er eine schwarze Wurzel mit milchweißer Blüte aus dem Boden und nannte sie mir
Moly -, ›so vermag ihr Betrug nicht, dir zu schaden. Sie wird dir nämlich ein
süßes Weinmus bereiten und ihre Zaubersäfte dareinmengen. Dieses Kraut aber

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