Gustav Schwab - Odysseus

admin am Mrz 29th 2008

Gesellen sogleich ein. Der Schlauch wurde aufgelöst, und kaum war das Band los,
so brausten alle Winde miteinander daraus hervor, und die Windsbraut riß unsre
Schiffe wieder hinaus in die offene See.

Ich selbst fuhr über dem Brausen aus dem Schlafe empor. Als ich das Unglück
sah, das angerückt war, überlegte ich einen Augenblick bei mir, ob ich nicht
lieber über Bord springen und mich in dem Abgrund begraben sollte. Doch faßte
ich mich wieder und beschloß zu bleiben und alles, was da kommen konnte, zu
ertragen. Die Wut der Orkane warf uns an die Insel des Äolos zurück. Hier ließ
ich die Meinigen auf den Schiffen und eilte mit einem einzigen Freund und dem
Herolde in die Burg des Fürsten, den ich mit seiner Gemahlin und seinen Kindern
gerade beim Mittagsmahle traf. Sie staunten alle nicht wenig über unsere Zurückkunft,
als sie aber vollends die Ursache vernahmen, erhob sich der Verwalter der Winde
zornig von seinem Sitze und rief mir entgegen: ›Verruchter Mensch, offenbar
verfolgt dich die Rache der Götter! Einen solchen darf ich weder beherbergen
noch geleiten! Geh mir aus dem Hause, Verworfener!‹ Mit diesem Fluche jagte
er mich, den Seufzenden, von dannen, und schwermutsvoll schifften wir weiter.

Meinen Gesellen schwand aller Mut beim Ruder; es war schon wieder der siebente
Tag vergangen, und nirgends wollte sich ein Land zeigen.

Endlich kamen wir an eine Küste und zu einer turmreichen Stadt. Die letztere
hieß Telepylos und war der Sitz der Lästrygonen. Das alles wußten wir jedoch
noch nicht, und von der Stadt erblickten wir auch nichts. Der Hafen, in welchen
wir einfuhren, war vortrefflich, eng geschlossen und von allen Seiten durch
schroffe Felsen geschirmt, so daß das Gewässer in der Bucht stets ruhig und
wellenlos war. Ich knüpfte mein Schiff zuerst im Hafen an, erklomm das felsige
Ufer und schaute mich auf den Steinzacken, nach der Landseite gewendet, um.
Nirgends entdeckte ich gebautes Feld, keinen Ackersmann, keine Stiere. Nur Rauch,
wie von einer großen Stadt, sah ich gen Himmel aufsteigen. Da schickte ich zur
Erkundigung zwei auserlesene Freunde voraus mit einem Herold. Diese stiegen
ans Land und fanden bald einen Weg, der über eine Waldung der Anhöhen jenem
Rauche zuging und sie endlich in die Nähe der Stadt führte. Vor dieser begegneten
sie einer wasserschöpfenden Jungfrau, der rüstigen Tochter des Lästrygonenköniges
Antiphates. Sie stieg eben zu der Quelle Artakia hinab, wo die Einwohner ihr
Wasser holten. Das Mädchen, über dessen Größe sie sich nicht genug wundern konnten,
bezeichnete ihnen freundlich ihres Vaters Wohnung und gab ihnen die gewünschte
Auskunft über Land, Stadt und Beherrscher. Als sie nun aber in die Stadt und
an den Palast kamen, so erstarrten sie erst vor Entsetzen. Da stand die Gemahlin
des Lästrygonenköniges vor ihnen, so riesengroß wie der Gipfel eines Berges.
Denn die Lästrygonen waren Riesen und Menschenfresser. Auch rief die Königin
sogleich ihrem Gemahl, und dieser griff zum Gruße nach dem einen der Gesandten
und befahl sogleich, ihn für sich zum Abendessen zuzurüsten. Die zwei andern
nahmen in der Todesangst die Flucht nach den Schiffen. Der König aber rief brüllend
die ganze Stadt unter die Waffen, und über tausend Lästrygonen, lauter Riesen,
den Giganten ähnlich, kamen heraus und schleuderten große Feldsteine nach uns,
so daß man auf den Schiffen nichts als das Geschrei Sterbender und das Zusammenkrachen
der getroffenen Schiffsbalken hörte. Nur mein eigenes Schiff war von mir hinter
einem Felsen so angebunden worden, daß es die Steine nicht treffen konnten.
Als nun die übrigen Schiffe am Versinken waren, nahm ich von ihrer Mannschaft
in dasselbe auf, soviel meiner Freunde noch unverletzt waren, und entrann mit
ihnen auf meinem Schiffe unversehrt aus dem Hafen. Die andern Fahrzeuge aber
versanken mit einer Unzahl Toter und Sterbender in den Abgrund.

Nun fuhren wir auf dem einzigen Schiffe zusammengedrängt weiter und kamen wieder
an eine Insel mit Namen Aiaia. Hier wohnte eine sehr schöne Halbgöttin, ein
Kind des Sonnengottes und der Okeanostochter Perse und Schwester des Königes
Aietes. Sie hieß Kirke und hatte einen herrlichen Palast auf der Insel. Wir
aber wußten nichts von ihr. Wir fuhren in eine Bucht der Insel ein, legten unser
Schiff vor Anker und lagerten uns, müde von der Anstrengung, voll Verdruß und
Betrübnis, im Ufergrase. Am dritten Morgen machte ich mich, mit Schwert und
Lanze bewehrt, auf, das Land auszukundschaften. Endlich ward ich einen Rauch
gewahr, und dieser stieg aus Kirkes Palast auf. Doch ging ich nicht sogleich
auf die Spur los, sondern durch frühere Gefahren gewitzigt, kehrte ich erst
zu meinen Freunden zurück und sandte Späher aus. Wir hatten auch alle schon
lange keine genügende Nahrung zu uns genommen. Da erbarmte sich auf meinem Rückwege
der Götter einer über uns und schickte mir einen Hirsch mit hohem Geweih in
den Weg, der durstig aus dem Walde zum Bache hinunter in raschen Sätzen stürzte.
Ich schoß ihn im Laufe, indem ich ihn mit meiner Lanze mitten in das Rückgrat
traf, daß sie unten am Bauche wieder hervordrang. Dann zog ich die Lanze, mit
dem Fuße auf das Tier gestemmt, aus der Wunde, macht mir ein Seil von Weidenruten,
band es dem Wild um die Füße und trug es so um den Nacken gehängt zu dem Schiffe,
indem ich mich bei der ungewohnten Last unter dem Gehen auf meine Lanze stützen
mußte.

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